zur startseite

zum archiv

zu den essays

Parchim International

 

 

Wie hieß es einmal so treffend? „Ein Gespenst geht um in Europa ...“ Nach „Parchim International“ ahnt man, dass im Kapitalismus der Unternehmer nicht notwendigerweise etwas unternimmt, sondern dass mitunter nur mit Zukunftsvisionen gehandelt wird. Globalisierung als Chance zur Fantasiereise, zum hingebungsvoll exerzierten Hirngespinst. Funktioniert natürlich besonders gut in strukturschwachen Räumen, wo ein akuter Mangel an ökonomisch profitabler Zukunft herrscht. Etwa in Mecklenburg-Vorpommern, wo der chinesische Investor Jonathan Pang 2007 einen alten Militärflughafen gekauft hat und seither kolossale Pläne schmiedet. Der Flughafen Parchim-Schwerin ist ideal gelegen, so Pang, um als internationale Drehscheibe des Frachtverkehrs zwischen Europa, Asien und Afrika zu fungieren. Pang pendelt permanent zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Shanghai, um weitere Investoren für die Finanzierung und Realisierung des Jahrhundert-Projekts zu begeistern. Think big! Always! Man muss sich das Ganze in der Größenordnung von Dubai vorstellen, mit einem gigantischen Logistikzentrum, riesigen Hotelkomplexen, einer gewaltigen Shopping Mall und einem Casino. In seiner Heimat begegnet man Pangs Plänen allerdings eher reserviert, weil sie elementaren Überlegungen zur Wertschöpfung widersprechen. Ist Pang ein Parvenü?

Vor Ort in der norddeutschen Provinz vertritt der aus Bayern stammende Werner Kran die Interessen Pangs und kümmert sich um Kontakte zu kommunalen, regionalen und Bundes-Behörden. Schnell wird in der spannenden, höchst anregenden Langzeitbeobachtung von Stefan Eberlein und Manuel Fenn deutlich, dass man es bei „Parchim International“ mit einer launigen Studie über „Globalisierung und interkulturelle Kommunikation“ zu tun hat. Natürlich wäre eine Realisierung von Pangs Projekt für die strukturschwache Region ein Hauptgewinn. Entsprechend behandelt man den umtriebigen Geschäftsmann mit den großen Plänen freundlich, aber doch mit einiger Skepsis, was die Finanzierbarkeit seiner Pläne betrifft. Nach und nach entfaltet der Film unterschiedliche Kommunikationsräume, die kaum zu vermitteln sind. Während Unternehmer Pang durch die Welt jettet und Konzepte schmiedet, sitzt sein Berater Kran in der norddeutschen Provinz und reibt sich an Bürokratie und Regionalpresse. Von den Mühen der Ebene, so Kran, erfahre Pang nichts, dafür habe der Investor ohnehin keinen Sinn. Die betroffenen Anwohner beobachten die Entwicklung des Projekts, das sich nicht recht entwickelt, mit milder Nachsicht und stiller Hoffnung. Immer deutlicher treten Mentalitätsunterschiede im Umgang mit dem Begriff der Zeit zutage. Was für die Parchimer zunächst durchaus als Option auf eine bessere Zukunft erscheint, entwickelt sich über die Jahre eher zum Luftschloss: „In den letzten drei Jahren wurde hier kein Gramm Fracht transportiert“, heißt es einmal, und nicht einmal böse. Je mehr Zeit verstreicht und je länger sich auf dem Flugfeld noch immer Fuchs und Hase „Gute Nacht!“ sagen, desto stärker rückt Pang in den Mittelpunkt. Der Film spielt den Trumpf der Vertrautheit aus, den eine Langzeitbeobachtung glücklicherweise mit sich bringt. Hatte der Geschäftsmann zu Beginn noch davon gesprochen, dass es darum gehe, Steine in ein Gewässer zu werfen, um zu sehen, was passiere, so hält er sich in Krisenzeiten an die Weisheit der Natur. Im Winter stelle die Schlange ihre Aktivität ein und warte lieber auf wärmeres Wetter.

Später, beim Besuch seines Elternhauses in einem kleinen Dorf, wird deutlich, vor welchem biografischen Hintergrund der Aufsteiger Pang agiert, der in seinem Leben einmal schmerzhaft zwischen Familie und Beruf wählen mussste und sich seither im Beruf beweisen will. Weil sich das Flughafen-Projekt hinzieht, entwickelt Pang rasch eine neue Idee. Irgendwas mit Fischzucht, was allerdings aufgrund der Ressourcen in Norddeutschland so nicht zu realisieren ist. Was Pang aber nicht glauben mag. Binnenfischerei ist nicht nach Belieben skalierbar? Die Ausflüge des Films nach Shanghai zeigen doch, dass man vor Ort in China ähnlich ambitionierte Projekte wie die Flughafen-Cargo-Drehscheibe zu realisieren vermochte. Ganz pragmatisch und ohne ökologische Rücksichtnahmen. Immer wieder sieht man im Film Jonathan Pang als ausdauernden Langstreckenläufer seine Runden drehen: seine Begegnung mit Mecklenburg-Vorpommern scheint auch das Porträt zweier sehr unterschiedlicher Formen des Beharrens zu sein. Die Eröffnung des Flughafens Parchim-Schwerin ist für den Sommer 2016 geplant.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 2016/10

 

 

 


Parchim International
Deutschland 2015 - 90 Min. - FSK: ohne Altersbeschränkung - Kinostart(D): 19.05.2016 - Regie: Stefan Eberlein, Manuel Fenn - Drehbuch: Stefan Eberlein - Produktion: Kathrin Lemme - Kamera: Manuel Fenn - Schnitt: Antonia Fenn - Musik: Eckart Gadow - Verleih: Neue Visionen

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays