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Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

 

 

1970. Ein Jahr zuvor war die Kriminalisierung der Schwulen aufgehoben worden ( § 175: Widernatürliche Unzucht“), und es war sowieso die große Zeit des Aufbruchs und der Aufsässigkeit. Rosa von Praunheim verschaffte sich mit seinem Film Gehör und verstörte nicht nur die damalige Öffentlichkeit, sondern auch einen großen Teil der schwulen Gemeinde. Hallo! Was zum Nachschmecken! „Nicht der Homosexuelle“ lief zwei Jahre später im WDR 3 und 1973 im 1. Programm, nur Bayern hatte sich ausgeklinkt. Sieht man den Film 44 Jahre später, ist er nach wie vor ein Hinkucker. Und, Überraschung!, er funktioniert auf ein paar Leveln mehr. Es macht Spaß zu sehen, wie er weiter wächst und gedeiht. Ja, ich bewundere den Film. Klar, „Nicht der Homosexuelle“ ist ein Manifest, ein lauter Aufruf, sich zu politisieren und sich nicht von konservativen Spießern vereinnahmen zu lassen. Auf einem zweiten Level demonstriert er, wie Schwule, die nicht auf Rosa von Praunheim hören wollen, in die Krise kommen, vom netten Boy zum SM-Praktikanten und weiter zum Pissbudenschwulen. Heute gibt’s zwar keine Pissbuden mehr auf der Straße und – Momentmal, ich wollte noch bei den Leveln bleiben. Da gibt’s einen, für den der Film ausgiebig bewundert wurde. Denn der Drohgebärde Praunheims zum Trotz gibt es viel Freude, die komplette berliner Schwulenszene von 1970 vorgeführt zu bekommen. Danke, Rosa von Praunheim bzw. der neuen DVD!

 

Daniel (Bernd Feuerhelm) entflieht dem Luxusbett (Ernst Kuchling), um die Freuden der Konsumwelt zu genießen. Seine Arbeit als Kellner im Schwulencafe (man erkennt das ehemalige Moby Dick in der Grolmannstraße) verschafft ihm »interessante Gespräche über Film, Mode und Körperpflege mit den dort verkehrenden Freizeitschwulen (man erkennt Dietmar Kracht). Auf der Wannseeterrasse Deck 4 lässt Daniel sich eincremen. »Trotzdem hasst ein Schwuler den anderen, denn er sieht in ihm sein eigenes Unglück. Statt gegen eine Gesellschaft zu kämpfen, der sie ihr Unglück verdanken, geben sie sich lieber selber die Schuld - Zwei Jahre später findet Daniel schnellen Sex auf der Straße und in Nachtlokalen. »An jeder Ecke bieten Schwule sich wie Nutten an Mit einer Rose im Eingang einer Kneipe steht ein Partner (Manfred Salzgeber). »2000 wechselnde Sexualpartner im Leben eines Schwulen sind oft der Ersatz für den einen«: der Kommentar zur Fassade des Kleist-Casinos. Die Kleist-Quelle und die Haci-Bar am Savignyplatz kommen ins Bild, während der off-Sprecher für die Tunten plädiert: »Sie sind nicht so verlogen wie der spießige Schwule. « Die Musik stimmt sich ein: »Was ist das Ziel in diesem Spiel, das der Natur gefiel. « - „Wie bei den Nazis, in Cowboyfilmen und beim Militär sehnen sich die Ledermänner in eine Welt der Gewalt. « Es herrscht konzentrierte Stille. Die he-Schwulen befingern Ketten, Ringe, Reißverschlüsse: »Sexuelle Hilfsmittel«. - Daniel sinkt zum Pissbudenschwulen hinab. In den Klappen erfährt er, dass Stricher und Rocker die Schwulen hassen. Auf der Straße möchten die Passanten Schwule vergasen und kastrieren. Daniel sucht Trost in der Transvestitenkneipe (Ellis Bierbar): »Ja, ich bin die tolle Frau von der Tingeltangelschau«.

 

Ellis Bierbar. Praunheims Film hat ihr ein „Denkmal“ gesetzt (Wolfgang Müller, Subkultur Westberlin 1979-1989). Direkt gegenüber dem Görlitzer Bahnhof mischten sich dort Lesben, Schwule und Transvestiten im Rentenalter mit minderjährigen Vertretern der Punkszene aus dem SO36. Ingeborg Bachmann, Kurt Mühlenhaupt und Friedrich Schröder-Sonnenstern ebenso wie Rudi Dutschke trafen in den sechziger Jahren aufeinander. Heute bietet dort ein Makler- und Immobilienbüro seine Dienste an.

 

Nackt lässt sich Daniel von emanzipierten Schwulen einer WG ein Manifest vortragen (es ist von Martin Dannecker theoretisch abgesichert). Dieses will »den Pissbudenschwulen und Parkfickern helfen, aus ihrer beschissenen Situation herauszukommen«. Disziplin und Moral sind erforderlich, bewusst »schwuler zu werden« und »mit den Negern der Black Panther und der Frauenbewegung gegen die Unterdrückung von Minderheiten zu kämpfen«.

 Jei! Mit dem Aufruf »Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! FREIHEIT FÜR DIE SCHWULEN! « hätte der Film sein Happyend gehabt, wenn nicht zu den starken Worten die abgebildeten jungen Männer ein schwaches Bild böten. Darf man nun lachen oder nicht? 

