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Die Piroge

 

 

Kein Land in Sicht ist in Moussa Tourés Flüchtlingsdrama "Die Piroge".

Der Senegalese Moussa Touré ist seit gut dreißig Jahren als Regisseur tätig und hat mehr als ein Dutzend Filme realisiert. Auf IMDb sind lediglich vier davon angeführt. Nicht nur der notorische Mangel an finanziellen Mitteln, sprich: nicht nur ökonomische, sondern auch diskursive Ausschlussmechanismen wie Nichtbeachtung und Ignoranz, bringen jene typisch afrikanischen Filmografien hervor, die aus nur einer Handvoll von Titeln zu bestehen scheinen. Nichtbeachtung und Ignoranz: Unter dieser Überschrift könnte man auch das Verhältnis des regulären deutschen Kinobetriebs zum afrikanischen Filmschaffen der Gegenwart beschreiben. Umso erfreulicher, dass Tourés neuer Spielfilm, das Flüchtlingsdrama "Die Piroge", den Weg zu einem deutschen Verleih gefunden hat (was vermutlich auch damit zu tun hat, dass der Evangelische Entwicklungsdienst im Vorspann neben den üblichen Verdächtigen aus Frankreich - Arte, Canal+ und Centre national du cinéma - als Förderinstanz auftritt).

"La pirogue" setzt ein mit einer Ringkampfszene: Ein muskulöser junger Mann wird rituell anmutenden Waschungen unterzogen, von den umliegenden Sitzrängen schallt der Singsang hunderter Schlachtenbummler. Der Kampf selbst wird nur einen flüchtigen Augenblick dauern, schon sind wir beim Heimweg, auf dem zwei junge Fischer, Baye Laye und Kaba, sich über das beim Ringkampf ausschlaggebende Talent streiten: Kraft oder Wendigkeit? Als der Kampf noch im Gange war, hatte sich auf den Zuschauerrängen noch etwas anderes zugetragen, das man erst später verstehen wird: in die Tiefe gestaffelte und durch Schärfenverlagerungen vermittelte Nahaufnahmen einiger Männer, einander intensive Blicke zuwerfend. In dem konspirativen Blickwechsel deutet sich das gefährliche Vorhaben an, von dessen Durchführung "Die Piroge" handeln wird.

Bevor es so weit ist, nimmt sich der Film noch etwas Zeit, den Ausgangsort seiner Bewegung auszumalen: Eine Ortschaft irgendwo an der senegalesischen Küste, junge Fischer vor ausgefischten Gewässern, thesenhafte Alltagsvignetten. Wenn Abou, der von einer Musikerkarriere in Paris träumt, die Frau seines Bruders Baye Laye auf Französisch grüßt, hallt es trotzig zurück: "Aleikum salam!" Und als Baye Laye ihr den Plan offenbart, in einer Piroge (eigentlich: Einbaum) nach Spanien überzusetzen, erwidert sie nur: "Geh lieber nach China, Europa steckt in der Krise." Leider findet der Film kein Verhältnis zu seinen Figuren, das die mechanische Didaktik solcher Passagen überschreiten oder doch wenigstens verkomplizieren könnte. Die seltsam unbehauste Welt, wenig mehr als ein Gerüst zur Anbringung der ebenso groben Figurensoziologie, bleibt auch filmästhetisch unterbestimmt. Professionell kadriert und farbkorrigiert, machen die HD-Bilder einen manchmal sterilen Eindruck. Touré weiß Bescheid und will, dass wir es ihm gleichtun: Erklärung triumphiert über Entdeckung.

Erst auf dem Boot kommt "Die Piroge" zu sich - und auch dort nur momentweise, in jenen herausstechenden Szenen, die sich entweder den Naturgewalten oder im Gegenteil der filmischen Form ausliefern. Kurz vor dem Ende, wenn die Überlebenden der strapaziösen Fahrt jeder für sich ein eigenes Voice-over bekommen, worin die individuellen Geschichten ins Parabolische kippen, beweist Touré, dass er mehr ist als ein professioneller Abwickler tagespolitisch relevanter Themenfilme. Der didaktische Impuls liegt an der Oberfläche, wird von der Positivität des Bescheidwissens umgebogen zur kritischen Transparenz der filmischen Mittel.

Auch wenn diesen klapprigen Kahn äußerlich wenig mit dem auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtschiff Costa Concordia verbindet, auf dem Godard seinen "Film Socialism" drehte: Der Heterotopos der Seefahrt ist allerorten leck. In den besten Momenten von "Die Piroge" gelingt es Touré, ihn doch noch einmal zu beschwören, als sich entziehendes Versprechen von einem besseren Leben auf der anderen Seite des Ufers; ein Versprechen, an dem das diesseitige Elend sich umso deutlicher konturiert. Wenn die Kamera einmal nicht ganz nah bei den Gesichtern der Flüchtlinge verweilt, schweift der Blick gen Horizont. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, weder für den Film, noch für seine Figuren. Kein Land in Sicht.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Die Piroge

Senegal, Frankreich, Deutschland 2012 - Regie: Moussa Touré - Darsteller: Souleymane Seye Ndiaye, Laïty Fall, Malaminé 'Yalenguen' Dramé, Balla Diarra, Salif 'Jean' Diallo, Babacar Oualy - Laufzeit: 87 min. Kinostart (D): 18.04.2013  

 

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