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Nowhere Boy

 

Imagine John Lennon's Childhood

John Lennon war der Hysteriker unter den Beatles. Und ohne seine Hysterie hätte es die Beatles so wenig gegeben wie ohne Paul McCartneys Gefälligkeit, George Harrisons Schüchternheit und Ringo Starrs gekränkte Ironie. Vielleicht war Beat-Musik überhaupt nichts anderes als eine hysterisierte, gefällige, schüchterne und gekränkt ironische Europäisierung des Rock’n’Roll. Dann kam der Blues dazu, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

„Nowhere Boy“ ist ein schöner, sehr englischer, sehr pastellfarbener Film über die Ursachen von John Lennons Hysterie. Die Familiengeschichte steht dabei im Vordergrund, was auch insofern kein Wunder ist, als der Film auf dem Buch von Julia Baird basiert, der Halbschwester von John Lennon: „Imagine This: Growing Up With My Brother John Lennon“. Es ist kein klassisches Künstler-Biopic, denn einerseits endet der Film, bevor die Geschichte der Beatles und John Lennons Aufstieg zum Metastar der sechziger Jahre beginnt, und zum anderen fokussiert er das Interesse so sehr auf das Psychodrama des Jungen zwischen zwei Müttern, dass der Film genau so gut die Jugend eines Rock’n’Roll-begeisterten Busfahrers wie die eines Beatle hätte erzählen können. Genauer gesagt: Es handelt sich um eine Rock’n’Roll-Phantasie über Mütter: „It’s allright Mama, I’m only bleeding“.

Liebevoll, manchmal schon ans Betuliche grenzend, fühlt sich die Regisseurin zu Beginn in die Stadt Liverpool und ins Innere eines typischen Vorstadt-Backsteinhauses der unteren Mittelschicht ein. John Lennon wächst hier in den fünfziger Jahren bei seiner Tante und seinem Onkel auf. Tante Mimi ist streng und kalt, Onkel George schenkt ihm eine Mundharmonika und albert mit ihm herum. Sie basteln einen zweiten Lautsprecher für das Radio in Johns Zimmer, und die beiden hören eine Comedy Show und trinken. Und dann stirbt der Onkel.

Diese milde Form einer Harry Potter-Jugend hat ihr Ende; Johns leibliche Mutter tritt wieder in sein Leben, bei der Beerdigung sieht er sie zum ersten Mal, dann macht er einen ersten Besuch. Sie ist in allem das Gegenteil zu Tante Mimi: lebenshungrig, rebellisch, aufgedreht, unsicher. Ihren wiedergefundenen Sohn, den sie im Kindesalter verließ, behandelt Julia eher wie einen Liebhaber, und entsprechend reagiert ihre Familie; jedenfalls ist das definitiv eine Liebesgeschichte, und es ist Julia, die John erklärt, was Rock’n’Roll bedeutet: Sex.

Julia bringt John das Banjo-Spiel bei. John wird von der Schule geschmissen. Und bei „That’ll Be the Day“ stehen sich die beiden Mütter dann auch gegenüber, im Kampf um den Jungen, und Julia wirft Mimi aus dem Haus. (Nein, der Film macht aus Mimi kein Monster.) Aber Julias Mann verlangt, dass auch John das Haus verlässt. Und diesem Verlust der Mutter wird bald ein noch viel schrecklicherer folgen: Julia stirbt bei einem Unfall.

Unterdessen hat John die Quarrymen gegründet – Mimi hat ihm die Guitarre gekauft – , Paul McCartney kennen gelernt, der musikalisch schon weiter war als die Skiffle-Musiker der Quarrymen. Mimi hat seine Guitarre wieder verkauft, weil John seinen Schul-Teil der Abmachung nicht gehalten hat, und Julia gibt ihm das Geld, sie zurück zu kaufen: „That’s All Right, Mama“ singt John, im weißen Rock’n’Roll-Gewand auf der Bühne. Schließlich kommt noch George Harrison dazu, der den Klang der Gruppe weicher und fließender macht. Langsam aber sicher entwickelt sich aus Rock’n’Roll und Skiffle was später Beat sein wird. Und Julia ist immer dabei. Das führt zu neuen Eifersüchteleien.

„My Son John“ spielt die Mutter bei der Party, die sie zu seinem Geburtstag gibt, und nach und nach, mit viel Schmerz und Streit und in einigen knappen Traum-Flashbacks, entfaltet sich das Familiendrama, der Kampf und die Liebe zwischen den Schwestern, die unmenschliche Entscheidung für den dreijährigen John, die ewige Sehnsucht nach Liebe und Johns Weg mit der Guitarre, die ihm seine Mütter beständig geben und wieder wegnehmen.

Überhaupt ist in diesem Film das Symbolische und Rituelle so sehr vorherrschend, dass man eher von einer Traumarbeit als von einer Biographie sprechen kann. Kein Song, der nicht auf die Mutter/Sohn-Beziehung anspielen würde (natürlich darf „It’s All Right, Mama“ nicht fehlen), keine Geste, kein Hintergrund-Detail ohne Spiegelung des zerrissenen Innenlebens. Die Regisseurin kommt von der Bildenden Kunst her, und das sieht man nicht nur in ihren Einstellungs-Kompositionen und Objekt-Arrangements. Ein Bild wird auf die Leinwand aufgetragen, Schicht um Schicht. Der Film spielt paradoxerweise vollständig in einer Welt, die wir als Pre-Beatles-Ära bezeichnet haben. In einer Welt, in der man noch nicht gelernt hatte, sich über dies und jenes hinwegzusetzen, und in der die Hysterie noch in den Familien eingeschlossen war. Dann versuchten die kreischenden Mädchen nicht nur ihre eigene Befreiung zu proben, sondern auch Johns Seele zu heilen. Ganz konnte das natürlich nicht gelingen.

Es ist eine Geschichte von drei Müttern, auch wenn nur zwei davon im Plot auftauchen, Yoko Ono hat dem Film ihren Segen und eine spezielle Aufnahme von „Mother“ gegeben. Geschichten von drei Müttern, das wissen wir, gehen tragisch und mythenbildend aus. Was die Beziehung von Tante Mimi, John und Julia für das Leben und die Kunst von John Lennon bedeutet, da tragen Drehbuch und Regie gewiss ein bisschen dick auf. Das ist, einerseits, wie aus einem Teenage Dream heraus gesehen. Mehr Song als Story. Und andrerseits ist es eine mütterliche Liebeserklärung. Die Regisseurin Sam Taylor-Wood hat dann sehr folgerichtig den Hauptdarsteller Aaron Johnson nach den Dreharbeiten geheiratet.

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.getidan.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte


Nowhere Boy
Großbritannien / Kanada 2009 - Regie: Sam Taylor-Wood - Darsteller: Aaron Johnson, Kristin Scott Thomas, Anne-Marie Duff, David Morrissey, Thomas Brodie Sangster, Sam Bell, David Threlfall, Ophelia Lovibond, Jack McElhone - FSK: ab 12 - Länge: 98 min. - Start: 8.12.2010

 

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