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Mr. Poppers Pinguine

 

 

Jim Carrey bekommt es in seiner jüngsten Komödie "Mr. Poppers Pinguine" mit - eben - jeder Menge watschelnden und, oha, sogar naturwidrig fliegenden Pinguinen zu tun.

Der Fernseher zeigt einen Charlie-Chaplin-Stummfilm. Eine Gruppe Pinguine sitzt gebannt vor dem Gerät und beobachtet den Tramp. Schnell beginnen sie damit, den ohnhin etwas pinguinartigen Laufstil des Komikers nachzuahmen. Weniger Glück haben sie kurz darauf, als das Programm gewechselt wird und ein Vogel im eleganten Flug zu sehen ist. Hilflos flattern sie mit den eigenen Stummelflügeln, die nicht dazu geeignet sind, den massiven Pinguinleib in die Luft zu befördern. Doch "Mr. Poppers Pinguine” wäre kein Hollywoodfilm, wenn der laut dem gemeinen Wikipedia-Eintrag "flugunfähige Seevogel” die Schwerkraft am Ende nicht doch noch überwinden und sich dadurch dem Vogel im Fernsehen gleichmachen könnte.

Eine solche Mimesis ans Fernsehbild ist nicht die einzige Überschreitung zwischen Menschlichem und Tierischem; ihre Entsprechung findet sie in der Art und Weise, wie der unfreiwillige neue Besitzer der Tiere mittels schwarzem Sakko und weißem Hemd ebenfalls ein wenig zum Pinguin wird. Der Pinguinhalter heißt Mr. Popper, arbeitet für ein Immobilienunternehmen, schwatzt hilflosen Hausbesitzern in Windeseile ihre Anwesen ab und hat eine Assistentin, die mindestens jedes zweite Wort mit dem Buchstaben "p" beginnen lässt (man sehe sich den Film unbedingt in der englischen Origialfassung an, die Synchronisation kann gar nicht anders, als diesen alliterativen running gag zu verhauen).

Gespielt wird Mr. Popper von Jim Carrey, dessen über-expressive Mimik und beeindruckende Körperbeherrschung in den absurdesten Situationen auch in diesem Fall wieder etwas mehr verspricht, als der Film dann halten kann. Carrey ist ein in gewisser Weise immer schon gezähmter Comedy-Anarchist. Die wertkonservative Wende hin zum Familienroman, die seine Filme immer wieder, in unterschiedlicher Intensität, einschlagen, ist nicht wirklich zu trennen von dem Clown Carrey, dessen Unangepasstheit immer eher etwas mit eifriger Überaffirmation zu tun hat als mit Kritik oder auch nur Unbehagen am status quo. Geradezu programmatisch wurde das zuletzt in "Der Ja-Sager” (2008), wo sich Carrey selbst als Regel auferlegte, zu allem und jedem "ja” sagen zu müssen. Im neuen Film bewegt er sich einfach nur wie ein etwas überdrehter Haifisch durchs Becken des zeitgenössischen Kapitalismus.

"Mr. Poppers Pinguine", inszeniert vom nicht auteur-verdächtigen, aber stets souveränen Komödienspezialisten Mark Waters, hat immerhin den Vorteil, dass das, was an der Carrey-Figur Ideologie ist, nicht versteckt, sublimiert, mit ihren inspirierenden, anarchischen Elementen amalgamiert wird. Schnell ist klar: es gibt auch hier wieder eine Familienerzählung und zwar eine der biedersten Sorte. Mr. Popper wurde als Kind von seinem Vater verlassen, lebt jetzt von seiner Frau getrennt in einem luxuriösen New Yorker Appartment und läuft Gefahr, seine beiden Kinder ebenso schändlich zu behandeln, wie er selbst einst schändlich behandelt wurde. Die Pinguine nun sind ein Geschenk von niemand anderem als diesem Vater und sie sollen den Herrn Popper wieder auf den richtigen Weg führen. Was sie dann, damit verrät man nicht zu viel, selbstverständlich auch tun. Dass der "richtige Weg" ganz zum Schluss in die Laube eines fast schon feudal anmutenden Luxusrestaurants führt, ist irgendwie fast schon wieder konsequent.

Das alles wirkt wie pflichtschuldig heruntergefilmt und nimmt kaum mehr als ein Drittel der Laufzeit in Anspruch. Dazwischen und daneben aber wird Carrey immer wieder gemeinsam mit einem Haufen Pinguine (in den meisten Szenen sind das echte Tiere, gelegentlich kommen aber auch Computeranimationen zum Einsatz, die Technik ist inzwischen so weit, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um den Unterschied zu bemerken) von der Leine gelassen. In diesen Passagen verwandelt sich "Mr. Poppers Pinguine" in die Art dynamisches Pop-Cinema, die man im Hollywoodkino regelmäßig an den Stellen findet, an denen man sie am wenigsten vermutet. Spielerisch wechselt der Film seine Tonarten, mal versucht er sich in klassischem Fäkalhumor, eine Szene später in smarter social comedy. Einmal verschlägt es Jim Carrey und seine Schützlinge in die weiß lackierte Spirale des Guggenheim-Museum. In Tom Tykwers "The International" wurde das Guggenheim zuletzt noch ausführlich in seine Einzelteile zerlegt, bei Waters dient der Tempel der Hochkultur lediglich als Rutschbahn; anschließend platschen ein paar Pinguine ins Saalorchester.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Mr. Poppers Pinguine
USA 2011 - Originaltitel: Mr. Popper's Penguins - Regie: Mark Waters - Darsteller: Jim Carrey, Carla Gugino, Angela Lansbury, Ophelia Lovibond, Madeline Carroll, James Tupper, Philip Baker Hall - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 94 min. - Start: 23.6.2011
 

 

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