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Pola X

Dunkle helle Welt

 

„Pola X“ von Léos Carax nach Herman Melvilles Roman „Pierre“

 

Malcom Lowry, der Autor des Romans „Unter dem Vulkan“, hat in einem Brief einmal bekannt, dass er sich mit Herman Melville und seinem Leben identifiziert habe: „Sein Versagen hat mich aus irgendeinem Grunde ungeheuer fasziniert, und es kommt mir vor, dass ich schon mit jungen Jahren beschlossen habe, dem auf jede denkbare Art nachzueifern – aus welchem Grund mir ‘Pirre’ schon immer sehr gut gefallen hat.“

 

Auch für Léos Carax, der seit „Die Liebenden vom Pont-Neuf“ abgetaucht war, ist Melville ein Bruder und Seelenverwandter. Und dessen negativer Entwicklungsroman „Pierre, or The Ambiguities“ von 1852, der seinen Autor bei der zeitgenössischen Kritik in den Ruf brachte, geistesgestört zu sein, und der heute als Vorläufer einer postmodernen Literatur gilt, dient Carax als handlungsleitende und titelgebende Vorlage für seinen neuen Film „Pola X“. Dabei findet in mehrfacher Hinsicht eine Identifikation des Regisseurs, dem der Roman seit seinem 19. Lebensjahr vertraut ist, mit seinem Helden statt, dessen tragische Geschichte in solipsistischer Verblendung und Selbstzerstörung kulminiert. Demgemäß hat Carax erklärt: „Meine Helden stemmen sich gegen die Welt und scheitern.“

 

„Die Welt ist aus den Fugen“, sagt eine Stimme aus dem Off, die sich auf der Tonspur mit dem kriegerischen Getöse von Explosionen und Detonationen vermischt, während eine abrupte Montage von Bildern der Zerstörung zu sehen ist. Dann wechselt die Szenerie und der Ton: Ein romantisches Motiv begleitet Pierre Valombreux (Guillaume Depardieu) auf der Motorradfahrt zu seiner verlobten Lucie (Delphine Chuillot) durch eine lichtdurchflutete, von saftigem Grün getränkte Landschaft der Normandie. Pierre, der mit seiner Mutter Marie (Catherine Deneuve) in einer unterschwellig inzestuösen Beziehung auf einem Landschlösschen lebt, ist der Erfolgsautor des unter dem geheimnisumwitterten Pseudonym Aladin erschienenen Kultbuches „A la lumière“. Doch kurz vor der geplanten Hochzeit bricht die Dunkelheit in die lichte Existenz des jungen Schriftstellers.

 

In einer grandiosen, gespenstischen Nachtszene im Wald, in der sich Traum und Trauma vermischen, begegnet er Isabelle (Katerina Golubewa), einer dunklen, mystischen Schönheit, die in ihrer endlos wirkenden Litanei nicht nur behauptet, Pierres Schwester zu sein, sondern ihn dadurch auch an die große Lüge hinter den Dingen gemahnt. Er verlässt seine Mutter, seine Freundin und seinen Besitz und folgt Isabelle nach Paris, wo sie Unterschlupf bei einer Gruppe von Kunstterroristen finden, die unter der Leitung ihres charismatischen Führers (gespielt von dem litauischen Regisseur Sharunas Bartas) auf einem verfallenen Industriegelände hausen.

 

Mit Beginn des Wald-Erlebnisses durchquert der Film verschiedene Traumkreise, die wiederum verschiedenen Bewusstseinssphären und Realitätsebenen entsprechen. Pierre, der jetzt wie besessen an einem „Großen Buch der Wahrheit“ arbeitet, koppelt die Erfahrung einer ungerechten Welt an die Suche nach dem eigenen verborgenen Ich. Aber er verliert sich, statt sich zu finden. Die Ikonographie des Films symbolisiert dieses kindliche Scheitern durch die weibliche Brust.

 

Carax inszeniert diese Passagen einer tragischen Selbstzerstörung und der Unmöglichkeit von Reinheit als völlig äußere Bewegungen. So werden die Bewusstseinszustände des Protagonisten durch ein komplexes System von Metaphern und Symbolen dargestellt, deren wichtigste Strukturmerkmale im Antagonismus, der Symmetrie und der Kreisbewegung zu finden sind. Dieses antipsychologische Konzept kennzeichnet auch die Theatralik des Spiels und den paradigmatischen Charakter des gesprochenen Wortes. Dabei mögen die leidenschaftliche Bilderwut und überschwängliche Rhetorik überspannt und maßlos wirken, sie sind jedoch zugleich eine Reverenz an Abel Gance, den bedeutenden ästhetischen Erneuerer des französischen Kinos nach dem Ersten Weltkrieg und ein großes Vorbild von Carax.

 

In einer Szene schlägt Pierre wie besessen eine zugemauerte Tür ein, um dann ernüchtert feststellen zu müssen, dass der Raum dahinter leer ist. „Was suchst du?“, fragt seine Mutter. In einer anderen Szene sitzt er in einem Fernsehstudio, um seiner Leserschaft das Geheimnis seiner Identität zu enthüllen. Aber dann bleiben seine bebenden Lippen stumm; und als er schreit, kann der Zuschauer das nur sehen.

 

Dieser Mensch kann weder sich noch die Welt verstehen; weder in der hellen noch in der dunklen Welt gibt es Sicherheit.

 

Wolfgang Nierlin

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: Rhein-Neckar-Zeitung vom 13.12. 1999

 

Pola X

POLA X

Frankreich / Deutschland / Schweiz / Japan - 1999 - 134 min. - Verleih: Arthaus, Arthaus (Kinowelt Home) (Video) - Erstaufführung: 9.12.1999/13.6.2000 Video - Produktionsfirma: Vega/Degeto/Canal +/France 2 Cinéma/Euro Space/Pola Production/Theo Films/Pandora/La Sept-Arte/Arena/Télévision Suisse-Romande

Produktion: Bruno Pesery, Karl Baumgartner, Dschingis Bowakow, Raimond Goebel, Kenzo Horikoshi, Albert Prévost

Regie: Léos Carax

Buch: Léos Carax, Jean-Pol Fargeau, Lauren Sedofsky

Vorlage: nach dem Roman "Pierre ou Les Ambiguites" von Herman Melville

Kamera: Eric Gautier

Musik: Scott Walker

Schnitt: Nelly Quettier

Darsteller:

Guillaume Depardieu (Pierre)

Catherine Deneuve (Marie)

Katerina Golubeva (Isabelle)

Delphine Chuillot (Lucie)

Laurent Lucas (Thibault)

Petruta Catana (Razerka)

Sarunas Bartas (Chef)

Mihaella Silaghi (Kleine)

 

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