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Der Nachtmahr

 

 
Laut und luizid: Sieh dich im Ding (und lass die Ohren klingen)

So schnell kann's gehen: Eben noch angehende Bikini-Techno-Prinzessin am Berliner Wald-Freibad-Partypool, die das Auge des - trotz Gipsbein und feister Fresse - umschwärmten Jung-DJs Adam (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) auf sich lenkt, stürzt die 18jährige Gymnasiastin Tina jäh in Dauerzustände von Peinlichkeit und Ausschluss. Schuld daran ist "Der Nachtmahr". Dieser ist zum einen ein Alptraum, der in den Alltag sickert, Abläufe verwirrt, aber auch klar sehen lässt, wie viel an Normalisierungszwang und Konformismus in kess optimierten Nächten und in behüteten Schulmädchen- und Villenbewohnerstochtertagen angelegt ist. Zugleich ist der Nachtmahr lapidar verkörpert als elendes Wesen, das an Zwerg Nase, Alien-Embryo und E.T. erinnert. Einfach so taucht er auf in Tinas Leben, beansprucht mittels erbärmlichem Krabbeln, Rascheln und Gurren (Kennt noch jemand den "Exoten" aus "Dark Star"?) ihre Fürsorge; sie teilt Jugendzimmer, Eiskasten, offenbar auch das Nervensystem mit ihm; so wird etwa auch sie ohnmächtig, wenn der Nachtmahr von einem polizeilichen Betäubungsgeschoss getroffen wird.

Allgemein gesehen - und dazu fordern gute Horrorfilme, auch märchenhaft-satirische wie dieser, ja immer ein Stück weit auf -, zeigt sich da, wie mitten im Mittelschicht-Hedonismus ein Ankömmling aus dem Nichts Aufnahme und Empathie einfordert. Das stößt auf bornierte, wohlstandspanische Ablehnung, nicht nur im Film. In diesem nun läuft das konkret und in aller Verdichtung präzis beobachtet so ab, dass Eltern, Freundinnen, auch der obergscheite Psychotherapeut, ihn nicht sehen und ihr nicht glauben; Tina wird in aller Behutsamkeit pathologisiert und weggedrängt. Zusammenleben ist der Horror. Sozial-Sein ist - genau bzw. im luziden Licht eines Nachtmahrs betrachtet - ein peinlich-obszönes Ding und tut weh. Aber es sieht auch lustig aus. Aus dem Erlebensgefälle - für sie ist er ihr zweites Ich, für alle anderen gar nicht da ("Mein Freund Harvey", den kennen wir aber schon noch, oder?) - resultieren in "Der Nachtmahr" einige Momente schöner Außenseiterkomik; etwa wenn Vaters Chef samt Gemahlin endlich zum Dinner kommen und die Tochter als tapfer ihr psychisches Problem bewältigendes Kind vorgeführt werden soll. "Ich bin doch kein Freak!", protestiert Tina einmal, darauf die Mutter mahnend: "Du, also, 'Freak' ist ein ganz blödes, diffamierendes Wort."

Solche Momente - auch die Szene mit dem elterlicherseits (wie) versehentlich auf Tinas Geburtstagsgabentisch gelegten Psychiatrieklinik-Folder - arbeiten heraus, wie in einem Spaß-Idyll immer mehr Druck aufgebaut wird. Druck (und Spaß) macht aber auch das grelle Styling von "Nachtmahr"-Regisseur AKIZ, bürgerlich Achim Bornhak: abrupte Übergänge in superlauten Techno und Industrial (Dancefloordialoge per Untertitel), Teeniehaut in Strobolicht, Milieumurmeln auf dem Schulhof und im Kifferzimmer. Kim Gordon (Ex-Sonic Youth-Bassistin) fällt auf als Englischlehrerin, die ihre Klasse William Blake'sche Gebärpoesie diskutieren lässt; Carolyn Genzkow brilliert als Gör mit Schnoferl, die zu sich steht - zu ihrem monströs externalisierten Defizienz-Selbst - und deshalb geht. Wie eine Springbreakerin, die fulminant abhaut, abfährt aus dem Springbreak. Ist ihr Name, so wie der des Regisseurs, ein chiffrenhaftes Kurzwort? Sie heißt TINA, aber: There Is No Alternative - das stimmt hier gar nicht. Du bist Ding, also hab dich lieb und dreh auf.

Benotung des Films: (8/10)

Drehli Robnik

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Der Nachtmahr
Deutschland 2015 - 88 min. - Regie: Akiz - Drehbuch: Akiz - Produktion: Akiz, Daniel Baur, Amir Hamz, Simon Rühlemann, Oliver Simon, Christian Springer - Kamera: Clemens Baumeister - Schnitt: Akiz, Anna-Kristin Nekarda, Philipp Virus - Musik: Christoph Blaser, Steffen Kahles - Verleih: Koch Media - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Carolyn Genzkow, Sina Tkotsch, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Arnd Klawitter, Julika Jenkins, Aram Arami, Michael Epp, Lynn Femme, Kim Gordon, Lucia Luciano, Nura Habib Ohmer, Uwe Preuss, Joe Rilla, Alexander Scheer, Til Schindler, Arnel Taci - Kinostart (D): 26.05.2016

 

 

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