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Nachrichten aus der ideologischen Antike

Hunde tauschen keine Knochen

 

Als Alexander Kluge noch Filme fürs Kino drehte, hieß seine Produktionsfirma „Kairos Film“. In der griechischen Mythologie ist Kairos der Gott des rechten Augenblicks, neudeutsch würde man wohl von „Timing“ sprechen. Der Schriftsteller, Filmemacher, Theoretiker und Produzent Alexander Kluge hat immer wieder bewiesen, dass er ein untrügliches Gespür für den rechten Augenblick besitzt. So erkannte er als profilierter Medientheoretiker („Erfahrung und Öffentlichkeit“, 1972) so frühzeitig die mit der Einführung des Privatfernsehens innewohnenden Möglichkeiten, Resten der klassischen Öffentlichkeit im Privatfernsehen Nischen zu sichern. Mit seiner Produktionsfirma „DCTP“ produzierte er als Partisan der unorganisierten Erfahrungen jenes Programm, das den Privatsendern noch vor der Lizenzvergabe gesetzlich abgefordert wurde – und konnte sich mit Formaten wie „Primetime“ oder „10 vor 11“ ein quotenautonomes Segment im Programm sichern, das die kommerziellen Fernsehmacher manches Mal zur Weißglut bringen sollte.

 

Wenn Alexander Kluge nun, im Spätherbst 2008, die DVD-Edition „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ veröffentlicht, ist das nicht nur ein weiterer strategischer Medienwechsel für Kluge, sondern auch ein neues Medien-Kapitel für den Suhrkamp Verlag, der sich bislang aus dem Geschäft mit dem DVD-Format weitgehend herausgehalten hatte. Zugleich beweist Kluge einmal mehr sein Gespür für den rechten Zeitpunkt, insofern er eine von Finanzkrise und apokalyptischen Rezessionsprognosen geschockte Öffentlichkeit mit einem ganz alten und durch die Zeitläufte entschieden aus der Mode geratenen Gespenst konfrontiert. Um Karl Marx und sein „Kapital“ geht es auf drei DVDs mit insgesamt 570 Minuten Laufzeit und weiteren 61 Geschichten für Marx-Interessierte, die hier als PDF-Dateien integriert sind. Abgerundet wird dieser Steinbruch an Material durch einen das Projekt kommentierenden Essay von Kluge selbst, in dem es heißt: „Wir können uns wie in einem Garten mit den fremden Gedanken von Marx und dem seltsamen Projekt von Eisenstein auseinandersetzen, weil sie Nachrichten aus der ideologischen Antike darstellen. So unbefangen, wie wir mit dem Altertum umgehen, das doch die besten Texte der Menschheit umfasst.“ Das klingt einerseits betont nach harmloser Glasperlenspielerei, andererseits stellt Kluge wenige Zeilen später unmissverständlich klar: „Die analytischen Instrumente von Marx sind nicht überholt.“

 

Dass hier mit hartleibiger Marx-Exegese nicht zu rechnen ist, macht ein entscheidender Umweg Kluges klar, der mitten hinein in eine andere Weltwirtschaftskrise führt. In jene von 1929, als der sowjetische Filmregisseur und –theoretiker Sergej Eisenstein den Plan fasste, Marx’ „Kapital“ zu verfilmen, um damit zugleich die Sprache des Films radikal zu erneuern. Und zwar in Anlehnung an James Joyces „Ulysses“, indem er eine nicht-lineare, de-anekdotische Handlung auf einen Tag begrenze. Eisensteins künstlerisches Hauptwerk kam über Arbeitsnotizen nicht hinaus, aber „Das Kapital“ sollte dem Film als „Libretto“ dienen. Die analytischen Instrumente von Marx und Eisensteins Modernität – auf dieser Grundlage produziert Kluge in Zusammenarbeit mit alten und neuen Gesprächspartner einen luziden, multimedialen Gedanken- und Bilderfluss, der eher Fragen stellt als Fragen beantwortet: „Wie hören sich im Jahr 2008 Texte an, die Karl Marx vor beinahe 150 Jahren geschrieben hat?“ „Scheitern Revolutionen aus Mangel an Zeit oder aus Prinzip?“ „Was bedeutet »Warenfetisch«?“ „Was waren noch gleich »Realabstraktion« und »Tauschprinzip«?“„Kann das Kapital »Ich« sagen?“ „Wie würde das  Geld, wenn es denken könnte, sich erklären?“ Solche und viele, viele andere Fragen werden dialogisch angegangen, ertastet, erprobt oder zu Bild-Ton-Montagen verdichtet, bis die Begriffe allmählich in Fluss geraten. Alles ist erlaubt, prinzipiell. Und natürlich ist dieses Mammut-Unternehmen reinster Kluge, wenn er etwa der (fiktiven) Großnichte von Lenins Dolmetscherin sein eigenes Credo in den Mund legt: „Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“

