zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

 

Non-Stop

 


Rein filmische Spekulationen

Jaume Collet-Serra jagt in "Non-Stop" den längst nicht mehr knackig agilen Liam Neeson durch einen weiteren großartig spekulativen Actionfilm

In "Unknown Identity" diente noch ein Fantasie-Berlin zwischen Adlon Hotel, Oberbaumbrücke und einem grenz-apokalyptischen Kreuzberg Regisseur Jaume Collet-Serra und Hauptdarsteller Liam Neeson als Kulisse für ein rasantes Intrigenspiel um den Verlust der eigenen Identität. In "Non-Stop" schmurgelt das Setting auf den Passagierraum eines transatlantischen Fluges zusammen, währenddessen Neeson in der Rolle eines alkoholkranken Air Marshalls alle Hände voll zu tun hat, nicht nur einen anonymen, den Flugbegleiter per SMS erpressenden Mörder an Bord zu stellen, sondern auch gegen den von online gestreuten Smartphone-Videos der Passagiere weltweit geschürten Eindruck anzukämpfen, er selbst, Bill Marks, habe das Flugzeug gekapert.

Gerade weil der Film auf so unwahrscheinliche Weise angeordnet ist, lässt er sich als rein filmische Konstruktion unter beengten räumlichen Verhältnissen genießen: Die Versuche, das Publikum immersiv in eine eigene Welt zu ziehen, sind sehr überschaubar. Eher ist "Non-Stop" ein Film, der sich dabei beobachten lässt, wie er sich, analog zu der ziemlich ausgebrannten Figur, die Neeson spielt, mit dem Korsett vorgegebener Parameter arrangiert: Der Film hat die Aufgabe, einen Actionthriller im Innern eines Flugzeugs spielen zu lassen - Neeson als Bill Marks wiederum ereilt per SMS die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass 150 Millionen Dollar auf ein Konto, das fatalerweise auf seinen eigenen Namen läuft, überwiesen werden. Für alle 20 Minuten, die das nicht geschehen ist, setzt es einen toten Passagier an Bord. Dass Marks nach den ersten 20 Minuten selbst einen Mann auf dem Gewissen hat, ist für die Außenwirkung nicht eben förderlich - und zentraler Bestandteil des abgekarteten Spiels, in dem es bald schon überoffensichtlich wird, dass es nicht ums Geld geht. Am Ende schwingt sich "Non-Stop" zum Post-9/11-Paranoiafilm auf, dessen hanebüchene Auflösung das Geschehen nur noch ein weiteres Mal ins Reich genussvoller, aber rein filmischer Spekulationen verweist, denen außerfilmische Referenzpunkte nur als szenarische Stichwortgeber fürs Zeitgeist-Kolorit dienen.

Nach "The Orphan" und "Unknown Identity" erweist sich Jaume Collet-Sera dabei aufs Neue als routinierter Regie-Handwerker, der altmodische Tugenden eines souveränen Genrekinos ganz ohne nervöse Selbstbesoffenheiten in eine zeitgemäße Form zu bringen versteht. Das Spiel mit der Fragilität von Identität - verstanden als Katalog äußerer Zuweisungen - erweist sich dabei seit "The Orphan" als ein durchgängiges Motiv. Und das hinsichtlich eines Kinos, das weniger an politischen Deklamationen bezüglich des performativen Charakters identitärer Entwürfe als vielmehr an seiner eigenen Konstruktion interessiert ist: Anders als der berüchtigte Plottwist-Film, der dem Publikum am Ende die eigene Genialität in Form eines überraschend aus dem Zylinder geholten Kaninchens unter die Nase reibt, zeichnen sich Jaume Collet-Seras Filme dadurch aus, dass sie das Publikum von vornherein zum Spiel einladen.

Dass der einst im Arthouse-Bereich gefeierte Charakterdarsteller Liam Neeson hier binnen weniger Jahre zum x-ten Mal den am Leben gescheiterten, unrasierten Kerl weit jenseits knackiger Agilität in einem Actionthriller spielt, der aus der Perspektive Hollywood'scher Star-Ökonomie nur als Eingeständnis einer formidablen Karriere-Sackgasse eingeschätzt werden kann, verleiht diesem Film einen ganz eigenen Reiz: Wenn sich Bill Marks in äußerster Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gegen sein öffentliches Medienimage aufbäumt, flüstert der Film leise einen Meta-Text mit.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

 

 

Non-Stop
USA, Frankreich 2013 - 106 Minuten - Start(D): 13.03.2014 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Jaume Collet-Serra - Drehbuch: John W. Richardson, Christopher Roach - Produktion: Susan Downey, Alex Heineman, Steve Richards, Andrew Rona, Joel Silver - Kamera: Flavio Martínez Labiano - Schnitt: Jim May - Musik: John Ottman - Darsteller: Liam Neeson, Julianne Moore, Scoot McNairy, Michelle Dockery, Corey Stoll, Anson Mount, Bar Paly, Linus Roache, Jon Abrahams, Omar Metwally, Nate Parker, Jason Butler Harner, Toshiko Onizawa, Amanda Quaid, Finise Avery - Verleih: StudioCanal

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays