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Picco

 

 

 

Geladen

Ich habs nicht geglaubt, dass ich mich von einem deutschen Film so packen lasse wie von „Picco“, und ich bin da nicht allein. Letztes Jahr lief er auf dem Festival in Cannes (La Quinzaine) und bekam nichts als Lob, unisono. Dabei ist sein Thema genau das, was sonst aus dem Kino treibt. Bloß, man bleibt hier bis zur letzten Minute, gebannt. Sozusagen selbst im Knast, in welchem der Film spielt. Da kommst du nicht so leicht raus. Den Film hindurch im Jugendknast, den Zellen, dem Viereck des Hofs. Der Neue, der Picco, in der Gemeinschaftszelle. Die Rituale. Krass gemobbt. Opfer, das Täter werden kann (wie wir im Lauf des Films erfahren). Oder Opfer, das Opfer bleibt. Gedemütigt. Vergewaltigt. Die Schlinge um den Hals.

Ein Betroffenheitsfilm? Genau das nicht. Regisseur Philip Koch, 28, hütet sich vor Zuschreibungen. Es gibt keinen Off-Kommentar. Es wird nicht bewertet. Die Jungs haben ihre eigene Sprache („Poesie, sagst du? Bist du schwul?“). Der Knast ist nicht in gut und böse eingeteilt. Da Musik außen vor bleibt (nur einmal wird Rammsteinmäßiges eingesetzt), fehlt es an emotionalen Schutzräumen. Hintergrundgeräusche drängen in den Vordergrund. Möwen, die man nicht sieht, schreien über dem Knasthof. Der Zuschauer ist dem, was er sieht und hört, ausgesetzt.

Alle Beteiligten sind in den Zwanzigern. Vielleicht ist es das, was den Film so glaubhaft macht. Unversehens nimmt man „Picco“ als Dokumentarfilm wahr. Ein Rezeptionserlebnis! Aber ein schlimmes. Wem es so geht wie mir, der sich beteiligt fühlt und verantwortlich gemacht für das, was im Landshuter Knast passiert, sieht sich in der Täterriege. Warum? Als einer, der wegkuckt. Kurz vor Göttingen, rechts neben der Autobahn, steht so ein Knast in der Pampa. Hohe Mauer rum, Wachtürme, gleißendes Licht, - und ich weiß genau oder müsste es wissen, dass dahinter die Hölle ist, die Perfektionierung der Jugendlichen zu Verbrechern. Oder zu Selbstmördern. Während unsere Justiz scheinheilig versichert, dass der Knast nur zum Besten der Einsitzenden ist. – Der Film kommentiert ja nicht. Grad deswegen nimmt man ihn so intensiv wahr. Und deswegen empören mich die wirklichkeitskonträren, folgenlosen und vernebelnden Worte des Bundesverfassungsgerichts, die Vollzugsgestaltung sei verfassungsgemäß „vor allem auf soziales Lernen sowie die Ausbildung von Fähigkeiten und Kenntnissen, die einer künftigen beruflichen Integration dienen gerichtet“. Das Urteil ist von 2006. Der Film, wie gesagt, überlässt es mir, mich an so was oder Ähnlichem zu erinnern. Ich bin geladen.

Dietrich Kuhlbrodt

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 02/2011

 

Picco
OT: Picco
Deutschland 2010 - 108 min.
Regie: Philip Koch - Drehbuch: Philip Koch - Produktion: Philipp Storm, Tobias Walker - Kamera: Markus Eckert - Schnitt: Andre Bendocchi-Alves - Verleih: Movienet - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Frederick Lau, Constantin von Jascheroff, Joel Basman, Marin Kiefer
Kinostart (D): 03.02.2011

 

 

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