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Nymph()maniac 2

 

Ziemliches Unbehagen löst Lars von Triers "Nymphomaniac Vol.2" aus - aber nicht wegen der Sexszenen und der Blasphemie.

"Nymphomaniac Vol. 2" nimmt den Faden dort auf, wo "Nymphomaniac Vol. 1" aufgehört hatte, steht aber von Anfang an unter ganz anderer Prämisse. Ging es im ersten Teil um Joes unbändige Lust, wuchernd, vielgestaltig, anarchisch, so hat der zweite Teil ein anderes Problem: die Lust ist weg. Schluss, aus, vorbei: "I don't feel anything", hallt der Schrei vom Ende des ersten Teils herüber in den zweiten, in dem heitere Schlüpfrigkeit abgelöst wird von verzweifelter Getriebenheit. Deutlicher als zuvor gibt sich das Nymphomaninnen-Epos als Abschluss und Finale einer von Trier'schen Depressionstrilogie - gemeinsam mit "Antichrist" und "Melancholia" - zu erkennen.

In dem verzweifelten Versuch, irgendeine sexuelle Empfindung aus sich herauszupressen, greift Joe zu extremeren Mitteln und "gefährlichen Männern", wie sie sagt: sie probiert Sex zu dritt mit zwei afrikanischen Männern, deren Sprache sie nicht versteht, oder sadomasochistische Züchtigungen im hell erleuchteten Keller eines Neubaus, der aussieht wie eine perverse Behörde. Dabei schreibt sich die Faszination von "Nymphomaniac Vol. 1" für Zahlen und Quantifizierungen (3+5, man erinnert sich, war die Formel für Joes Entjungferung) fort: "Nymphomaniac Vol. 2" hat einen kalten und sachlichen Blick aufs Begehren und zerlegt sexuelle Erregung in eine Folge nüchtern beobachteter Handgriffe und Techniken: lange und regungslos schaut die Kamera dabei zu, wie Joe umständlich in die korrekte Züchtigungshaltung gebracht wird, welche Seile und Knoten dabei zum Einsatz kommen und wie trotz dieser Fixierung ein minimales Maß an Bewegung und damit Stimulation der Klitoris möglich ist.

Joes treuer Gesprächspartner und Zuhörer Seligman identifiziert den Knoten, der dieses komplizierte Manöver vollbringt, als einen "Prusik-Knoten": erfunden wurde der von einem Wiener Bergsteiger, dem es mit dessen Hilfe gelang, sich nach einem Unglück am Berg aus eigener Kraft vor dem Abgrund zu retten, ungefähr so, wie der Baron Münchhausen sich einst am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hatte. Die große Analogien- und Metaphernmaschinerie aus "Nymphomaniac Vol. 1" läuft weiter, aber sie hat ein wenig von ihrem Schwung verloren, stottert beizeiten ein wenig ziellos vor sich hin: "That was one of your weakest digressions", bemerkt Joe spitz zu Seligmans Prusik-Knoten-Geschichte. Ihre eigenen Analogien gehen mehr in die klassisch blasphemische Richtung: "Ostkirche und Westkirche" betitelt sie ein düsteres Kapitel ihrer Vita sexualis, an anderer Stelle verwechselt sie die berüchtigte römische Ur-Nymphomanin Valeria Messalina mit der Jungfrau Maria, und überhaupt stilisiert sie ihre eigene schmutzige Leidensgeschichte mehr und mehr nach dem Vorbild der Passion Christi.

Zielsicher sucht von Triers Film die Provokation und den Tabubruch, wobei die olle Blasphemie-Nummer wohl noch am wenigsten für Aufruhr sorgen dürfte (genauso wenig wie die Provokation durch expliziten Sex): been there, done that. Unbequemer, auch unangenehmer sind die säkularen Gebote und Tabus, die "Nymphomaniac Vol. 2" in durchaus selbstgerechter Weise zur Disposition stellt. Die Szene mit den zwei Afrikanern im Hotelzimmer, die in einen Streit geraten, den sie lautstark und mit lächerlich erigierten Penissen in einer für Jo und die meisten Zuschauer unverständlichen, ja nicht einmal identifizierbaren Sprache austragen, weckt natürlich beklommene Rassismus-Bedenken: Au weia, darf man sowas? Und ebenso natürlich ist der Film smart genug, diese Frage später wieder aufzunehmen und im Rahmen einer Political-Correctness-Diskussion zwischen Joe und Seligman selbstreflexiv zu wenden. Es wird dadurch ganz grundlegend unmöglich, den Film auf irgendeine Haltung oder Aussage festzunageln (in der Hinsicht ist er wirklich schlüpfrig), und gerade das bringt einen beim Zusehen immer wieder in die Zwickmühle, stiftet tiefes Unbehagen.

Elena Meilicke

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Nymph()maniac 2
OT: Nymphomaniac: Volume II
Dänemark / Belgien / Frankreich / Deutschland / Großbritannien 2013 - 124 min. - Regie: Lars von Trier - Drehbuch: Lars von Trier - Produktion: Bettina Brokemper, Marie Cecilie Gade, Peter Garde, Bert Hamelinck, Marianne Jul Hansen, Peter Aalbæk Jensen, Maj-Britt Paulmann, Marianne Slot, Sascha Verhey, Louise Vesth - Kamera: Manuel Alberto Claro - Schnitt: Molly Marlene Stensgaard - Verleih: Concorde - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Willem Dafoe, Mia Goth, Michael Pas, Jean-Marc Barr, Jamie Bell, Ananya Berg, Peter Gilbert Cotton, Shia LaBeouf, Connie Nielsen, Uma Thurman - Kinostart (D): 03.04.2014

 

 

 

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