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Die Nacht des Leguan

 

Eine vermurkste Verfilmung des Bühnenstücks von Tennessee Williams; gleichwohl finden sich einige schöne Szenen hustonscher Abenteuerfreude.

Pastor Shannon wird alle 18 Monate vom "blauen Teufel" gepackt; dann braucht er entweder eine Beruhigungsspritze oder, wenns schlimm kommt, eine Einweisung in die nächste Heil- und Pflegeanstalt. Sein Kirchenamt hat er längst quittieren müssen; jetzt verdingt er sich als Reiseführer an der Küste von Puerto Rico und plagt sich mit einem Haufen Lehrerinnen, die mit angestrengter Fröhlichkeit Volkslieder intonieren. Kurz vorm nächsten Anfall erreicht er mit Müh und Not das verlotterte Hotel seines Freundes. Letzterer ist zwar, da gestorben, soeben in die See versenkt worden, doch kümmern sich nunmehr die Witwe Maxine und die schön-aber-keusche Schnellporträtistin Hannah um den Pastor-Versager: sie fesseln ihn an die Hängematte und tränken ihn mit Tee. Drum genest letzterer, freilich nicht, ohne daß zuvor die unberührte Malerin einem gefangenen Leguan die Freiheit geschenkt und das Ableben ihres greisen Großvaters zu beklagen hatte. Wen nimmt der Pastor zum Schluß? Die labile Künstlerin? Nein: er bleibt bei der Hotelwitwe.

Gegen eine solche Inhaltsangabe könnte man einwenden, daß es bei diesem Williams-Stück mitnichten um die Fabel, sondern um das diffizil-diffuse Psycholeben der handelnden Personen gehe. Gottseidank. Vollkommen richtig. Doch gilt ein solcher Hinweis nicht für diesen Film; ihm kommt es gerade auf etwas an, was Williams Stärke nicht ist: auf die Handlung. Drum ist der Film schwach. Er dramatisiert und übertüncht das feine Seelenbild. Eigens ersonnene Szenen sind eingefügt. Die Minderjährige verführt den Priester im Bett, während die altjüngferliche Lehrerin kreischend an die Zimmertür hämmert. Zum Beispiel. Oder: Edel verzichtend offeriert die Hotelwitwe dem Pastor-Porträtistin-Paar ihren Beherbergungsbetrieb, um alsdann aufschluchzend in ihr Zimmer zu eilen. Ein erstaunlicher Einfall: Im Stück ist das Gegenteil der Fall. Die Witwe schnappt der Künstlerin den Mann weg und setzt dieselbe auf die Straße.

Ähnlich retuschiert der Film andere Williams-Figuren. Die Künstlerin, die im Film zugibt, daß sie mit Bluffs und Tricks arbeitet, avanciert zur weisen Frau und klopft Sprüche: Lieber leiden als sich mit Alkohol und Jungs vergnügen. Die Verfälschungen kommen nicht nur durch Zutaten, sondern auch durch Unterschlagungen zustande. Im Film fragt man sich, warum eigentlich der Pastor so verbittert und vergrämt einherzieht und an der Welt verzweifelt. Im Stück wird ihm immerhin noch erklärt, "wie deine Probleme angefangen haben", Mutter schickte ihn zu früh ins Bett; "daher hast du dem Laster der kleinen Jungen gefrönt und dich an dir selbst vergnügt". Nun ja. Aber nicht nur dergleichen Analyse fiel unter den Tisch, sondern auch eine ganze Personengruppe: Nazideutsche, 1940, in Mexiko. Im Bühnenstück tauchen sie mehrfach auf, in bezeichnenden, übrigens ziemlich witzigen Szenen. Notiert der Priester: "Ah, Deutsche! Nazis?" Hotelwitwe: "Sie sind lebhaft und gesund - mir gefallen sie." Warum wohl verschweigt der Film diese Leute? Die Szenen sind keineswegs überholt. Williams' Stück wurde erst vor zwei Jahren uraufgeführt.

Huston drehte den Drehbuchbastard lieblos ab. Er plagte sich mit den Stars, mit dem Spießer Burton (im Stück: "ein junger Mann von verblüffender Schönheit"), und ließ sie ihre Texte herunterhaspeln. Ungeniert fotografiert er sie im ruhigen Schwimmbassin, Brandungswellen des Ozeans dazwischenschneidend. Und die Gardner rasiert den glattrasierten Burton. Mühe hat sich Huston eigentglioch nur mit Nebenfiguren gegeben: mit der rühren-zimperlichen Lehrerinnenherde im Dschungelbus. Hier waltet noch der Geist der "African Queen" (Fk 10/58); hier geht Huston mit dem freudigen Grimm des Abenteurers zu Werk. Aus dem Williams-Stück selbst aber wurde kein Hustonfilm. So sehr dies zu erwarten war: sprächen die Gestalten weniger von ihrer Impotenz, könnten sie der Welt der Sierra Madre, der Malteser Falken, des Asphaltdschungels, der roten Tapferkeitsmedaille und des Moby Dick entspringen. Aber - es wurde alles in allem nur eine mickrige Bühnenverfilmung mit jaulender Musik. - Wozu eigentlich diese Filme bei uns? Wir haben es leichter als in den Staaten: das Original wurde in den letzten beiden Jahren einigermaßen häufig in den Theatern gespielt. Dann kann man auf solchen Ersatz verzichten.

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmkritik 11/1964

 


Die Nacht des Leguan
Originaltitel: The Night of the Iguana - USA 1964 - Länge: 113 Min. - Verleih: Warner Home Video - Regie: John Huston - Drehbuch: Anthony Veiller, John Huston, Tennessee Williams - Kamera: Daniel Figueroa - Schnitt: Ralph Kemplen - Musik: Benjamin Frankel - Darsteller: Richard Burton, Ava Gardner, Deborah Kerr, Sue Lyon, James Ward

 

 

 

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