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Panzerkreuzer Potemkin

 

“Panzerkreuzer Potemkin” besitzt schon so lange einen so hohen Berühmtheitsgrad, dass es unmöglich erscheint, den Film heute noch mit unbefangenem Blick sehen zu können. Er ist ein Meilenstein des Kinos. Sein berühmtes Massaker auf der Treppe von Odessa ist in anderen Filmen so häufig zitiert worden (zuletzt in „The Untouchables“), dass viele Zuschauer die Parodie vor dem Original gesehen haben. Seine einstige Wirkkraft führte zu einem Aufführungsverbot in einigen Ländern, auch in seinem Herkunftsland, der Sowjetunion. Regierungen befürchteten, dass das Publikum durch den Film aufgestachelt werden könnte. Und wenn er heute doch eher wie ein technisch brillantes aber auch vereinfachendes „Cartoon“ wirkt (Pauline Kaels Bezeichnung in ihrer hervorragenden Besprechung), dann mag das daran liegen, dass seine Überraschungselemente abgenutzt sind, weil er, wie der 23. Psalm oder Beethovens „Fünfte“, uns inzwischen so vertraut ist, dass wir gar nicht mehr wissen, warum eigentlich.

Nach dieser Vorbemerkung möchte ich erzählen, wie “Potemkin”, den ich schon einige Male gesehen hatte und über den ich mittels eines Shot-by-shot-Vortrags doziert hatte, für mich eines Abends zu leben begann, wann und wo ich es nicht erwartet hätte. Der Film wurde auf eine große Leinwand an einer Außenwand des Vickers Theaters in Three Oaks projiziert und etwa 300 Leute hockten auf auf einem Parkplatz aufgestellten Klappstühlen, um den Film zu sehen. Die musikalische Begleitung kam von Concrete, einer Band aus Michigan. Unter dem Sternenhimmel einer linden Sommernacht, weit weg von Film Festivals oder Cinematheken entfaltete Sergej Eisensteins revolutionärer Aufschrei von 1925 einen Gutteil seiner legendären aufrührerischeren Kraft.

Nicht dass irgendjemand aufgestanden und die “Internationale” angestimmt hätte. Die Klappstühle für diese klassische Lektion in sowjetischer Propaganda waren eine Leihgabe der lokalen katholischen Kirche und einige Zuschauer fuhren garantiert hinterher nach Oink‘s in New Buffalo, um sich ein Eis zu gönnen. Aber der Film besaß tatsächlich eine ungestüme Wucht, eine packende Montage und eine bewegende Kraft – ganz besonders während der Odessa-Treppen-Szene, bei der manche Zuschauer laut zu keuchen begannen.

Der Film war eine Auftragsarbeit der russischen Revolutionsregierung anlässlich des 20. Jahrestags der Meuterei auf der Potemkin, welche Lenin als Kardinalsbeweis dafür gewürdigt hatte, dass das Proletariat auf das Militär zählen könne beim Kampf gegen die alte Ordnung. Eisenstein zeigt, wie die Matrosen des Kriegsschiffes nach dem Krieg gegen Japan während der Überfahrt über das Schwarze Meer wegen zu kleiner Essensrationen zu meutern beginnen. Die Nahaufnahme eines Frühstückstellers ist berühmt geworden: Ein Stück Fleisch, welches von Maden nur so wimmelt. Als Offiziere eine Persenning über die Aufständischen geworfen und befohlen haben, sie zu erschießen, ruft ein Hitzkopf namens Vakulinchuk: „Brüder, auf wen schießt ihr da?“ Das Exekutionskommando senkt die Gewehre und als ein Offizier unklugerweise versucht, seinen Befehl zu erzwingen, bricht eine ausgewachsene Meuterei los.

Bald erreichen die Nachrichten vom Aufstand auch die Bürger vom Festland, die schon lange unter den Repressionen der Zarenherrschaft gelitten haben. Mit einer Reihe von Schiffen schicken sie ihnen Nahrungsmittel und Trinkwasser. Dann, in einer der berühmtesten Sequenzen, die je auf Film gebannt wurden, marschieren zaristische Truppen eine lange Treppenflucht herunter und sie schießen auf Zivilisten, die in schrecklicher Angst wellenförmig auseinanderstieben. Zahllose Unschuldige werden getötet und das Massaker verdichtet sich in einem Bild von einer Frau, die bei dem Versuch ihr Baby im Kinderwagen zu beschützen, erschossen wird; darauf springt der Kinderwagen unkontrolliert die Treppenstufen herunter.    

