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Paul - Ein Alien auf der Flucht

 

 

 

Greg Mottolas "Paul" hat alle Ingredienzien für entspanntes Nerd-Kino: Buddies, Kiffer, Aliens.

Dass nicht viel mit ihnen los ist, kann man schon an ihren Namen ablesen. Die Briten Greame Willy und Clive Gollings sind außerdem notorische Comicfans, tragen uncoole Frisuren und noch uncoolere T-Shirts. Folgerichtigerweise führt sie ihr US-Trip zuerst auf die Comic-Con nach San Diego und anschließend in die Nähe der popkulturell wie verschwörungstheoretisch vorbelasteten Militärbasis Area 51, wo es dem CIA schon seit Jahrzehnten gelingt, Experimente an außerirdischen Lebensformen vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Nach ein paar wenig erfreulichen Erlebnissen in lokalen Gaststätten gabeln die beiden ein schlaksiges, grau leuchtendes Wesen mit überdimensioniertem Kopf auf, das sich als Paul vorstellt und in der amerikanischen Originalfassung die Stimme von Seth Rogen besitzt. (Nebenbei bemerkt: Wenn überhaupt, dann sollte man sich "Paul" in dieser Originalfassung ansehen, denn die Art und Weise, wie Seth Rogen sich die Titelfigur nicht nur völlig zu eigen macht, sondern regelrecht durch sie hindurchscheint, an allen Ecken und Enden über sie hinausragt, ist mit Abstand das Interessanteste am Film.)

Paul, eine offensichtlich lebensfrohe Kreatur, und auch dem Konsum bewusststeinserweiternder Substanzen nicht abgeneigt, ist der behördlichen Aufsicht entflohen. Den restlichen Film verbringen er und seine beiden menschlichen Kumpels damit, vor einer Horde tumber Polizisten und Rednecks zu fliehen. Auf dem Weg schnappen sie noch Ruth Buggs (Kristen Wiig) auf, eine christliche Fundamentalistin, die beim Anblick Pauls vom Glauben abfällt und die daraus resultierende geistige Freiheit zumindest verbal ausgiebig auskostet ("Fuck-a-roo, that was the best titty-farting sleep I have ever had.")

Kifferhumor und X-Files-Zitate, eine ebenso aufdringliche wie verklemmte Bromance (Greame und Clive werden alle fünf Minuten für ein Pärchen verkannt) und harmloser Polizistenslapstick. So recht passt das alles nicht zusammen und zwar umso weniger, je länger die Verfolgungsjagd dauert und je mehr Figuren sich an ihr beteiligen. Was auch daran liegen mag, dass das beteiligte Personal untereinander nicht wirklich kompatibel erscheint. Die beiden Hauptdarsteller Simon Pegg und Nick Frost sind durch ihre Kollaborationen mit dem britischen Tarantino-Kumpel Edgar Wright in dessen hektischen, stets etwas allzu smarten, mit popkulturellen Referenzen überfrachteten Genreparodien "Shawn of the Dead" und "Hot Fuzz" bekannt geworden. Regisseur Greg Mottola dagegen legte zuletzt zwei wunderbar klassische, einander komplementäre Jungendfilme vor: den rauhbeinigen "Superbad" und den eleganten, zurückgenommenen "Adventureland"; zwei Filme, in denen das Älterwerden mit einer sehr grundlegenden Skepsis über die Welt und die eigene Zukunft begleitet ist.

Was Mottola aber an dieser Alienklamotte interessiert haben könnte, bleibt über weite Strecken unklar. In seinen besten Momenten - nämlich immer dann, wenn sich der Film ganz auf seine Titelfigur und dessen Interventionen in die in Routine festgefahrene Freundschaft seiner beiden Begleiter konzentriert - ist "Paul" zwar völlig unambitioniertes, aber immerhin entspanntes Nerd-Kino. Viel öfter jedoch erinnert der Film darin, wie er mangelnde Inspiration in der offenen Form des Roadmovies zu kaschieren sucht, an die inkonsequenten Buddy-Kiffer-Filme der Achtziger und Neunziger im Gefolge von "Cheech & Chong's Up in Smoke". Die sehen heute allesamt so aus, als seien sie von Anfang an eigens fürs Sonntagvormittagprogamm deutscher Privatsender gedreht worden. Und auch "Paul" wird wohl genau dort in nicht allzu langer Zeit gut aufgehoben sein.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de


Paul - Ein Alien auf der Flucht
Großbritannien / Frankreich / USA / Spanien 2010 - Originaltitel: Paul - Regie: Greg Mottola - Darsteller: Simon Pegg, Nick Frost, Kristen Wiig, Jason Bateman, Jane Lynch, (Stimme Paul) Bela B. - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 103 min. - Start: 14.4.2011

 

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