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Nemesis

 

 

 

Seit Nina, Claires Schwester, im italienischen Ferienhaus von Robert und Claire erschlagen und verstümmelt wurde, ist der Zauber des schön gelegenen Domizils verflogen. Robert und Claire geben ein letztes Fest, wollen, so glauben die Freunde, anderswo noch einmal ganz von vorn anfangen. Das stimmt zwar, allerdings nicht als Paar, was, von Claire keck in die Runde geworfen, zur Überraschung des Abends wird. Ist die Beziehung also doch an der Gewalttat zerbrochen? Oder ist es anders, weitaus komplizierter?

„Nemesis“ von Nicole Mosleh macht es dem Zuschauer nicht leicht, setzt auf mehrfach verschränkte Rückblenden, die lange nicht eindeutig zu bewerten sind, weil die Erzählperspektive fließend zu sein scheint. Wie subjektiv ist das, was man sieht? Und welcher Figur zugeordnet? Robert hat bereits ein Verhältnis mit einer Freundin des Hauses, scheint dieses aber eher halbherzig als Fluchtweg zu instrumentalisieren. Claire dagegen hat wenig mehr als einen schlimmen Verdacht. Dann gibt es noch die abgehackte Hand in der Tiefkühltruhe – und die im See versenkten Utensilien der Ermordeten, die zur Unzeit an der Wasseroberfläche erscheinen. In „Nemesis“ herrscht zwar das Echo eines stillen Schreckens, doch die Hölle sind sich Claire und Robert höchstpersönlich. Angefeuert von einer erstaunlichen Menge zu jeder Tages- und Nachtzeit konsumierten Alkohols umschleicht das Paar einander: zwei lebende Vorwürfe. Resultat einer in die Jahre gekommenen Beziehung, deren einst vielleicht vorhandene Basis längst in Verachtung, Hilflosigkeit und lange aufgestaute Frustration umgeschlagen ist. Zu sehen ist allerdings lediglich die Gegenwart der Beziehung, in der es aus Claire immer wieder herausbricht: „Ich will nicht, dass du immer so mit mir redest!“ Schwierig einzuschätzen, wie bedeutsam in dieser Paarhölle der Tod Ninas tatsächlich ist, denn Schicht um Schicht, Weinflasche auf Schnapsflasche, arbeitet sich der Film zum Kern der Konflikte vor. Als es schließlich vollbracht ist, wird es noch schmerzhafter.

Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein recht einfacher Stoff durch die verschachtelten Rückblenden und eine aufs Kunstgewerbliche zielende Kameraarbeit mühsam verkompliziert werden soll. Ohne dass dieser Anspruch letztlich eingelöst werden kann. Das Projekt „Nemesis“ hat eine ungewöhnlich lange und zudem spektakuläre Geschichte: Nicole Mosleh arbeitete seit 2004 an ihrem Low-Budget-Kammerspiel. Dass sich schließlich mit Ulrich Mühe und Susanne Lothar zwei Schauspielstars fanden, die bereit waren, das Projekt zu unterstützen, muss als Glücksfall gewertet werden; schließlich galten Mühe und Lothar seit „Funny Games“ (fd 32 731) als Schauspieler, die das Extreme geradezu herausfordernd suchten. Die Dreharbeiten fanden im Frühjahr 2006 statt, doch die Postproduktion zog sich auf Grund fehlender Mittel länger hin. Den Film unmittelbar nach Mühes Tod im Sommer 2007 in die Kinos zu bringen, erschien dann gewiss nicht nur Susanne Lothar als zu spekulativ. Schließlich wurde „Nemesis“ im Herbst 2010 im Rahmen der Hofer Filmtage uraufgeführt. Nachdem im Sommer 2012 auch Susanne Lothar starb, bietet der Film nun die letzte Gelegenheit, das mutige und neugierige Schauspieler-Paar bei der Arbeit zu beobachten. Passenderweise in einem ungemütlichen Kammerspiel über menschliche Abgründe und unterdrückte Wut, die in Gewalt umschlägt. Aber „Nemesis“ ist glücklicherweise auch ein Film, in dem man Susanne Lothar mit erstaunlich mädchenhafter Stimme einmal sagen hört: „Ich hör’ nix!“ Auch diesen Moment sollte man in Erinnerung behalten, nicht nur die Verzweiflung und Agonie des Paars.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

Nemesis
Deutschland / Italien 2010 - Regie: Nicole Mosleh - Darsteller: Ulrich Mühe, Susanne Lothar, Janina Sachau, Gesine Cukrowski, Waldemar Kobus, Joanne Gläsel, Goetz Schulte, Peter Hausmann, Isis Krüger, Ricardo Frenzel, Hildegard Schrödter - Start: 15.11.2012

  

 

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