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Museum Hours

 

 

Dem Museumswärter kommt im institutionellen Betrieb eine seltsame Aufgabe zu. Er muss einerseits permanent Präsenz zeigen, wird von den meisten Besuchern aber meistens ignoriert. Dieser Status versetzt ihn in eine ausgezeichnete Beobachterposition. Johann, die männliche Hauptfigur in Jem Cohens „Museum Hours“, nutzt die Zeit für ausgiebige Erkundungen seiner Umwelt: den Menschen, die sich im gemächlichen Tempo durch die Flure und Hallen „seiner“ Arbeitsstätte, dem Wiener Kunsthistorischen Museum, bewegen, und den jahrhundertealten Kunstwerken, die aus einer anderen Zeit berichten, deren Rezeptionsgeschichte aber immer auch etwas über ihre Zeitgenossenschaft verrät. Und Johann hat in seinem Job viel Zeit zur Kontemplation. „Ich hatte meine lauten Zeiten, jetzt hab ich meine ruhigen“, sagt der ehemalige Tourmanager über sein jetziges Leben. „Früher nannten wir es Rock’n’Roll.“

Einsichten wie diese sind nicht ungewöhnlich in den Filmen des unabhängigen New Yorker Filmemachers Jem Cohen, der eine Traditionslinie verfolgt, in der ihn eine gute Generation von einem Jim Jarmusch trennt. Cohen hat in der Vergangenheit bereits mit Patti Smith, REM und Fugazi gearbeitet, „Museum Hours“ ist dem kürzlich verstorbenen Songwriter Vic Chesnutt gewidmet. Darum erscheint der Schritt in eine altehrwürdige Kulturinstitution wie das KHM auf den ersten Blick umso überraschender. Schon aufgrund der Lichtverhältnisse (die Innenaufnahmen wurden mit einer Digitalkamera gefilmt, die Außenaufnahmen auf 16mm-Material) entwickelt der Film eine pastorale Ästhetik, die durch die langsamen Kamerafahrten entlang der Gemälde noch verstärkt wird. Cohen befindet sich mit „Museum Hours“ im Modus des Schauens, doch verzichtet sein Film auf einen auktorialen Betrachter – auch wenn Johann die Führung durch das Museum und die Stadt Wien gewissermaßen übernimmt.

Die zufällige Bekanntschaft mit einer kanadischen Touristin, die ihre kranke Cousine besucht, ist Auslöser für ein weitläufiges Flanieren, das immer wieder den Ort des Museums als Ausgangspunkt nimmt und von dort in die Welt – auf den Naschmarkt oder in die schummerigen Etablissements, in die man nur als eingeborener Wiener Zutritt findet – schweift. Bobby Sommer, selbst ein Wiener Urgestein mit einer unwiderstehlichen Melodik in seiner sonoren Stimme, führt in der Rolle des Johann die ortsunkundige Anne in eine Welt ein, die ihr langsam die Augen öffnet. Die alte Kunst an den Wänden fungiert dabei weniger als Mittler denn als Prisma.

Jedes größere Museum sieht sich heutzutage gezwungen, seine Sammlungen als zeitgemäß und modern zu verkaufen (Der Film ist sich dieser Warenförmigkeit durchaus bewusst). Cohen wählt jedoch eine andere Strategie: Er erzählt anhand der Kunst von menschlichen Beziehungen. Sein kunsthistorischer Exkurs von den flämischen Meistern bis hin zu antiken Reliquien endet immer bei den Menschen, die sich selbstvergessen in den Objekten betrachten. Eine längere Exegese eines Brueghel-Gemäldes während einer Museumsführung, bezeichnenderweise die didaktischste Szene des Films, erklärt sehr anschaulich Cohens unvoreingenommenen Blick auf die Welt. Die manchmal durch den trockenen Wiener Humor auch etwas erträglicher wird.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film

 

 

Museum Hours
USA / Österreich 2012 - 97 min.
Regie: Jem Cohen - Drehbuch: Jem Cohen - Produktion: Paolo Calamita, Jem Cohen, Gabriele Kranzelbinder, Guy Picciotto, Patti Smith - Kamera: Jem Cohen, Peter Roehsler - Schnitt: Jem Cohen, Marc Vives - Verleih: Arsenal - Besetzung: Mary Margaret O'Hara, Bobby Sommer, Ela Piplits, Marcus O'Hara, Deborah Gzesh, Marco Calamita, Nina Calamita, Sigrid Mölg, Evelyne Egerer, Gerda Hartl, Ivo Hunek, Anna Maria Innerhofer, Anna Nowak, Michaela Buchegger, Hellmut Goebl, Michaela Punz, Frank Schneider, Sabrina Schrittwieser, Wolfgang Tobler, Josef Dirnberger, Nusret Ducevic, Tatjana Hatzl, Harald Helml, Christoph Hick, Sabine Koller, Michael Mach, Adelheid Mikes, Michael Otto, Peter Riepl
Kinostart (D): 10.04.2014

 

 

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