Dass es ein zaristisches Massaker auf der Treppe von Odessa nie gegeben hat, schmälert kaum die Kraft dieser Szene. Die Truppen des Zaren erschossen unschuldige Zivilisten anderswo in Odessa, und Eisenstein tat seinen Job als Regisseur, indem er die Morde summierte und einen perfekten Drehort für sie fand. Die Ironie der Geschichte: Er hat das so gut inszeniert, dass heute oft das Blutvergießen der Treppe von Odessa kolportiert wird, als wäre es wirklich geschehen.

Die Nachricht des Aufstandes erreicht die russische Flotte, welche nach Odessa eilt, um ihn nieder zu schlagen. Die Potemkin und ein Zerstörer, der auch von Revolutionären befehligt wird, fahren hinaus um sie zu treffen. Eisenstein erzeugt Spannung, indem er hin und her schneidet zwischen der herannahenden Flotte, der tapferen Potemkin und Details der Vorbereitungen an Bord. Im letzten Augenblick signalisieren die Männer von der Potemkin ihren Genossen in der Flotte, sie mögen sich ihnen anschließen – und die Potemkin dampft mitten zwischen die ankommenden Schiffe, ohne dass nur ein einziger Schuss abgefeuert wird.

“Panzerkreuzer Potemkin” ist angelegt als eine klassenbewusste revolutionäre Propaganda und Eisenstein vermeidet absichtlich die Entwicklung dreidimensionaler Individuen (selbst Vakulinchuk ist weitgehend eine symbolische Figur). Stattdessen: Menschenmassen bewegen sich im Einklang, wie bei den vielen Einstellungen von oben auf das Deck der Potemkin. Auch die Bewohner von Odessa werden in ihrer Eigenschaft als Menschenmengen gezeigt, summiert aus vielen kurzen und flüchtigen aber eindrucksvollen Gesichtern. Der Dialog (in den Texttafeln) beschränkt sich fast nur auf die Produktion von Empörung und Ermahnung. Es gibt kein persönliches Drama, das dem größeren politischen Drama als Gegengewicht dienen könnte.  

Eisenstein (1898–1948) war Schüler und ein Verfechter der sowjetischen Theorien der Filmmontage, wonach ein Film seine größte Wirkung nicht aus einer reibungslosen Abfolge seiner Bilder bezieht, sondern aus ihrer Nebeneinanderstellung. Manchmal ist die Montage dialektischer Art: These, Antithese, Synthese. Aus dem Bildwechsel zwischen den angsterfüllten Gesichtern der unbewaffneten Bürger und den gesichtslosen uniformierten Truppen erschafft er ein Argument für die Menschen und gegen den zaristischen Staat. Viele andere Schnitte sind ebenso abrupt: Als der Kapitän der Potemkin damit droht, Meuterer an der Rah aufzuhängen, sehen wir geisterhafte Gestalten dort hängen. Zum Ausruf der Menge: „Nieder mit den Tyrannen“ sehen wir geballte Fäuste. Um zu betonen, dass die Erschossenen keine Chance hatten, zu fliehen, zeigt die Kamera einen Revolutionär ohne Beine. Als die Soldaten vorwärts marschieren, zermalmt ein Militärstiefel eine Kinderhand. In einer berühmten Bilderabfolge steht da eine Frau mit Brille, nach dem nächsten Schnitt ist eines der Gläser von einer Kugel durchschossen.

