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Otto; or, Up With Dead People

Killerinstinkt

 

Der Schwulen-Zombie "Otto; or, Up With Dead People" von Kult-Regisseur Bruce LaBruce ist blutig und unappetitlich, aber nur auf den ersten Blick.

 

Alle, die im Kino auf den Anblick eines männlichen Glieds, das beim Sex eine Bauchhöhle penetriert, lieber verzichten; alle, die am blutigen Vertilgen schwabbliger Eingeweide keinen Spaß haben; und all jene, die auf eine Mischung aus Schwulen-Softporno, Zombie-Film, Antikapitalismus-Traktat, schlechtem Englisch von Laiendarstellern, auch auf Experimental- und Undergroundkino mit musikalisch bzw. klanglich hoch diversem Soundtrack von Throbbing Gristle bis Antony and the Johnsons nicht neugierig sind, können an dieser Stelle die Lektüre beenden.

 

Den zwei oder drei LeserInnen, die jetzt noch übrig sind (na hören Sie mal, wie sind Sie denn drauf?), kann ich aber versichern: Der jüngste Streich des kanadischen Kultregisseurs Bruce LaBruce mit dem Titel "Otto; or Up With Dead People" ist ein sehr sehens- und auch hörenswerter Film. Sein Held ist ein schwuler Zombie mit Namen Otto (sehr charismatisch: Jey Crisfar), der erst auf dem Land in Brandenburg, dann mitten in Berlin unterwegs ist. Als schwuler Zombie ist er eine Metapher für allerlei, aber das sollte einen vielleicht gar nicht erst weiter kümmern. Es genügt jedenfalls, einfach nur zuzusehen, wie Otto im Kapuzenmantel und mit Krawatte unterm Ringelpullover, mit Blut im Gesicht und Zombie-Kontaktlinsen in den Augen über die Straßen schwankt und wie er einmal am Schlesischen Tor in die U-Bahn steigt. Früh im Film gerät er auch an eine Regisseurin namens Medea (Katharina Klewinghaus) in den Blick, die gerade - das trifft sich - einen Schwulen-Zombiefilm mit dem Titel "Up With Dead People" dreht und außerdem, noch perverser, sehr gerne Herbert Marcuse zitiert.

 

Medea hat eine Freundin mit Namen Hella und die ist schwarz-weiß. Im Ernst. "Otto; or Up With Dead People" ist nämlich ein sehr verspielter Film, der Schnipsel und Schnitzel und Materialien der unterschiedlichsten Art sammelt und zusammenschneidet nach Herzens- und Verstandeslust. Und wann immer Hella im Bild ist, wird das Bild schwarz-weiß. Mal die Hälfte der Leinwand, mal nur ein Streifen im Bild. Außerdem ist Hella auch stumm und darum sieht man, was sie sagt, in Zwischentiteln. Etwas drastischer ausgedrückt, in einem Vergleich, der gewiss hinkt: Wie die Bauchhöhle beim Sex vom männlichen Glied wird Bruce LaBruces Tonfilm vom Stummfilm penetriert.

 

Penetrationen anderer Art gibt es auch: So verschneidet LaBruce die Zombie-Gegenwart Ottos mit Erinnerungsflashbacks. Die bestehen einerseits aus idyllischer Zweisamkeit, andererseits aus einem Messer, das - ganz buchstäblich - Fleisch schnetzelt. In "Otto; or Up With Dead People" wird, irgendwann akzeptiert man das, einfach viel penetriert und geschnetzelt und Menschen-Fleisch wird verspeist. Man sieht falsche Zombies und echte, nur ist die Unterscheidung weder ganz leicht noch letztlich auch wichtig. Es wird viel geschwankt und gegangen und auf der Linie zwischen Film und Film im Film wird auch balanciert. Das alles klingt womöglich ein kleines bisschen schwer verdaulich, irgendwie ist das aber eigentlich ein melancholischer und sogar sanfter Film. Somnambul und verträumt und in eine Soundwolke aus freundlichem Un-, jedenfalls Nicht-ganz-Ernst gehüllt, von der man sich als Zuschauer nach einer Weile auch ganz gern einhüllen lässt.

 

Der Regisseur versichert, "Otto; or Up With Dead People" sei der erste Schwulen-Zombie-Film überhaupt. Das ist natürlich ein schönes Alleinstellungsmerkmal, aber seine Stärken liegen gar nicht in extremis. Eher darin, wie einem Bruce LaBruce diesen starken Tobak auf so unaufgeregte Weise serviert. In einer Szene gegen Ende, wenn Otto attackiert wird und Antony dazu das wahnsinnig traurige "Atrocities" singt, dann bricht einem der Film, was man wirklich nicht gedacht hätte, sogar beinahe das Herz.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 17.09.2008 im: www.perlentaucher.de

 

Otto; or, Up With Dead People

Deutschland / Kanada 2008 - Regie: Bruce LaBruce - Darsteller: Jey Crisfar, Katharina Klewinghaus, Susanne Sachsse, Christophe Chemin, Marcel Schlutt, Guido Sommer, Gio Black Peter, Jürgen Seipel, Stefan Kuschner

Start (D): 18.9.2008

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