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Nightcrawler


 

Ständig knallende Schüsse

Das Gespenst des Neoliberalismus geht um in Dan Gilroys Thriller "Nightcrawler".

Die Rhetorik der Motivationstrainings, die Rhetorik der Bewerbungsgespräche, all den neoliberalen Sprachschrott hat Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) soweit verinnerlicht, dass er nicht mehr nur wie ein Mittel zum Zweck, wie eine Performance zur Selbstvermarktung wirkt, sondern in der manischen Dringlichkeit, mit der es zum Besten gegeben wird, mit dem Sprecher verschmilzt, eins wird: Man kann alles erreichen, alles schaffen - solange man hart arbeitet, hartnäckig seinen Weg geht, sich in den Dienst einer Sache stellt, niemals vom Ziel abweicht, große Entwürfe wagt, Chancen beim Schopfe packt und skrupellos umsetzt. Wenn Bloom selbst noch, gelinde gesagt, mäßigen Jobs mit dieser Programmatik lautstark hinterher rennt, passt klein Blatt Papier mehr zwischen ihn als Subjekt und das Mindestanforderungsprogramm an jeden Arbeitnehmer in prekären Zeiten. Passend, dass Gyllenhaal sich für diesen Film zum Dörrobst ausgehungert hat, sodass seine Augen ganz besonders intensiv hervortreten und geisterhaft in die Welt glupschen: Ein Gespenst geht um in der Welt - das Gespenst des Neoliberalismus. Und dieser Bloom ist dessen eindringlichste Konkretion.

Wer so spricht, sieht keine Gesellschaft mehr, erkennt ihren Wert nicht, nicht den Schutzraum, den sie da, wo sie funktioniert, bieten kann. Dass Erfolg nie nur eine Sache hartnäckig verfolgter Ambitionen ist, sondern auch eine der Rahmenbedingungen und sozialen Fügungen, bleibt diesem Nachtwanderer Bloom, wie auch der Ideologie, die er vertritt, verborgen. Er ist zugleich der vollkommene Konformist und der vollkommene Individualist im schlechtesten Sinne des Wortes: Eigenbrötlerisch, gesellschaftlich unverantwortlich und uneingebunden - und doch nur die Entsprechung dessen, was vom Einzelnen abverlangt wird. Soziale Bindungen sind für ihn nur aus Perspektive ihres Marktwertes interessant, lässig-freundlicher Umgang mit Menschen findet dort statt, wo es der Beförderung der eigenen Position dient. Mitmenschen sind Mittel zum Zweck. Ein entfernter Verwandter von Travis Bickle, Scorseses Taxi Driver, mit dem Unterschied, dass Bickle sich seiner Position im gesellschaftlichen Off völlig bewusst war, während Bloom sich geradezu affirmativ zu den gesellschaftlichen Zumutungen positioniert, sie umarmt und sich selbst als dazu passenden, idealen Menschen sieht. Er entspricht ja nur, in aller rasender Konsequenz, den Anforderungen.

Inwiefern? Indem er einen Markt sieht und diesen bedient: Ein nächtlicher Unfall auf den Straßen von Los Angeles und die im Nu präsenten Kamerateams, die Aufnahmen des Geschehens binnen kürzester Zeit an die lokalen Fernsehstationen verhökern, lassen ihn begreifen, dass das Geld in dieser Stadt buchstäblich auf der Straße liegt. Mit billigem Equipment und der Soziopathen eigenen, ganz besonderen Skrupellosigkeit rückt er den Unfällen und deren Opfern eindrücklich auf den Leib, stößt sich mit Ellbogenmentalität in die inneren Strukturen der Fernsehsender - und hilft schließlich, als er mehr von seinem Job versteht, bei den Unfällen durch Handanlegen nach. Was am Ende zählt, ist der Marktwerkt des blutigen Abbildes einer längst von Partikularinteressen überformten Realität. Als Bloom auf seiner Nachtpirsch mit seiner Kamera einen kaltblütigen Mord dokumentiert, verstrickt er sich zusehends in die Ermittlungen, die er schließlich nach seinem eigenen Interesse dirigiert - die Kamera stets in Griffnähe.

"Nightcrawler" rückt auf geradezu klaustrophobisch enge Nähe an seine Figur. Einen äußeren Andockpunkt, an den sich die Empörung und Entrüstung über diese Figur innerhalb des Films festmachen ließe, verweigert Regisseur Dan Gilroy mit aller Konsequenz: Die kaputte Welt, die er zeigt, ist total, sie erhebt bis zum galligen Ende universellen Geltungsanspruch, ohne dass der Film sich selbst mit ihr gemein machen würde.

Lediglich die so ruhigen wie klaren, präzisen Digitalbilder, die Kameramann Robert Elswit diesem so endlosen wie profillosen Los Angeles abtrotzt, bieten eine Art ästhetische Distanz zu Blooms mitunter schäbig anzusehenden Crash-Movies. Gerade in dieser Ahnung von Differenz und Distanz liegt der Hoffnungsschimmer, den sich "Nightcrawler", wenn auch leise, gönnt: Vielleicht gibt es noch die Aussicht auf eine Alternative zu einer Welt, in der sich ausnahmslos alles einem Marktwert unterzuordnen hat. Die Konsequenz, mit der "Nightcrawler" die Mechanismen dieser Welt auf den Punkt zuspitzt, macht ihn zum adäquaten Horrorfilm zur gegenwärtigen Zeit.

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

  

Nightcrawler
(alternativer Titel: Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis) - USA 2014 - 119 Min. - Start(D): 13.11.2014 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Dan Gilroy - Drehbuch: Dan Gilroy - Produktion: Betsy Danbury, Jennifer Fox, Tony Gilroy, Juliana Guedes, Jake Gyllenhaal, David Lancaster, Michel Litvak, Gary Michael Walters, Stephanie Wilcox - Kamera: Robert Elswit - Schnitt: John Gilroy - Musik: James Newton Howard - Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Bill Paxton, Anne McDaniels, Ann Cusack, Kevin Rahm, Riz Ahmed, Kathleen York, Eric Lange, Jamie McShane, Michael Hyatt, Viviana Chavez, Jonny Coyne, Emily Dahm, Carolyn Gilroy - Verleih: Concorde

 

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