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Paradies: Liebe 


 

Minimalslapstick beim Busenstreicheln

Ulrich Seidls Sextourismus-Tragikomödie „Paradies: Liebe“ hat ihre Stärken abseits der „starken“ Bilder
 
Was vor allem in Erinnerung bleibt, ist die unglaubliche Beharrlichkeit, mit der hier alles vonstatten geht: das Werben der jungen Männer am Strand von Mombasa um Aufmerksamkeit und Geld; die Abwehr, die Teresa aus Wien diesen Avancen entgegenhält, und mit der sie die Verhandlungen doch bereits aufnimmt. Den Sextourismus an der Küste Kenias erzählt Ulrich Seidl in „Paradies: Liebe“, dem ersten Teil seiner „Paradies“-Trilogie, als ein Spiel der Kräfte und Gegenkräfte zwischen Körpern von beträchtlicher Trägheit. Die Interessenslagen und Machtverhältnisse in diesem Tauschgeschäft könnten kaum klarer sein. Eines von Seidls wie mit dem Lineal gezogenen Tableaus fasst sie folgendermaßen zusammen: hüben die Damen aus Wohlstandseuropa in den Liegestühlen der Hotelanlage, drüben die durchtrainierten „Beachboys“, die auf eine neue „Sugarmama“ warten. Dazwischen: eine Schnur und ein Uniformierter auf Patrouille. Die Grenze lässt sich nur von einer Seite her übertreten.

Diesem nüchternen Befund stellt der Film den mit Sehnsucht aufgeladenen Blick Teresas gegenüber. Die alleinerziehende Mutter um die 50 leistet sich auf ihrem ersten Kenia-Urlaub die Hoffnung, hier neben sexueller Befriedigung auch eine romantische Bindung finden zu können. Teresas Geschichte wird dabei nicht so sehr als die Desillusionierung einer Naiven erzählt, sondern so, dass sich Abgeklärtheit und Glauben-Wollen von Anfang an mischen. Aus dieser minimalen Spannung bezieht „Paradies: Liebe“ sein ganzes Drama. Würde Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel sie nicht so nuanciert, auch anrührend, verkörpern, Seidls Beobachtungen gegenseitiger Ausbeutung wären bloße Besserwisserei. So aber eignet den Transaktionen eine Tragikomik, die manchmal sogar zum Minimalslapstick einander verfehlender Sätze und Gesten ausartet.

Wenn Teresa ihrem Lover Munga (Peter Kuzungu, Laiendarsteller und selbst „Beachboy“) geduldig auseinandersetzt, wie ihr Busen zu streicheln sei, dann dressiert sie nicht nur ihn, sondern arbeitet auch an ihren eigenen Gefühlen. Dass Emotionen eine Sache des wohl einstudierten Rituals sind, davon handelten schon Seidls dokumentarische Arbeiten bis zurück zu „Der Ball“ (1982). In seinem letzten Spielfilm „Import/Export“ (2007) geschah das im Seidl-Universum Unwahrscheinliche, dass zwei Protagonisten in der Fremde Begegnungen und Erfahrungen machten, statt im eingeübten Leerlauf zu schmoren. „Paradies: Liebe“, der heuer in Cannes im Wettbewerb lief, macht die Spielräume wieder enger.

Dass Seidls jüngster Reisefilm nach der dichten Europa-Odyssee karger geraten ist, hat mit einer grundlegenden Schnittentscheidung zu tun: Eigentlich als Episodenfilm um drei Protagonistinnen angelegt, wurde das Projekt „Paradies“ in drei einzelne Filme zerlegt. Im zweiten („Paradies: Glaube“, ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury in Venedig) wird von Teresas radikalkatholischer Schwester erzählt, im dritten („Paradies: Hoffnung“) vom Diätcamp-Aufenthalt ihrer Tochter.

Die Bilder von „Paradies: Liebe“ wirken ein wenig, als wäre durch die Auskoppelung eine Last von ihnen genommen. Wie hier Einstellung an Einstellung gefädelt wird, ist mehr der geduldigen Erkundung eines Terrains verpflichtet als erzählerischen Notwendigkeiten. Die Bilder von Wolfgang Thaler und Ed Lachman vermitteln eine Neugier für Orte, Lichtverhältnisse, Farben, an denen sich Seidls Formenvokabular geometrischer Totalen angenehm reibt. Auch die gelassenen Blicke auf nackte Leiber umschiffen meist die Klippen von kalkulierter Aufregung und Kreatürlichkeitskitsch.

Mit dem anderen österreichischen Kunstfilmer-Welterfolg Michael Haneke hat Ulrich Seidl vor allem eins gemeinsam: Vor einigen seiner Fürsprecher, die auf das abgründig Allzumenschliche bei ihm abfahren, muss man seine Filme genauso in Schutz nehmen wie vor dem pauschalen Vorwurf der Ausbeutung und Festschreibung von Elend. Wenig aufschlussreich wirkt auch „Paradies: Liebe“ gerade dort, wo er am heftigsten um „starke“ Szenen und Bilder bemüht scheint. Die Gespräche Teresas mit ihren Urlaubsfreundinnen klingen ein wenig zu gezielt auf kleinbürgerlichen Rassismus (inklusive „Meinl-Mohr“) hingetrimmt, um als Realsatire zu überzeugen. Eine Geburtstagsparty der Damen mit Stripper überbietet zwar virtuos eine ähnliche Szene aus „Import/Export“, erschließt dabei aber verhältnismäßig wenig Neues an den Figuren. Und die Eröffnungssequenz – Menschen mit Trisomie 21 im Autodrom (Teresa ist Behindertenbetreuerin von Beruf) – erinnert in Sachen pittoresker Symbolschwere an schlechten Fellini.

Das sind alles griffig-angriffige Momente, wie sie die Kulturberichterstattung liebt, weil sich mit ihnen Nachrichten oder – wie im Fall einer Intimberührung mit Kruzifix in „Paradies: Glaube“ – Skandale machen lassen. Erstaunlich ist aber gerade nicht, dass Seidl wieder „hinschaut, wo’s weh tut“, sondern wie er es manchmal schafft, dem Schmerz und seinen Ursachen auch in unauffälligeren Situationen nachzuspüren.

Joachim Schätz

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Falter 48/2012

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Paradies: Liebe
Österreich / Deutschland / Frankreich 2012 - 120 min.
Regie: Ulrich Seidl - Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz - Produktion: Ulrich Seidl - Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman - Schnitt: Christof Schertenleib - Musik: Martin Kreiner - Verleih: Neue Visionen - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Margarete Tiesel, Peter Kazungu, Inge Maux, Dunja Sowinetz, Helen Brugat, Gabriel Mwarua, Carlos Mkutano, Josphat Hamisi
Kinostart (D): 03.01.2013

 

 

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