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Not Fade Away

 

Liebeskummer im Dschungel

"Not Fade Away" von David Chase ist eine verfilmte Plattensammlung - und gleichzeitig eine berückende Studie über Nostalgie und Erinnerung.

"The Sopranos" war die erste und ist immer noch eine der besten jener "Qualitätsserien", die im Fernsehen seit einigen Jahren jene erwachsenen, komplexen Geschichten erzählen, die Hollywood seinem Publikum nicht mehr verkaufen zu können meint. David Chase, creator der Gangster-Saga, wendet sich jetzt trotzdem erstmals in seiner Karriere dem Kino zu. Mit dabei ist, schon das macht den Film zu etwas Besonderem, der unlängst verstorbene "Sopranos"-Hauptdarsteller James Gandolfini.

Gandolfinis Rolle ähnelt derjenigen, die ihn bekannt gemacht hat, fast aufs Haar: Er spielt einen engstirnigen, sturen Familienvater in New Jersey, der diesmal zwar nicht im kriminellen Gewerbe tätig ist; der aber seine Umgebung beinahe noch garstiger dominiert und der den Rassismus, den Tony Soprano bereits teilweise sublimieren muss, noch offen ausleben kann. Ein kleinbürgerlicher Familientyrann wie er im Buche steht, und der zumindest zu Beginn noch felsenfest im Zentrum der italoamerikanischen Lebenswelt steht, die Chase mit viel Sorgfalt und vermutlich zumindest teilweise basierend auf eigenen Erinnerungen - er wuchs ebenfalls in den 1960ern in Jersey auf - nachzeichnet.

Je länger der Film dauert, desto passiver wird Gandolfini, bewegt sich kaum noch vom Fernseher weg, der ein historical landmark nach dem anderen - vor allem die Bürgerrechtsbewegung betreffend - in das beengende familiäre Wohnzimmer hinein überträgt, die dort aber, im Gegenschnitt, wenig Reaktionen hervorrufen. Berührend ist eine Szene spät im Film, in der Gandolfini, jetzt endgültig sein eigener und Tony Sopranos Widergänger geworden, im Morgenmantel vor der Hauseinfahrt steht und seinem Sohn nachblickt, der das kleine New Jersey in Richtung der Freiheit verlässt, die er in Los Angeles vermutet.

Um diesen Sohn, um die jüngere Generation, die in den 1960ern den James Gandolfinis dieser Welt auf der Nase herumtanzte, geht es in "Not Fade Away" primär. Douglas (John Magaro) geht noch zur Schule, träumt, animiert von den Erfolgen der British Invasion, von einer Karriere als Musiker, in seiner eigenen Band ist er erst Schlagzeuger, bald wird er lead singer. Der große Durchbruch scheint nicht einmal ganz weit weg, die richtige Freundin hat er auch gefunden; die wird gespielt von Bella Heathcote, im - abgesehen von Gandolfini - konsequent nicht-prominent besetzten Cast die größte Entdeckung. Die vielleicht schönste Szene des Films ist die, in der, bald nach dem Kennenlernen, seine Unsicherheit sich plötzlich auf sie überträgt und die Liebe aus diesem Perspektivwechsel heraus entsteht.

Erstaunlich viel erinnert an einen anderen Erinnerungsfilm: Olivier Assayas' "Apres mai" erzählt fast dieselbe Geschichte, nur ein Jahrzehnt später und in Frankreich. In beiden Filmen geht es um einen jungen Mann mit jeweils eher, aber auch wieder nicht zu wilder Frisur; beide Protagonisten stehen stets etwas außerhalb des eigenen Lebens, haben anfangs eher vage künsterische Ambitionen, die sich dann jeweils am Ende in Richtung Filmschaffen vereindeutigen.

