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Parallax Sounds Chicago

 

Die ganze Musikerszene sei im Club anwesend gewesen, man habe sich für ihn gefreut, dass er ein MacArthur-Fellowship-Stipendium ergattert hatte, aber zugleich signalisiert, dass er den Preis gewissermaßen stellvertretend für die undogmatische Haltung der Szene in „Windy City“ erhalten habe. Das war im Jahr 1999. Seinerzeit hörte man den Post-Rock der Chicagoer Band Tortoise und wurde auf die ungewöhnlich vielfältige Szene mit Bands wie The Sea & Cake, Isotope 217, Freakwater, Bobby Conn, Shellac oder NRG Ensemble aufmerksam, wusste auch um Jazz-Musiker wie Vandermark oder Rob Mazurek oder Hamid Drake. Das wirft die Frage auf, ob „Parallax Sounds Chicago“ nicht mit erheblicher Verspätung in die Kinos kommt. Schließlich ist Post-Rock schon seit geraumer Zeit wieder aus dem Fokus der Pop-Öffentlichkeit geraten.

Dennoch ist diese ungewöhnliche Musikdokumentation nicht bloße Nostalgie, weil der zwischen November 2010 und März 2012 gedrehte Film eigentlich ein Essay über die Beziehung zwischen Urbanität und Kreativität unter den spezifischen Bedingungen Chicagos ist, einer Metropole, die etwas abseits liegt. Um es mit dem Musiker Sam Prekop zu sagen: „New York reflektiert die Welt, wie sie ist. Chicago reflektiert die Welt, wie sie sein sollte.“ Abseits der Medienhochburgen stellt Chicago einen attraktiven, weil (auch) bezahlbaren Lebensraum für Künstler zur Verfügung, die mit großem Enthusiasmus ihre Vorstellungen jenseits der Moden und des Mainstreams realisieren.

Contento hat Musiker und Produzenten wie David Grubbs, Steve Albini, Damon Locks, Ian Williams oder eben Ken Vandermark in urbanem Ambiente vor die Kamera gelockt, damit sie das Hohelied des undogmatischen Neben- und Miteinander singen, das es erlaubte, sich aus Begeisterung für Kraut-Rock und Dub, für Folk und Free Jazz eine „offene“, experimentelle Musik zu entwerfen, die all dies und noch viel mehr zu fusionieren wusste.

Doch „Parallax Sounds Chicago“ ist mehr als eine Musikdokumentation. Der Film unternimmt den aufschlussreichen Versuch, den urbanen Raum Chicagos atmosphärisch auf die dort entstandene Musik zu beziehen – und zwar unter den sehr konkreten Bedingungen einer Generation von Künstlern, die mit Punk und No Wave aufgewachsen sind und die den kommerziellen Ausverkauf von Grunge miterlebten. Die hier vorgestellten Musiker streben nicht in erster Linie ins Rampenlicht, sondern ihr Interesse gilt – idealistisch gesprochen – der Musik, dem Material. Sie verhalten sich kritisch und distanziert gegenüber der Musikindustrie, aber auch gegenüber der „großen“ Politik; sie agieren – durchaus auch international – lieber auf Graswurzel-Niveau.

Tatsächlich kreist vieles von dem, was der Film zeigt, um den Begriff „alternativ“: alternativ zum Mainstream einer globalen Massenkultur, alternative Songstrukturen, alternative Musik, alternative Aufführungsorte, alternative Ethik, alternativer Habitus, alternative Ökonomie. Doch es ist Contento auch nicht vorrangig darum zu tun, diese politische Haltung zu vermitteln, sondern es geht eher darum, inwieweit die vorgestellten Haltungen und Handlungen etwas von Chicago erzählen. Immer wieder sprechen die Musiker davon, dass die eigentümliche Topografie der Metropole ihre Musik inspiriert habe. Dass sich die Stadt durch ihren Lärm, die Hochbahn, die rhythmische Abfolge von Blocks und Straßenzügen, gewissenmaßen auch die Lage am Lake Michigan, in die Musik eingeschrieben habe.

„Parallax Sounds Chicago“ begnügt sich damit, Atmosphären spielerisch gegeneinander zu stellen und der Gefräßigkeit des modernen Lebens die „kleine“ Utopie einer Möglichkeit des Autonomen entgegen zu setzen.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 3/2014 

 

Parallax Sounds Chicago
Frankreich/Deutschland 2012 - Produktionsfirma: Cineparallax/Televisor Troika - Regie: Augusto Contento - Produktion: Giancarlo Grande, Augusto Contento, Michael P. Aust - Buch: Augusto Contento - Kamera: Augusto Contento - Schnitt: Augusto Contento - Länge: 100 Minuten - Verleih: Real Fiction

 

 

 

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