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Pina

 

 

 

Raunen


Die erste Einstellung von Wim Wenders "Pina" simuliert den Guckkastenblick aufs Theater aus den hinteren Reihen. An der Bühnenwand trifft der Blick auf ein hingekrakeltes "Alles vorbei. 2009". Ein Anfilmen gegen den Guckkastenblick ist dieser Film, der sich als Aufhebung von Pina Bauschs choreografischen Arbeiten in 3D-Bilder geriert, dem stolz ausgestellten eigenen Verständnis nach. Es gibt manchen Grund dafür, dass "Pina" schwer erträglich ist: das erwartbare Weihevolle seines Herangehens, das komplett analysefreie Gerede der Pina-Tänzerinnen und -Tänzer. Ein komplett hagiografischer Blick auf alles und jedes, das Pina Bausch je tat. Das fernsehkultursendungstaugliche Geschnipsel aus Tanz, Talking Head, Archivaufnahmen und Bedeutung behauptendem, aber nirgends historisch, theoretisch oder sonstwie begründendem oder unterfütterndem Geraune. All das ist schlimm, das eigentliche Scheitern von "Pina" hat seinen Grund anderswo: Wenders übereignet den theatralen und choreografierten Raum einem Verständnis von Film (a fortiori in 3D), das man kaum anders als barbarisch nennen kann.

Tanz ist Arbeit an Bewegung von Körpern im Raum. Choreografiert wird für einen spezifischen Blick: den des Zuschauers im Theater. Fürs Tanztheater der Pina Bausch ist das aus historischen Gründen der westliche Guckkastenblick. Für ihn messen die Tänzerinnen und Tänzer Raumverhältnisse aus: in den Bewegungen miteinander und gegeneinander und ohne einander. Die Dynamik des Raums ist die Dynamik sämtlicher Bewegungen in ihm. Das Hineinschneiden in den so aufgespannten Raum mit anderen, nämlich Kamera-Perspektiven ist zwar die übliche brutale Praxis von Fernseh-"Inszenierungen" von Theater und Tanz, darum aber um keinen Deut weniger ein Eingriff, der begründet sein will und nur als genuin filmisch argumentierendes Konzept einer anderen, neuen Raumauflösung begründet sein kann. Das gilt sehr grundsätzlich und in 3D noch grundsätzlicher.

Eine solche Begründung wird in Wenders' Hereinmischung unters Tanzvolk nirgends erkennbar. Plump stellt er die Kamera immer so hin, dass sie den besten Blick aufs Geschehen hat. Tanzbewegungen laufen nun auf die Kamera zu, sie wird zum zusätzlichen und herausgehobenen - aber unsichtbar bleibenden - Spieler im dynamischen Feld, der in narzisstischer Manier alles auf sich und nichts andres bezieht. Mit dieser kamerazentrischen Umperspektivierung wird die Eigenlogik der Bewegung der Tänzer im Raum auf brutale Weise zerstört und der Raum verliert seine eigentlichen choreografischen Dimensionen. Die 3D-Illusion tritt dadurch von außen hinzu und hinein, nicht als genuine und eigene Auffassung des Bühnenraums, sondern als ganz äußerlich bleibender Schein.

Ja, es wäre eine Kamera denkbar, die den Kampf aufnimmt mit dem anderen Medium, auch in 3D. Eine Film-Inszenierung, die der Tanz-Choreografie auf den Kopf zusagt, dass das mit ihr im Kino so nicht geht, aber anders. Ein Film, der sich um die Gesetze der anderen Kunst mit Absicht nicht schert und zwischen und mit Körpern und ihren Bewegungen sein eigenes Ding macht. Der das Bühnenbewegtbild mit dem Filmbewegtbild intelligent konfrontiert. Nichts dergleichen aber versucht auch nur Wenders. Vollends kulinarisch wird es in jenen Sequenzen, in denen die Bausch-Tänzerinnen und -Tänzer den Wuppertaler Stadtraum nach Art von Klassikradio-Best-of-Häppchen betanzen. Oh ja, diese Bilder sind "schön", die Musik ist "schön", wie ja auch viele spätere Bausch-Sachen - hier durch "Vollmond" von 2006 vertreten -, immer auch auf jene Weise "schön" waren, für die es ein in der Kunstbetrachtung gut eingeführtes Wort gibt, das Wenders' Bühnenweihefestspiele vollumfänglich beschreibt: "Pina" ist nicht mehr und nicht weniger als der reine Kitsch.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Pina
Deutschland / Frankreich 2010 - Regie: Wim Wenders - Darsteller: (Mitwirkende) Ales Cucek, Anna Wehsarg, Fabian Prioville Azusa Seyama, Andrey Berezin - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 100 min. - Dt. Start: 24.2.2011

 

 

 

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