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Mr. Nobody

Jaco van Dormael, manchem seit "Toto le heros" in guter Erinnerung, taucht mit einem ganz großen Film über alles - Titel: "Mr. Nobody" - aus der Versenkung auf und erzählt von einem sterblichen Mann und seinen vielen möglichen Leben.

 

Der Lebenstraum manchen Regisseurs scheint es zu sein, einmal mindestens einen ganz großen Film über alles (kurz: GGFÜA) zu drehen. Der Zeitpunkt, zu dem es wirklich möglich wird, kommt in Karrieren an unterschiedlichen Stellen und meist, da die Geldgeber in der Regel ja nicht wahnsinnig sind, gar nicht. Richard Kelly hatte das Glück, nach seinem zum Kultfilm avancierten Erstling "Donnie Darko" schon mit dem Nachfolger "Southland Tales" (Kosten: zig Millionen, US-Einspiel: 160.000 Dollar; in Deutschland kein Kinostart) aufs Ganze gehen und der Welt zeigen zu dürfen, was eine Apokalypse ist, die wirklich nichts auslässt. Darren Aronofsky gilt nach seinem monströs ambitionierten Eso-Drittling "The Fountain" nicht unbedingt mehr als die große weiße Hoffnung des gehobenen US-Blockbuster-Kinos. Wim Wenders' "Reise ans Ende der Welt" verdankte sich dem Erfolg von "Der Himmel über Berlin" und leitete die katastrophale Spätphase des Wenderswerks ein. Francis Ford Coppola musste erst Weinbauer und durch Weinanbau von Hollywood-Geldgebern völlig unabhängig werden, um sich mit dem hochnotpeinlichen "Jugend ohne Jugend" seinen Traum erfüllen zu können. Bei den Wachowskis hat man erst an den Fortsetzungen so recht erkannt, dass sie mit ihrer "Matrix" auf einen GGFÜA im Strickpullover hinauswollten.

 

Das prinzipielle Problem mit dem ganz großen Film über alles: Diese Projekte sind eigentlich immer eine Kombination aus grandioser Selbstüberschätzung und einer im Kern adoleszenten Idee davon, was Kunst und/oder Philosophie ist. Nun heißt allerdings, dass jemand sich selbst überschätzt, noch lange nicht, dass er nichts kann. Der eine oder andere ist halt tatsächlich ein Genie. (Richard Kelly etwa ist auf insgesamt doch sehr interessant unerschrockene Art überambitioniert.) Und gewiss sind aus adoleszentem Allotria nicht nur bei George Lucas schon gewaltige Dinge entstanden. Was aber die Ausnahme bleibt, und zwar ganz entschieden. Leider nämlich kommt der ganz große Film über alles in aller Regel philosophisch daher, und zwar, um genauer zu sein, in jener geek-typischen Pop-Form der Philosophie, die Weltschmerz für Tiefsinn und naturwissenschaftliche Erkenntnisse für hoch bedeutende Existenzphilosophie hält. Urknall, Stringtheorie, die Zeit, der Raum, das Universum: drunter geht nichts. Die größte Himmelsmacht dann aber gerne: die Liebe.

 

Mit einer Taube im Skinner-Labor beginnt so bezeichnend wie beliebig Jaco van Dormaels "Mr. Nobody". Auf die Taube und überhaupt das Thema Konditionierung kommt er nicht mehr zurück. Vielmehr stellt der Film den Zufall ins Zentrum. Auf einem idyllisch abgelegenen Bahnhof am Ort namens "Chance" muss sich als Kind unser Held zwischen dableibendem Vater und davonfahrender Mutter entscheiden. Dieser Moment kehrt in der Erinnerung als Ausgangspunkt alles weiteren wieder und wieder. An Fragen des Zufalls und der Entscheidung laboriert er allerdings so, dass er sich für den eigentlich doch wichtigen Unterschied zwischen beidem nie sonderlich zu interessieren scheint. Das jeweils nächstliegende Blödmann-Theorem zieht er da vor. Warten wir etwa vergeblich aufs Herbeizitieren des Schmetterlingseffekt-Schmarrns? Aber nein! Ausführlich wird das Ganze noch einmal dargestellt, und dann noch einmal. An einer Stelle haut sich Jaco von Dormael (Cameo) höchstselbst ein brasilianisches Ei in die Pfanne und versaut seinem Helden so (vorläufig) durch Regen am anderen Ort die Wiederbegegnung mit der Frau (Diane Krüger, unblond), der er als Teenager unter der Bettdecke ewige Liebe geschworen hat.