 

So gelingt Alexander Kluge mit den „Nachrichten“ – sein letzter Kinofilm 1986 trug bereits den Titel „Vermischte Nachrichten“ – gewissermaßen die Quintessenz seiner Fernseharbeiten. Es ist alles versammelt, was sich Kluge an Formen in mehr als 20 Jahren erarbeitet hat: Die musikalisch-filmischen Miniaturen, die mit den technischen Mitteln des Stummfilms arbeiten, die ausführlichen, insistierenden Interviews – allein das 45minütige Gespräch mit dem erklärten Marxisten, Schriftsteller und unerhört scharfsinnigen Dietmar Dath lohnt bereits den Kauf der DVDs -, freien Assoziationen, Montagen aus dokumentarischem Materialien, Spielszenen, Interviews mit fiktiven Persönlichkeiten der Geschichte wie Atze Muckert – Eisensteins Filmkomponist wird brillant von Helge Schneider »gespielt« - und einem namenlosen Tunnelbauer in der Schlacht vor Verdun (ebenfalls: Helge Schneider). Ebenfalls dabei: Kluges alter Weggefährte Oskar Negt, der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl, Tochter und Filmemacherin Sophie Kluge, eine Wagner-Inszenierung von Werner Schroeter, ein sehr schöner Kurzfilm von Tom Tykwer, Durs Grünbein, der am Telefon mit Kluge über die Hexameter von Brechts Gedichtversion des „Kommunistischen Manifests“ plaudert, die Trotzkistin und politische Aktivistin Lucy Redler und der Medientheoretiker Boris Groys – viele der Genannten arbeiten seit vielen Jahren mit Kluge zusammen. Akustisches Zentrum des berauschenden Unternehmens sind natürlich Verstand und Stimme Kluges selbst, der in bester sokratischer Tradition seine Partner zu intellektuellen Höchstleistungen treibt, selbst Peter Sloterdijk durch eine unerhörte dialektische Volte sekundenlang aus der Fassung denkt und dann lächeln macht. Mehr als alles andere dokumentieren die „Nachrichten“ das Erlebnis der Freude am Denken, man kann das Glück sogar sehen – im Gesicht der Schauspielerin Sophie Rois, die mit aller Kraft versucht, den Gedanken ihres Gesprächspartners auf den Fersen zu bleiben. Man greift nicht zu kurz, wenn man feststellt: Die „Nachrichten“ sind eine fast zehnstündige Dauerwerbesendung für menschlichen Intellekt, Bildung und Humor. Und, klar, stellt sich hinterher die Frage nach der Aktualität des Marx’schen Denkens nicht mehr!

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Stuttgarter Zeitung

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Alexander Kluge: "Nachrichten aus der ideologischen Antike". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 3 DVDs, ca. 580 Minuten, mit einem Essay von Alexander Kluge., 29,90 €. Ab Mittwoch, den 19. 11.2008, im Laden zu haben

 

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