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My Winnipeg

 

Böses, unvernünftiges "meins, meins, meins".

 

Raus aus Winnipeg, weg von Winnipeg: das ist Beginn und, wie's nur scheint, auch Grundmotiv von Guy Maddins Film. In Wahrheit aber wollen der Film und die Stimme, die ihn erzählt (Guy Maddins Stimme) nirgendwohin als zurück in ein Winnipeg, aus dem sie nie entkommen sind, aus dem sie nie entkommen wollten. Maddin setzt sich, dargestellt von einem anderen, in einen Zug, in der aus seinen anderen Filmen vertrauten Mimikry ans Stummfilm-Schwarzweiß, und dieser Zug wird den ganzen Film lang nicht aufhören zu fahren. Aber auch der Zug, der davonfährt aus Winnipeg, kreist nur und kreist um ein Winnipeg, das er nicht verlässt und verlassen will und verlassen kann.

Das wahre Grundmotiv des Films ist also ein Kreisen, ein Zurückkommen auf etwas, das, in Wirklichkeit, nie aus den Augen verloren gewesen scheint. Die Kindheit, Guy Maddins Kindheit, seine Familie, das Haus seiner Familie, aufgerufen stets mit denselben Bildern, stets mit denselben Worten (house, white, chunk) und keiner, der nicht das wirkliche Winnipeg kennt (falls es wirklich ein Winnipeg gibt), weiß, was Wahrheit ist, was Erfindung, was Lüge, was Ausschmückung, was Legende, was Dokumentation, was Fabulation in diesem Film, der mit dem besitzanzeigenden Fürwort - My Winnipeg - kein Schindluder treibt.

My Winnipeg ist die Stadt als Fantasiegespinst und der Film lagert, schwarz-weiß die allermeiste Zeit, Erinnerungen und Erfindungen schwer unterscheidbar, auf Unterscheidbarkeit auch gar nicht hoffend oder zielend, übereinander. Du kannst aus Winnipeg rauskommen, aber Winnipeg kriegst du nie aus dir raus. Und du musst gar nicht erst anfangen, deine Wünsche und deine Erinnerungen, das tatsächlich Geschehene und das Befürchtete und das Ausgedachte auseinander zu sortieren. Die Vergangenheit, durch ein Ich gefiltert, wird umgeordnet in einem Kreisen und Zurückkommen, das keine Wünsche offen lässt.

Höhepunkt des Erinnerungsfilms: Die Urszene einer Familienaufstellung als Re-Enactment. Im alten Haus (house, white, chunk) lässt Maddin, der Regisseur seiner Vergangenheit, das alte Wohnzimmer nachstellen, die Mitglieder seiner Familie. Der Chihuahua ist durch einen Mops ersetzt, die Nachbarin aus der Gegenwart wird, weil sie nicht verschwinden will, ins Re-Enactment miteingebaut. Und im Zentrum, der Familie und auch des Films: Ann Savage, unsterblich durch eine einzige Rolle, die Femme Fatale in Edgar Ulmers "Detour". Ann Savage präsidiert, als Mutter, über die Erinnerungen des filmpoeta doctus Guy Maddin, der sich ihr und in ihr der Filmgeschichte als wahrer, nichtsdestoweniger furchterregender Mutter und in der Filmgeschichte mit voller Absicht natürlich einer Singularität wie "Detour" adoptiert hat.

"My Winnipeg" ist nostalgisch, aber weiß um die Absurdität der Nostalgie. Und ein paar Mal verlässt Maddin seinen distanzierenden Schwarz-Weiß-Modus und schaltet um auf echtfarbige Empörung. Wenn sie abreißen, was er liebt, wenn sie - gar an der Stelle des Geliebten - etwas bauen, das er hasst, dann weicht für Momente der mitunter allzu watteweiche Dampf der kreisenden Erinnerungslok und macht einem bösen Blick und bösen Worten Platz. Für Augenblicke wird dann ein zorniges Ich sichtbar, das sich dem Realitätsprinzip einer Welt, die nicht nach seinen Regeln spielt, nicht gehorchen will. Aus dem zärtlich-nostalgischen "My Winnipeg" wird dann ein böses, unvernünftiges "meins, meins, meins". Diese narzisstisch ausagierte Einsicht in die narzisstische Kränkung, die die Welt noch einem jeden Ich angetan hat, indem sie nicht macht, was es will, ist zuletzt wohl die tiefste und kein bisschen flauschige Wahrheit dieses Films.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

My Winnipeg

Kanada 2007 - Regie: Guy Maddin - Darsteller: Ann Savage, Louis Negin, Amy Stewart, Darcy Fehr, Brendan Cade, Wesley Cade, Lou Profeta, Fred Dunsmore, Kate Yacula, Jacelyn Lobay, Eric Nipp - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 79 min. - Start: 11.11.2010

 

 

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