Eisenstein spürte, dass sich der Schnitt aus dem Rhythmus und nicht aus der Erzählung heraus entwickeln muss. Einstellungen müssen geschnitten werden, um auf einen Punkt zuzusteuern; sie dürfen nicht verweilen, nur wegen eines persönlichen Interesses an individuellen Charakteren. Die meisten Filmmusiken, die ich zu „Potemkin“ hörte, folgen nicht dieser Theorie, sie untermalen den Film wie ein konventionelleres Stummfilm-Drama. Concrete, die Band aus Michigan (Boyd Nutting, Jon Yazell, Andrew Lersten) unterstrichen und verstärkten Eisensteins Methode mit insistierenden, rhythmischen, sich wiederholenden Themen, bestehend aus Keyboardklängen, Gesprächsfetzen, Schreien und Choralpassagen, Perkussion, Kriegsgeräuschen und anderen Sounds. Es war eine aggressive, hartnäckige Annäherung, laut gespielt von Musikern, die sich als Eisensteins Verbündete verstanden und nicht als unterwürfige Begleitcombo.

Ich glaube, es war die Musik, zusammen mit dem ungewöhnlichen Ort, die es schaffte, meine alte Vertrautheit mit „Panzerkreuzer Potemkin“ aufzubrechen, und mir deutlich machte, warum dieser Film so lange Zeit als gefährlich angesehen wurde. (Er war mehrere Male in den USA und Frankreich verboten und länger als jeder andere Film in der britischen Geschichte; selbst Stalin verbot ihn, zu einem Zeitpunkt, als Meuterei gegen die Parteilinie verstieß.)

Eigentlich ist “Panzerkreuzer Potemkin” nicht einmal so außergewöhnlich, aber er verfügt über eine eigene Kraft, je nachdem, in welchem sozialen Kontext er aufgeführt wird. In Zeiten von Wohlstand und Frieden gilt er als Kuriosität. Wäre er In China zur Zeit der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens gezeigt worden, hätte er sicherlich aufrührerisch gewirkt. Er wurde bei der Weltausstellung in Brüssel im Jahr 1958 (ironischerweise im gleichen Jahr, in dem „Citizen Kane“ seine große Wiederaufführung erlebte und für die folgenden 40 Jahre die Spitze eroberte) zum besten Film aller Zeiten gewählt. Der Kalte Krieg war 1958 auf seinem Höhepunkt und gewiß waren viele europäische Linke abonniert auf das marxistische Rezept für die Gesellschaft, auch für sie hatte „Potemkin“ eine große Bedeutung.

Aber seine Wirkung lässt nach, wenn er außerhalb seines Kontexts betrachtet wird (so wie „Die Reifeprüfung“ genau den Ton von 1967 traf und heute veraltet wirkt).  Er braucht das richtige Publikum. Die Band Concrete fungierte gewissermaßen wie ein virtuelles Publikum; die laute, leidenschaftliche, unheilvolle Musik der drei jungen Musiker verhielt sich so, wie es ein leidenschaftliches Publikum tut, das die anderen Zuschauer mitträgt und mitreißt. „Panzerkreuzer Potemkin“ wird nicht mehr als bester Film aller Zeiten geführt, aber er ist unverzichtbar für jeden, der sich für Filmgeschichte interessiert, und in jener Nacht auf diesem Kleinstadt-Parkplatz überkam mich ein Gefühl, ein Hauch von der verborgenen Kraft, die in ihm schlummert und die darauf wartet, immer wieder geweckt zu werden.

Roger Ebert, 19.07.1998

Mit vielem Dank für die freundliche Genehmigung von Roger Ebert. Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Thomas

Dieser Text ist im Original erschienen bei rogerebert.com

 

 

Panzerkreuzer Potemkin

[Bronenossez Potjomkin]

UdSSR 1925

Länge 63 / 70[1](restaurierte Fassung) Minuten

Altersfreigabe FSK 12

Regie: Sergei Eisenstein - Drehbuch: Nina Agadschanowa - Produktion: Jakow Blioch - Kamera: Wladimir Popow, Eduard Tisse - Schnitt: Sergei Eisenstein

Besetzung:

Alexander Antonow: Grigori Wakulintschuk

Wladimir Barski: Kommandant Golikow

Grigori Alexandrow: Giljarowski

Iwan Bobrow: junger Matrose

Michail Gomorow: Matjuschenko

Alexander Lewschin: Unteroffizier

N. Poltawzewa: Frau

Andrei Fait: Rekrut 

 

 

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