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Peak

 


 

Hannes Lang wirft einen essayistischen Blick auf die gutgelaunten Oberflächen des alpinen Kapitalismus - und auf dessen morsche Rückseite.

Das erste Bild: Ein Alpenpanorama - im Hintergrund die weiße Pracht, im Vordergrund, auf einem grauen Plateau, neben einem Haufen dicker Industriekabelrohre eine Frau und ein Mann in traditionellen Kostümen. Beide beginnen mit einem Lied auf die Heimatliebe, die Kamera nähert sich ihnen schleichend aus dem Panorama in die Totale an. Der Wandel der Einstellungsgrößte offenbart den galligen Gehalt des Bilds: Die Skianlagen im Hintergrund treten deutlicher hervor, man sieht Menschen und Skifahrer auf dem Berg, die Kabelrohre nehmen mehr Raum im Bild ein. Die unberührte Heimat der Berge: Ein Kitschbild im Spielkasten vor den beiden, von dem keine Spur mehr zur faktischen Realität führt, Sache der Sachwaltung von Heimatvereinen und Nostalgikern.

Hannes Langs beeindruckender Debütfilm zeigt die Bergwelt im Umbruch, in einer Phase nach dem langen, initialen Skitourismus-Boom, in der die Gegenwart der Branche - aber auch des traditionellen Berglebens - vom Wissen darum bestimmt ist, in Zukunft Vergangenheit zu sein: Die Gletscher schmelzen ab, die Schneesohle zieht sich zurück, Temperaturunterschiede von ein bis zwei Grad bestimmen über das wirtschaftliche Wohl und Wehe ganzer Dörfer und Regionen. Und in touristisch weniger erschlossenen Gebieten bestellen die letzten, überalterten Bauern die Hänge: Noch einmal ein aufbäumendes Bücken bei der Saat - die Jugend ist längst in die Städte gezogen.

Doch Maßnahmen gegen diese Entwicklung bleiben allein der Industrie vorbehalten: Schwindelerregende Zahlen werden referiert, die die wirtschaftlichen und technischen Aufwände beschreiben, um einerseits mittels industrieller Beschneiung den Betrieb aufrecht erhalten zu können und andererseits den Schmelzprozess des natürlichen Bestands wenn schon nicht vollumfänglich abzuwenden, so doch abzubremsen: Menschen legen Planen, um den Schnee vor der Sonne zu schützen, Stauseen werden gesprengt, um abfließendes Wasser zu sammeln. Im Sommer liegen die künstlichen Skidörfer, bestehend aus Hotels mit brutalistischer Architektur frei - Geisterstädte von apokalyptischer Schwere, im Winter brodelt dort das Leben.

"Peak", wohlgemerkt, ist kein Empörungsfilm: Für die Affektinteressen eines gereizten Wutbürgertums bietet er keine Andockfläche. Das Urwüchsige wird gegenüber den Manövern einer ratlosen Industrie nicht essenzialisiert und in Stellung gebracht. Lang beobachtet - und wahrt dabei buchstäblich Distanz: Panorama und Totale genießen unter den Einstellungsgrößen privilegierten Rang. Aus den berüchtigten "Talking Heads", die im Dokumentarfilm sonst salopp Expertisen und Anekdoten beisteuern, werden Menschen in der Landschaft - verloren, unbeholfen, ratlos. Nicht, weil Lang sie denunzieren möchte - sondern, weil es das passende Bild zur Lage ist: Die bildästhetische Souveränität von Menschen im Anschnitt wäre hier fehl am Platz.

Die lang gehaltenen Panoramen und Totalen rücken den Film in die Nähe des Essayfilms. Vor der Gravitas der stoisch ruhenden Berge muten die Manöver eines hochgepitchten, hochtechnologisierten Kapitalismus, der einerseits aus der Routine der Verwertung zur Aufrechterhaltung des Betriebs nicht herausfällt (immer wieder gondeln im Hintergrund Skilifte wie außerirdische Artefakte durch eine karge Mondlandschaft), andererseits aber händeringend nach Möglichkeiten sucht, die selbstverursachte Brachlage herauszuzögern, absurd an. Man wird fremd vor dem Geschehen und völlig fremd daneben: Die Skifahrer auf der Piste, unbekümmert, als ob drumherum nichts wäre. Abends treffen sie sich im Kokon eines Clubs und feiern sich - auch hier wahrt der Film Distanz, bleibt draußen vor der Tür - beim Hüttenabend in die fröhliche Besinnungslosigkeit. Gutgelaunte Oberfläche eines Kapitalismus, dem unterseitig längst die eigene Grundlage abhanden zu kommen droht.

Filmästhetik wird zum Erkenntnisinstrument. "Peak" handelt vordergründig von den Bergen und den letzten Dingen sich neigender Kulturen. Ein Krisenfilm, der fünf Jahre nach der Finanzschmelze im Grunde aber - sehr heutig, sehr bildstark - von weit mehr spricht.

Empfehlung am Rande: In drei Beiträgen für das Blog der Filmzeitschrift Revolver hat Regisseur Hannes Lang drei Bilder seines Films kommentiert und kontextualisiert. Sie finden sich gesammelt hier.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Peak

Deutschland, Italien 2011 - Regie: Hannes Lang - Laufzeit: 86 min. -Kinostart (D): 28.03.2013

  

 

 

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