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My Dog Killer

 

 

 

In Mira Fornays Antiziganismusdrama "My Dog Killer" behält - möglicherweise - der Beißreflex das letzte Wort.

"My Dog Killer" ist ein gewollt kruder Film auf den Fersen eines jungen Skinhead irgendwo in der slowakischen Einöde, ein Film, der sich wie eine miserabilistische Bildersammlung anfühlt. Von der fahrigen Kamera, die den Figuren der Gebrüder Dardenne oftmals im Nacken sitzt, bis zu den seidlschen Altarbildern des sozialen Elends werden alle im Gegenwartskino verfügbaren Realismus-Optionen angetippt, ohne in eine neue oder auch nur interessante Konstellation zu treten. Ähnliches gilt für die Erzählung: Mehr oder weniger dezent platzierte Erläuterungen zur Lage der Nation - auf Fernsehbildschirmen oder im Gespräch mit einer lamentierenden Nachbarin - stehen neben unlesbaren Gesichtern und (vereinzelt) langen Einstellungen, die wenig mehr wollen, als der Dauer beim Verstreichen zuzusehen. Wiederum bleiben sich die verschiedenen Register weitgehend fremd, scheinen noch da, wo sie in derselben Einstellung vorkommen, seltsam ungestaltet und willkürlich zusammengewürfelt.

Das soll nicht heißen, dass Regisseurin Mira Fornay nicht auch Momente von großer Intensität gelängen - überhaupt ist meine Kritik dahingehend zu relativieren, dass sie auf viel zeitgenössisches Festivalkino anwendbar wäre. Fornays Gefühl für Landschaften und ihre inspirierte Besetzung - Marek die Glatze sieht mit seinen grüngrau leuchtenden Augen aus wie ein rechtsextremes Alien - transportieren den Film über das epigonale juste milieu hinaus, dem er ansonsten nahe steht. Wir begleiten Marek auf dem Weg zu seiner Mutter, die er verachtet, weil sie vor Jahren mit einem Rom durchgebrannt ist, mit dem sie nun ein zweites Kind hat. Damit Mareks Vater, ein ständig besoffener Weinbauer, sein konkursbedrohtes Gut retten kann, soll die alte Familienwohnung, anteilig im Besitz der ausgebüxten Mutter, verkauft werden. Dazu ist ihre schriftliche Einwilligung erforderlich. Es sind diese "Papiere", um deren Beschaffung sich Marek über weite Strecken des Films mit der ihm eigenen Borniertheit bemühen wird.
 
Unterwegs aufs Mareks Moped entfaltet sich ein Schreckenspanorama des provinziellen Antiziganismus. Der Unterschied zwischen dem Ressentiment der Rechtsextremen und dem - mehrheitsfähigen - der Normalbevölkerung ist, wenn man "My Dog Killer" glauben darf, mit freiem Auge kaum zu erkennen: Nicht ein einziges Mal widerspricht ein Beistehender den Anfeindungen, denen Mareks Mutter und ihr kleiner Sohn auf Schritt und Tritt ausgesetzt sind. Das Verhältnis zwischen Marek und seinem Halbbruder läuft in Fornays Inszenierung immer wieder auf Off-Räume und andere Trennungsarten hinaus. Eine direkte Begegnung scheint kaum mehr möglich, und wo sie sich doch ereignet, stürzt sie den Film in eine Katastrophe.
 
Eine große, tiefschwarze Dunkelheit fällt dann über das Dorf und, so wird uns zu verstehen gegeben, über das ganze Land - nicht umsonst war "My Dog Killer" die offizielle Einreichung der Slowakei für den Auslandsoscar. Nicht mehr als zehn Minuten dauert diese Nacht der Vernunft; zehn Minuten indes, von denen man sich so bald nicht erholen wird. Was genau vor sich geht, ist im Dunkeln zwar nur schemenhaft auszumachen - als ob das Off auf den Kader übergriffe -, die schreckliche Tonspur aber lässt keine Zweifel. So wie typischerweise bei den Dardennes dreht sich auch hier alles um eine Tat. Das letzte Drittel des Films vergeht hernach aber fast so, als ob sich nichts geändert hätte: Die letzte Einstellung ist die erste. Das wird die eigentliche Provokation von "My Dog Killer" gewesen sein: dass Sühne, Vergebung, Versöhnung nicht einmal mehr als entfernte Möglichkeit bestehen.
 
Dass der in Osteuropa grassierende Antiziganismus mörderisch ist, wie zuletzt vom Ungarn Benedek Fliegaufs intensivem "Csak a szél" heraufbeschworen, soll einem breiteren Publikum bekannt gemacht werden. Bei allen löblichen Drehbuchabsichten scheinen Fornay aber auch Zweifel gekommen zu sein an der letztinstanzlichen Lesbarkeit des Sozialen. Die realistischen Blickschulen, bei denen sie sich so eklektisch wie unverbindlich bedient, vermögen einiges aufzuschlüsseln an der slowakischen Gegenwart. Etwas bleibt im Dunkeln,
for better or worse. Oder soll/will die zentrale, an Sam Fullers "White Dog" erinnernde Hundemetapher - von der Abrichtung zum Beißreflex - am Ende doch das letzte Wort behalten?

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 

My Dog Killer

(Môj pes Killer) - Slowakei, Tschechien 2013 - 90 Minuten - Kinostart(D): 20.03.2014 - Regie: Mira Fornay - Drehbuch: Mira Fornay - Produktion: Viktor Schwarcz - Kamera: Tomás Sysel - Schnitt: Hedvika Hansalová - Darsteller: Adam Mihál, Marián Kuruc, Libor Filo, Irena Bendová

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