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Oldboy (2013)

 

 

Auf die rabiate Tour

Spike Lees "Oldboy"-Remake blickt mit nüchterner Objektivität auf eine aus den Fugen geratene Welt - und auf einen exaltiert über alle Stränge schlagenden Josh Brolin.

Zumindest der Hauptdarsteller wird seinen Spaß gehabt haben an diesem Film. Josh Brolin darf für einmal alle Vorstellungen von Coolness, denen seine Rollen sonst zumeist verpflichtet sind, beiseite lassen und so richtig die Sau rauslassen. Zuerst darf er, im in den analogen, verregneten Neunzigern spielenden (und auf 16mm-Material gedrehten) Prolog ein paar Minuten lang ein gewaltiges Arschloch sein, darf dann anschließend, nachdem er von einem missgünstigen Dritten ohne jede Erklärung unter einen Regenschirm gelockt, ausgeknockt und in ein Motelzimmer from hell (an der Wand die Fotografie eines diabolisch freundlich grinsenden schwarzen Hausdieners) gesperrt worden ist, ausführlich verzweifeln und verwildern; anschließend darf er, weil er einfach nicht und nicht freigelassen wird und schließlich geschlagene 15 Jahre, nur über den Fernseher mit der Außenwelt verbunden, in seiner Zelle verbringt, sich doch wieder auf Vordermann bringen, dem Alkohol abschwören, sich den Wabbelbauch wegtrainieren und den Rachefeldzug gegen Unbekannt planen. Den er dann noch etwas später, nachdem er wiederum ohne jede Erklärung mitten auf einer nun höher auflösenden grünen Wiese freigelassen worden ist, auch tatsächlich beginnen darf, mit dem Hammer in der einen, einer Liste seiner schlimmsten Feinde in der anderen Hand; und wenn er schließlich feststellen muss, dass die rabiate Tour auf die Dauer auch nicht weiterhilft, darf er sich zu guter Letzt auch noch "seinen Dämonen stellen".

Beziehungsweise: Streng genommen stellt sich Brolins Joe Ducett nicht den eigenen, sondern den Dämonen eines Anderen. Das war schon in der Vorlage gleichen Namens, in Park Chan-wooks "Oldboy", 2003 entstanden und heute der vermutlich bekannteste Film des neueren koreanischen Kinos, ein zentrales Irritationsmoment: Der Rachefeldzug läuft gleich doppelt ins Leere, die Hauptfigur findet weder im kathartischen Handeln, noch in der Introspektion zu sich selbst, zu einer stabilen Identität zurück.

Die amerikanische Neuauflage ist ein komischer Film; weder leuchtet aus einer Marktperspektive ein, warum "Oldboy" geschlagene zehn Jahre nach seinem ursprünglichen Kinostart nun doch noch ein Remake erhält (für das zwischendurch schon einmal Namen wie Will Smith und Steven Spielberg gehandelt worden waren); noch sieht man dem fertigen Film an, was Spike Lee, einen der eigensinnigsten Regisseure im amerikanischen kommerziellen Kino, der allerdings bislang eher auf soziopolitisch streitbare Charakterdramen spezialisiert war, an dem Projekt interessiert haben könnte. Vielleicht ging es Lee tatsächlich vorrangig darum, in Hollywood nach dem kommerziellen Misserfolg seines letzten höher budgetierten Projekts "Miracle at St. Anna" wieder einen Fuß in die Tür zu bekommen. Das dürfte, angesichts der bislang katastrophalen Einspielergebnisse, gründlich misslungen sein. Ein komischer Films ist sein "Oldboy" - aber dabei ein ziemlich unterhaltsamer, interessanter und durchaus auch ein intelligenter Film; vielleicht tatsächlich nicht nur trotz, sondern auch ein wenig wegen des Abstands, den der Regisseur von seinem Gegenstand trennt.

Dieser Abstand wird vor allem im Vergleich mit dem Original greifbar. Parks "Oldboy" drängte einem die derangierte Subjektivität der Hauptfigur regelrecht auf: Ganz direkt über einen dichten Voice-Over-Kommentar und über Bilder, die psychische Projektionen in die Realwelt eintragen, indirekter über die ansatzlosen Zeit- und Gedankensprünge der Narration und über die vielfach gebrochene filmische Form, die wilden jump cuts, die monströsen Verformungen der Welt mittels optischer Effekte (tatsächlich markiert "Oldboy" in Parks Werk den Punkt, an dem die dynamische Virtuosität des Frühwerks in nur noch kunsthandwerklich ambitionierten Manierismus zu kippen beginnt). Spike Lee streicht diesen formalpsychotischen Überschuss weitgehend weg, nüchtert den Film an der Oberfläche aus. Vor allem verweigert sich der Film einer Identifikation mit Joe Doucett, er blickt fast durchweg von außen, mit der Objektivität des sensationslüsternen Erzählkinos, auf den seinerseits exaltiert über alle Stränge schlagenden Brolin.

Was auch heißt, dass die Ungeheuerlichkeiten, die im letzten Filmdrittel ans Tageslicht kommen, nicht mehr psychopathologisch abgefedert sind. Lee versucht gar nicht erst, das durchgeknallte Narrativ, das er nicht eins zu eins, aber in den Grundzügen und auch in den entscheidenden Eskalationsmaßnahmen (wobei er uns glücklicherweise den Zahnarztbesuch erspartů) von Park übernimmt, alternativ zu begründen. Der Akzent verschiebt sich dadurch von der kaputten Psyche auf die kaputte Welt. Die Gegenwart, in der Joe Doucett sich nach den 15 Jahren Gefangenschaft wiederfindet, scheint von Anfang an leicht aus den Fugen geraten, gleichzeitig (in visueller Hinsicht) hyperreal und (aus der Perspektive des sich in ihr Bewegenden) derealisiert. Sie setzt sich nie zu einem kohärenten Handlungsraum zusammen, verschiebt sich im weiteren Verlauf immer mehr in Richtung des offen Kulissenhaften.

Aus dieser Persepektive ist es kein Zufall, dass eine der Neuerungen, die Lee einführt (beziehungsweise, das wäre zu überprüfen, aus der Mangavorlage von Garon Tsuchiya und Nobuaki Minegishi übernimmt), darin besteht, dass er seinen Film in deutlich stärkerem Ausmaß mit Fernsehbildern und Aufnahmen von Überwachungskameras durchsetzt. Sogar das Finale verlegt er in eine Art Fernsehstudio. Wenn Parks "Oldboy" ein neurotischer Film ist, dann ist Lees "Oldboy" ein skeptischer Film, ein Film, der nicht mehr an individuell einhegbaren psychischen Abgründen verzweifelt, sondern die Möglichkeit des sinnhaften Erkennens der Welt selbst zur Disposition stellt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

 

 


Oldboy

USA 2013 - 104 Minuten - Kinostart(D): 05.12.2013 - Regie: Spike Lee - Drehbuch: Garon Tsuchiya, Nobuaki Minegishi, Mark Protosevich - Produktion: Doug Davison, Roy Lee, Spike Lee - Kamera: Sean Bobbitt - Schnitt: Barry Alexander Brown - Musik: Bruce Hornsby - Darsteller: Samuel L. Jackson, Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Michael Imperioli, Richard Portnow, Sharlto Copley, Max Casella, Lance Reddick, James Ransone, Grey Damon, Hannah Ware, Michael J. Burg, Caitlin Dulany, Joe Chrest, Taryn Terrell

 

 

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