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Der Papst ist kein Jeansboy

 

 

In den 1990er Jahren, als Hermes Phettberg als schwergewichtiger Gastgeber der „Nette Leit Show“ kurzzeitig zur Kultfigur wurde, war es ihm ein Leichtes, durch schiere Präsenz den von ihm verehrten Thomas Bernhard zum Wechseln der Straßenseite zu veranlassen oder Harald Schmidt binnen weniger Minuten durch seinen verqueren Witz als zynischen Spießer zu entlarven.

Zum Glück gibt es das Internet: auf YouTube liegen die Beweismittel zum Nachschauen bereit. Empfohlen seien explizit die „Nette Leit Shows“ mit Josef Hader und Tobias Moretti und Phettbergs Ausflug zu Harald Schmidt. Allerdings sollte man sich anschließend auf Einiges gefasst machen, wenn man Sobo Swobodniks Dokumentation „Der Papst ist kein Jeansboy“ von 2011 schaut, die jetzt mit reichlich Verspätung glücklicherweise noch ins Kino kommt. Denn der eigenwillige Fernsehstar – bekennender Homosexueller, bekennender Sadomasochist, bekennender Linker, bekennender Jeans- und Jeans-Boys-Fan – wurde seit 2007 Opfer einiger Schlaganfälle.

Eine nicht diagnostizierte Hirnblutung führte dazu, dass Phettbergs Sprach- und Sehzentrum schwer geschädigt wurden. Zudem hat der Wiener, der seinen gewaltigen Körper zuvor stets provozierend in Szene zu setzen wusste, etwa 100 Kino Körpergewicht verloren und ist nurmehr ein Schatten seiner selbst. Wenn Phettberg sich jetzt durch das großzügige Treppenhaus gebückt zu seiner Wohnung im Obergeschoss schleppt, fühlt man sich an entsprechende Szenen in Murnaus „Nosferatu“ erinnert. Früher schon kokettierte Phettberg damit, dass seine vollgemüllte Wohnung eine Ruine, eine Katastrophe sei. Daran hat sich nichts geändert.

Heute lebt Phettberg von der Sozialhilfe und von Zuwendungen diverser Unterstützer, bekommt sein Essen von „Essen auf Rädern“ und tritt als „Mitleidsterrorist“ (Phettberg über Phettberg) in Erscheinung. Swobodniks Film beschönigt nichts, ist nicht aufdringlich, aber auch nicht scheu, sondern zeigt sachlich, welche Schwierigkeiten Phettberg mit der Sprache hat, wie er Sätze repetitiv durchkaut, zeigt, wie er den Faden verliert und ihn durch anstrengende Konzentration wiederfindet, zeigt die Hinfälligkeit seines grotesken Körpers, zeigt, wie er im Halbdunkel misstrauisch hinter seinem Computer hervorlugt. Das ist zunächst quälend mit anzuschauen, aber mit der Zeit ändert sich das, weil der Film auch noch einen anderen Hermes Phettberg präsentieren kann, der mit Hilfe des Internets versucht, Verbindung zur Welt da draußen zu halten.

Phettburg führt akribisch ein vielseitiges Blog und schreibt auch weiterhin regelmäßig seine Kolumnen für das Wiener Stadtmagazin „Falter“. Es trifft also durchaus zu, wenn Phettberg von sich behauptet, er lebe in Wien als „Elender und Publizist“, der versuche, Spuren zu hinterlassen. Der Film zeigt die Artikulationsprobleme Phettbergs, entscheidet sich aber klugerweise dazu, dessen Reflexionen aus dem Off von Josef Hader sprechen zu lassen, damit sie ihre Wirkung entfalten können.

Inspiriert vom Kreuzweg Christi hat Swobodnik seinen schwarz-weißen Film in zwölf Kapitel eingeteilt; mit Phettberg ist keine Auferstehung zu haben. Jedem Kapitel ist – wie einst bei Fassbinder – als Insert ein Klospruch als öffentlichen Toiletten vorangestellt, wo Sexpartner und Sexpraktiken gehandelt werden. Für Phettberg, der sich durch seine Sammlung von Porno-Bildern blättert, ist das Geschichte, „alles vorbei“. Er geht kaum mehr auf die Straße, kann ohne fremde Hilfe keine Straße überqueren und wird beschimpft, wenn er – eine Blasenschwäche – zwischen die parkenden Autos urinieren muss.

Mal stöhnt Phettberg: „Nun steht Ableben an!“ Mal träumt er davon, 107 Jahre alt zu werden und trauert um Christoph Schlingensief, zu dem eine gewisse Seelenverwandtschaft bestand. Die wenigen Begegnungen, die der Film zeigt, zeugen von der Verehrung, die Phettberg entgegengetragen wird und auch davon, wie sehr den ewigen Provokateur dies bei allem Selbstmitleid tief rührt.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen im: filmdienst

 

 

Der Papst ist kein Jeansboy
Deutschland, Österreich 2011 - 74 Min. - Start(D): 02.07.2015 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Sobo Swobodnik - Drehbuch: Sobo Swobodnik - Produktion: Sobo Swobodnik, Patrick G. Schmitt - Kamera: Sobo Swobodnik - Schnitt: Stefanie Kosik - Musik: Malte Eiben - Mitwirkende: Hermes Phettberg - Verleih: W-Film

 

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