 

Vor fast zwanzig Jahren hat der Belgier Jaco van Dormael das Publikum mit seinem "Toto le heros" charmiert. Seit dreizehn Jahren hat man von ihm nichts mehr gesehen. Jetzt weiß man: Er brütete was aus. Er sammelte Geld (und bekam 47 Millionen Dollar!) und er saß am Drehbuch zu seinem ganz großen Film über alles: "Mr. Nobody". Der Held ist, wie es sich fürs Genre gebührt, ein wahrer Niemand und Jedermann. Sein Name ist sprechend, wenn es je einer war: Nemo Nobody. Subtil. So subtil wie vieles am Film, der gerahmt ist durch eine Zukunftsszenerie aus dem Jahr 2092. Der letzte sterbliche Mann - Nemo Nobody - stirbt und erinnert sich vorher noch an das Leben, das er geführt hat. Vielmehr: an mehrere Leben, die er potenziell gelebt haben könnte. Eine sich vielfach verzweigende Biografie, nach der (Nicht)Entscheidung am Bahnhof von Chance exemplarisch vorgeführt an drei Frauen, die Nemo wählt oder auch nicht. Diese Geschichten erzählt van Dormael, mal so und mal so, weiter, zwischen Großbritannien, Kanada, Mars und vom Comic-Star Francois Schuiten entworfener Zukunft.

 

Der Film beschränkt sich nicht auf diese im Ansatz Alain-Resnais- oder Chris-Marker-haft klingende Proliferation durch Eingriff des drehbuchdeterminierten Zufalls alternierender Lebensverläufe. Er setzt das in digitaler Tricktechnik um. Herr Niemand stirbt mehr als einmal. Er taucht aus einem See, in den sein Auto fuhr, in einer Badewanne auf und wird von einem Herrn, der davor sitzt, erschossen. (WTF würde die Internetjugend von heute hier sagen.) Eine Art Membranismus regiert den Film überhaupt. Nicht durch Logik, auch nicht durch gekonntes Erzählen, sondern durch Willkürakte der Kamera (bzw. dem, was per Trick als Kamera erscheint), ist "Mr. Nobody" in erster Linie strukturiert. Man fährt in unbewegte Bilder hinein und kommt in einem Spielfilmszenario heraus. Man sitzt im Theater und die gespielte Szene wird, wenn die Kamera sich in sie hineinbewegt, zum Kino bei realistisch geschlossener vierter Wand. Virtuosenstücke dieser Art gibt es manche. Man könnte sogar sagen: In sie zerfällt recht eigentlich dieser Film. Dazwischen geschoben gibt es Übererklärung, Pseudo-Tiefsinn. Wer bei Verstand ist, leidet nicht wenig. Und staunt dann gelegentlich doch, was van Dormael da jetzt wieder zusammengepuzzelt bekommt.

 

Seine Verspieltheit ist, in Maßen, auch seine Rettung. Den GGFÜA-Gesten erschwerten Ernstes fahren Drehbuch und Regie mit Lust auch mal an der Albernheit in die Parade. Ganz große Filme über alles leiden sonst oft sehr schwer an dem bleiernen Glauben an ihre eigene Bedeutung, mit dem die Macher ihre Second-Hand-Weisheiten auftischen. "Mr. Nobody" dagegen ist zwischendurch lustig. Neben schwerhändigen Metaphern (Gleise, Weichen) gibt es dann auch mal den großen Bollywoodklassiker "Mughal E-Azam" (die kolorierte Version) als Marsflugbegleitprogramm. Oder "Harold and Maude"-Reminiszenzen mit Selbstmord-Fakes. Und gegen den Drunter- und Drüberstreuselcharakter der zur Verwendung kommenden Popmusik kann man viel, aber gegen die Auswahl zwischen Eurythmics, den Pixies und Mr. Sandman in Varianten eher wenig einwenden. Eigentlich geht sogar "99 Luftballons" als leicht abgründige Kindergeburtstagsmusik in Ordnung. (Was die Songrechte dieses Films allein gekostet haben müssen!)

 

Der Gesamteindruck, den "Mr. Nobody" hinterlässt, ist also gemischt. Rasant und oft eher unmotiviert springt das von einem Genre zum andern. Große Geste, adoleszentes Liebesdrama, Möchtegern-Philosophie und zwischendurch sogar Pseudowissenschaftsdoku. SciFi, Scheidungskindtrauma, als seltsamste Interferenz Thrillereinsprengsel, Hanebüchenes neben Charmantem, Jared Leto unter Runzellatex, mit Vollbart, mit zig verschiedenen Frisuren und einem Jugenddarsteller seiner Figur, der tatsächlich exzellent ausgewählt ist. Die Teile rasen vorbei und ergeben als Gesamt keine sehr überzeugende Summe. Merkwürdige Mathematik aber: Obwohl kein Teilstück für sich wirklich gelungen ist, bereitet die Art, wie Jaco van Dormael durch seinen an hier und da geklauten Versatzstücken reichen Film über alles gleitet, springt, fuhrwerkt und schlittert, gelegentlich durchaus Freude.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Mr. Nobody

rKanada / Belgien / Frankreich / Deutschland 2009 - Regie: Jaco Van Dormael - Darsteller: Jared Leto, Sarah Polley, Diane Kruger, Linh-Dan Pham, Rhys Ifans, Natasha Little, Toby Regbo, Juno Temple, Clare Stone - FSK: ab 12 - Länge: 138 min. - Start: 8.7.2010

 

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