Sowohl "Not Fade Away" als auch "Apres Mai" wirken streckenweise wie bloße verfilmte Plattensammlungen: alternde Männer auf dem Nostalgietrip, auf der Suche nach verlorener Jugend und vor allem verlorener Hipness. Der amerikanische Film ist, mit seinem komplexen pophistorischen Verweissystem, nerdiger als der eher klassisch inventarisierende französische; der Song "Not Fade Away" zum Beispiel, nach dem er benannt ist, taucht zwar in den Dialogen, nicht aber im Soundtrack auf, weder die Originalversion von Buddy Holly, noch das Cover der Rolling Stones. Dafür spannt der Soundtrack seinerseits einen weiten Bogen auf, vom klassischen afroamerikanischen Blues über dessen britische Aneignungen bis zu jenen amerikanischen Musikern, die über diesen Umweg ein Erbe entdecken, das nur bedingt ihr eigenes ist. In einer letzten Pointe springt der Film ein weiteres Mal über den Atlantik und landet, möglicherweise asynchron zur fiktionalen Welt, bei den Sex Pistols.

Ob das alles Sinn ergibt, mögen Pophistoriker entscheiden. Ein interessanterer Film als "Apres mai" ist "Not Fade Away" aus anderen Gründen. Zum Beispiel, weil er sich tiefer hineinwagt in das Minenfeld der Nostalgie. Assayas erzählt, manchen Widerhaken zum Trotz, die geradlinige Geschichte einer Prägung, deren einziger echter Clou darin besteht, dass sie konsequent negativ verläuft: Gilles, alter ego des Regisseurs, bieten sich im postmairevolutionären Frankreich der Siebziger Jahre eine Reihe von Alternativen, sowohl auf politischem wie auf künstlerischem und sexuellem Gebiet, von denen er stets exakt keine einzige wählt. Zumindest bis kurz vor dem Ende des Films, an dem sich eine jetzt endlich eklektisch genug zusammengebaute Lebens- und Karriereplanung zu formieren beginnt. Und die Traumfrau wandert auf die Leinwand.

Von einem solchen Schematismus ist "Not Fade Away" weit entfernt. Chase' (in filmtechnischer Hinsicht weit weniger perfekt gemachter; in vielem noch den kleineren Bildern des Fernsehens verpflichteter; außerdem an den Rändern doch etwas prätentiöser) Film hat einen Blick für die Zufälle und Willkürentscheidungen, die das einzelne Leben für gewöhnlich weit mehr prägen als jeder Zeitgeist. Als Erinnerungsfilm ist "Not Fade Away" schön, weil er sich jeder einzelnen Situation mit Haut und Haaren verschreibt, mal zum Slackerfilm wird, mal zum Liebesdrama, mal zum Freundschaftsdrama, und weil er gleichzeitig gar nicht erst versucht, all diese Handlungsstränge zu bündeln, auf ein Leben, eine Prägung zu subsumieren, weil er nicht versucht, um jeden Preis die Kontrolle zu behalten über die Lebenslinien, die er evoziert. Weil er nicht, wie "Apres Mai", kalt und analytisch aushandelt, wie sich individuelle Handlungsmacht und Umwelteinflüsse zueinander verhalten könnten, bzw. idealtypisch verhalten sollten; und statt dessen, fast schon proustisch, dem Unverhältnismäßigen am menschlichen Leben einen Raum gibt, den ganz und gar eigenartigen Erinnerungen, die in diesem Fall nicht der Geschmack einer Madeleine, sondern die ersten Takte eines Stones-Songs evozieren.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Not Fade Away

USA 2012 - 112 Minuten - Start(D): 26.09.2013 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: David Chase - Drehbuch: David Chase - Produktion: David Chase, Mark Johnson - Kamera: Eigil Bryld - Schnitt: Sidney Wolinsky - Darsteller: Bella Heathcote, Jack Huston, James Gandolfini, Brad Garrett, Christopher McDonald, Julia Garner, John Magaro, Veronica Milagros, Molly Price, Isiah Whitlock Jr., Lisa Lampanelli, Alex Veadov, Justine Lupe, Will Brill, Adam Shapiro

 

 

 

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