Die kämpferisch-pathetischen Manifestsätze des Films verlieren angesichts der professionell-kühlen Bilder Robert van Ackerens ihre Verbindlichkeit und werden selbst eins der Phänomene, die der Film beschreibt: der analytische Berufsschwule ist eine der vielen Facetten, die den Reichtum des Films ausmachen. Der Film unternimmt Unvereinbares (Wirkliches/Fiktives, Beschriebenes/Analysiertes, Dokumentiertes/Inszeniertes) und gewinnt doch Balance und Authentizität in der vorsätzlichen »diffusen Künstlereinstellung« (Praunheim) des Filmmachers. Indem dieser Material organisiert, das er quasi als Feldforscher gefunden hat, macht er sich gleichzeitig selber zum Gegenstand der Beschreibung. Der Film funktioniert, da Praunheim selbst die Vielfalt der Daniel-Identität ist: Der Film ist sein Comingout. Seine Eltern erfuhren erst durch den Film, dass ihr Sohn homosexuell ist. Gerade weil die Modelle des Schwulenfilms auch Travestie sind - das politische Pathos in rosa Licht getaucht wird -, die schlimmsten Heteroklischees über die Welt der Perversen bestätigt und gleichzeitig zerstört werden - Bild und Ton einander zum Zeugen aufrufen und dementieren -: gerade in dieser überreichen Widersprüchlichkeit stellt sich etwas her, was - in der Person des Filmmachers - wirklich ist, authentisch, lebendig und menschlich. Praunheim reagierte als Betroffener, der persönlich erfahren hat, was im Schwulenlager Selbstunterdrückung bedeutet, Selbsthass und Schuldgefühle. Im Film passiert grade das nicht, was in dieser Situation sonst als wohlfeiler Ausweg dient, nämlich den Schwulen als Opfer der (Hetero-)Gesellschaft hinzustellen und über die Diskriminierung  zu klagen. Stattdessen soll Praunheims aggressive und provozierende Selbstkritik aus der schwulen Subkultur hinaus helfen. Gegenstand der Kritik ist damit der schwule, verlogene, anpassungswillige Kleinbürger, der sich bereitwillig aufs Sexuelle reduzieren lässt, gesprächsunfähig wird, Gefühle und Kommunikation verliert und mit Lust sich selbst gegenüber repressiv verhält, obwohl die alte Unterdrückung durch die Gesellschaft längst ihre Wirksamkeit verloren hat. »Die Situation, die die Schwulen in Clubs und Saunen treibt, das eben ist die schizophrene Subkultur« (Praunheim). 

 

Praunheim reibt sich mit seinem Film als Minderheit in der Minderheit an der schweigenden Mehrheit konservativer und reaktionärer Schwulengesinnung. Er will das (schwule) System verändern, dessen Teil er bleibt. Das gewährleistet in der Tat intensive Lernprozesse. Zu lernen ist etwas aus der schwulen Wende, die Praunheim schon im Jahr 1970 konstatiert. Das ist für ihn die Änderung des schwulen Rollenverhaltens: vom femininen zum maskulinen Ideal, nämlich von der Tunte, deren Gebaren Protest gegen die Rollenerwartung war, zum Lederschwulen, dessen Gebaren Anpassung (Überanpassung) an die Repressionsmechanismen der Gesellschaft ist.

 

Vor dreißig Jahren hatte ich mich in einem Buchbeitrag (Reihe Hanser, insoweit nachzulesen in www.filmzentrale.com) für Rosa von Praunheims Film begeistert. Und heute, dreißig Jahre später? Also echt: jung geblieben! Rosa war 27 oder 28, als er den Film machte, und der Charme des Unschicklichen und Ungeschickten des Schwulenfilms war es, der den Film glaubwürdig und attraktiv machte. Die Abwesenheit von Professionalität und Kommerzialität brachte das Unikum eines Kampffilms zuwege, der sich genießen ließ. Denn der Film spricht Kopf und Bauch an, auch meinen.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen 2014 in: sissy

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt

Regie, Buch, Ton: Rosa von Praunheim. - Kamera: Robert van Ackeren, Rosa von Praunheim (uncredited). - Kamera-Assistenz: Dieter Milster. - Schnitt: Jean-Claude Piroue. - Musik: Archivaufnahmen. - Maske: Hans-Peter Knöpfle. - Regie-Assistenz: Pia Richter-Haaser, Johannes Flütsch. - Theoretische Mitarbeit: Martin Dannekker, Sigurd Wurl. - Darsteller: Bernd Feuerhelm (Daniel), Berryt Bohlen (Clemens), Ernst Kuchling (Der Reiche), Dietmar Kracht, Steven Adamczewski, Manfred Salzgeber (alle uncredited), u.v.a. - Sprecher: Volker Eschke, Michael Bolze, Rosa von Praunheim. - P: Bavaria Atelier GmbH im Auftrag des WDR. - Produzent: Werner Kließ. - Herstellungsleitung: Lutz Hengst. - Produktionsleitung: Dieter Minx. - Aufnahmeleitung: Peter Skwara. - Drehort: Berlin. - Produktions-Kosten: ca. 250 000 DM. - Format: 16 mm, Farbe (Kodak). – Original-Länge: 67 min. - Uraufführung: 4.7. 1971, Internationales Forum des jungen Films, Berlin; 2.9. 1971, Hamburger Filmschau. - TV: 31.1. 1972 (WDR III); 15.1. 1973 (ARD, außer Bayern). - Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek (16 mm).

 

DVD
Erschienen bei: Kino Kontrovers / EuroVideo
Bildformat: 1,85:1 (16:9) / HD 1080/24p
Ton/Sprache: Deutsch (DTS-HD-Master 2.0 Mono)     
DVD-Start: 08.05.2014
Extras: ARD-Diskussionsrunde zum Film (1972), Publikumsdebatte New York City (1972), Video-Vorwort von Rosa von Praunheim (2014), 28-seitiges Booklet

 

 

 

 

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