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Play

 

 

Ruben Östlund ist zwar nicht der Sarrazin des schwedischen Kinos, sein neuer Film "Play" hat trotzdem wenig Interesse daran, die Welt besser zu verstehen.

"Play", der dritte Langfilm des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund (nach "Gitarrmongot" und "De ofrivilliga"), schreibt sich ein in ein noch kleines Werk, das die breit aufgetragene Misanthropie eines Roy Andersson mit der Form freier Beobachtung zu verbinden trachtet: Episoden aus der Hölle des Zwischenmenschlichen. Aber während Andersson es nicht unter der conditio humana macht, interessiert sich Östlund, ausgehend von der mittelgroßen Stadt Göteborg, für kleinteiligere Zusammenhänge des sozialen Elends.

In "Play" geht es um fünf schwarze und, ihren Namen nach, muslimische Jungs, die drei in etwa gleichaltrige Nerds abziehen - vor allem aber um das quälend lange Vorspiel, das für die Aggressoren, daran lässt der Film keinen Zweifel, den eigentlichen Reiz der Unternehmung ausmacht. Mehr als um die Mobiltelefone und iPods als Beute geht es um die Lust an Macht und Manipulation, und um die totale Ergebenheit, mit der die drei Opfer sich in ihr Schicksal fügen. Immer weiter weg vom Stadtzentrum lassen sie sich erst locken, dann drängen und schließlich stoßen, jeder Ausbruchsversuch bleibt, zu unentschlossen, auf halbem Weg stecken. Für den Zuschauer eine einzige, nicht enden wollende Frustration, die sich, so könnte man denken, an jene gesamtgesellschaftliche Frustration mimetisch anschmiegen soll, die von der Wahrnehmung eines Mangels an "Integrationsbereitschaft" der Zugewanderten ausgeht.

Aber "Play" will keine schwedische Adaption von "Deutschland schafft sich ab" sein, sondern fragt, mindestens einen Dreh klüger: Spiegelt das Verhalten der fünf nicht die Vorurteile zurück, die ihnen auf Schritt und Tritt begegnen? Hinweise dafür finden sich genug, man muss sie nur auflesen. Ein wenig spielt "Play" auch mit dem Zuschauer, mit mir: Habe ich mir nicht dadurch bereits eine Blöße gegeben, dass ich darauf bestand, die fünf Jungs als schwarze Moslems einzuführen? (Wobei, so holzhammerpädagogisch fühlt sich der Film zum Glück selten an.) Dennoch: Ist klüger als Sarrazin schon klug genug?

Östlund heftet sich mit Absicht an die Außenseite der Vorgänge, zeigt sie uns in lange gehaltenen Totalen, welche die Qual der Schikanierten ebenso wie die Teilnahmslosigkeit des Zuschauers herauspräparieren: Wenn einer der Nerds knapp daran scheitert, sich mit hundert Liegestützen aus der Geiselhaft freizukaufen, dann mutet uns "Play" diesen ermbärmlichen Anblick aus voyeuristischer Distanz und in integraler Dauer zu. "Nicht wegschauen", redet Östlund uns ins liberale Gewissen, aber auch: "Warum schreitet niemand ein?" Manchmal hat man den Eindruck, "Play" sei der Fehdehandschuh, den Östlund einer bestimmten Sorte linker Repräsentationskritik entgegenschleudert: "Aber wenn es doch wahr ist!" Oder in der hierzulande zuletzt sehr beliebten Variante: "Man wird doch noch sagen dürfen!"

Selten hat dieser Affekt dazu geführt, dass sich irgendetwas klärt, und "Play" ist da leider keine Ausnahme. Zudem verstößt Östlund gegen seine eigenen Regeln und bringt sein ethisches Projekt in eine Schieflage. Wo es vorgeblich um die Äußerlichkeit des Sozialen geht - um das, was sich der Kamera ohne Rücksichten und Zusatzannahmen offenbart - versagt der Film (mit Ausnahme einer einzigen, viel zu kurzen Szene) an der eigentlich einfachen Aufgabe, einfach ein bisschen, meinetwegen auch ganz leere Zeit mit seinen Bösewichten zu verbringen. Nur den Opfern gesteht "Play" dieses Privileg zu, nur sie werden zu - wenngleich völlig passiven, leidenden - Subjekten. Kein Wunder, dass Yannick, einer der Täter, nach seinem Namen gefragt, "Muhammad" (in den Untertiteln in Anführungsstrichen) antwortet. Was wiederum deutlich macht, dass "Play" seinen Kritikern immer einen Schritt voraus sein möchte. Dies führt jedoch nicht, wie es Östlunds Absicht gewesen sein mochte, zu einer vollständigeren, von den Scheuklappen der Political Correctness entbundenen Auffassung. Ist, was mich am meisten - und vom ersten, unangenehmen Moment an - verzweifeln ließ, doch gerade der stiere Blick, mit dem "Play" das ganze Treiben ansieht. Da helfen all die gegenläufigen Indizien und doppelten Böden nichts: Wer die Welt so sieht, hat kein Interesse daran, sie besser zu verstehen.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Play
Dänemark, Schweden, Frankreich 2011 - 124 Min. - Verleih: Fugu Filmverleih - Kinostart: 24.01.2013 - Regie: Ruben Östlund - Drehbuch: Ruben Östlund - Kamera: Marius Dybwad Brandrud - Schnitt:  Ruben Östlund, Jacob Secher Schulsinger - Musik:  Saunder Juurians, Danny Bensi- Darsteller: John Ortiz, Anas Abdirahman, Sebastian Blyckert, Yannick Diakité, Sebastian Hegmar, Abdiaziz Hilowle, Nana Manu, Kevin Vaz  

  

 

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