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Nichts ist besser als gar nichts

 

 

 

Stricken am löchrigen Pulli

 

Mehrere Reinigungskräfte putzen gemeinsam ein ziemlich großes Objekt, doch die Kamera ist zu nah dran, um zu erkennen, was es ist. Dann fährt sie zurück, das Bild öffnet sich, und während das Objekt zu leuchten beginnt, geht auch dem Zuschauer ein Licht auf. Die ziemlich witzige erste Einstellung von „Nichts ist besser als gar nichts“ ermöglicht einen überraschenden Blick auf eine vielleicht alltägliche, aber selten wirklich wahrgenommene Tätigkeit im Außendienst des Gebäudereinigungsbetriebs. Und irgendwie verdichtet dieser schöne Einstieg sogar das, was der folgende Dokumentarfilm für den Zuschauer leistet, eine Schärfung des Blicks fürs Alltägliche.

Der Aufhänger des Films ist fiktional: Als Jan seine Freundin am Flughafen verabschiedet hat, weil sie für sechs Wochen an den Amazonas reist, stellt er fest, dass seine Geldbörse noch in ihrem Handgepäck sein muss – Bargeld, Karte, alles weg. Was ihm bleibt, sind der Schlüssel zur Wohnung der Freundin, in der zumindest etwas Essbares wartet, und die noch gültige Gruppenkarte für den öffentlichen Nahverkehr. Inspiriert von einem Punk und weil er dringend Geld braucht, bietet Jan schließlich wildfremden Menschen an, sie günstig auf seiner Fahrkarte mitreisen zu lassen. Und hier beginnt das dokumentarische Experiment über die Arbeit eines „freien Reisebegleiters“, dem sich Filmemacher Jan Peters bereits zum zweiten Mal widmet. Schon 2007 sorgte er für Aufsehen mit seinem Kurzfilm „Wie ich ein freier Reisebegleiter wurde“, in dem er das Konzept erstmals vorstellte – freilich mit anderen Zufalls-Protagonisten und noch mit einer etwas experimentelleren Bildgestaltung. Peters hatte danach allerd

ings den Eindruck, das Potential seiner Idee sei damit noch nicht erschöpft. Deshalb macht er sich in „Nichts ist besser als gar nichts“ erneut zum Stellvertreter der abstiegsbedrohten Mittelschicht, interviewt Zufallsbekanntschaften und begibt sich mit seinem Kameramann Marcus Winterbauer in die Welt der Kleinstunternehmer, Obdachlosenzeitungsverkäufer und Flaschensammler, auf der Suche nach dem „4. Arbeitsmarkt“, und er stößt auf ganz unterschiedliche Konzepte, mit dem Mangel und dem Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben umzugehen.

Ein Ein-Euro-Jobber etwa arbeitet an einem Projekt mit, das den Teilnehmern die Imkerei vermittelt. Begründet wurde es von einer Gruppe freier Künstler, die herausfanden, dass der grotesk geringe Betrag, der sich jährlich durch die Honigernte erwirtschaften lässt, immerhin in etwa ihren jährlichen Einnahmen durch die Kunst entspricht. Allerdings sei die Arbeit mit den Bienen ziemlich befriedigend, beziehungsweise, im Fachterminus, erzeuge eine unglaubliche „job satisfaction“. Einer von Jans ersten Kunden als freier Reisebegleiter ist prompt ein Unternehmensberater, der sich für seine Form der Existenzgründung begeistert und Verbesserungsvorschläge macht, um mehr Mitfahrer zu akquirieren und die Einträglichkeit des neuen Jobs zu maximieren. Das Angebot unter dem Motto „Sei fit, fahr mit“ wird also immer weiter optimiert: Jan verbessert die Kundenansprache, feilt an der Corporate Identity, nimmt bei ausbleibendem Erfolg verzweifelt eine Diversifizierung der Produktpalette vor – und verzettelt sich, wie die nackten Zahlen belegen. Am Ende seines Projekts steht eine äußerst unbefriedigende Rentabilitätsrechnung.

Begleitet von der neugierigen, ironisch reflektierenden Voiceover des Filmemachers führt eine Situation federleicht zur nächsten. Jan erarbeitet sich Stammgäste und dringt tiefer in deren Geschichten vor. Ohne belehrende Kommentare oder forcierte Gefühligkeit werden verschiedene Lebensentwürfe vorgestellt und Menschen, die sich ebenfalls mit der Zukunft der Arbeit beschäftigen. So etwa Susanne Wiest, die Initiatorin der Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Sie fragt, ein schönes Bild nutzend, ob es nicht besser sei, einen ganz neuen Pullover zu stricken, wenn doch alle ohnehin nur mit dem Stopfen von Löchern beschäftigt seien. Der hilfsbereite Unternehmensberater Maik Wagner wiederum arbeitet im Zweitjob als Lehrer für schwer integrierbare Jugendliche. Jan besucht seine Klasse und beobachtet Maik bei der Arbeit. Es besteht kein Zweifel: Die Jugendlichen besitzen außergewöhnliche Talente. Bloß entsprechen die nicht den normierten Anforderungen der Gesellschaft.

„Nichts ist besser als gar nichts“ ist kein Film, der sein Thema, wie es immer heißt, „erschöpfend“ behandeln wollte oder könnte, aber genau das ist gut so. Und wie so oft, wenn ein Film etwas wirklich Wichtiges zu erzählen hat, ist er nur in ausgewählten Kinos zu sehen.

Louis Vazquez

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

  

Nichts ist besser als gar nichts
Deutschland 2010 - 89 min.
Regie: Jan Peters - Drehbuch: Jan Peters - Produktion: Thomas Tielsch - Kamera: Marcus Winterbauer - Schnitt: Nina von Guttenberg, Sandra Trostel - Musik: Pit Przygodda - Verleih: Filmtank/ Aries Images - Altersfreigabe: ab 0 Jahre - Besetzung: Jan Peters, Jürgen Schank, Maik Wagner, Susanne Wiest
Kinostart (D): 04.11.2010

 

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