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Mr. Nice

 

 

 

 

Irrsinn in Tüten

 

Bernard Rose erzählt in "Mr. Nice" die unglaubliche und irgendwie sogar wahre Geschichte des Aufstiegs eines recht unbedarften Mannes zum Drogenbaron.

Gesetzlose mit bigger-than-life-Appeal haben Konjunktur, zumindest im Kino: Che Guevara und Carlos aus dem politischen, Jacques Mesrine und John Dillinger aus dem schnöd kriminellen Lager waren zuletzt Gegenstand ambitionierter, teils barock ausladender Biopics, die ihre übergroßen, grimmig dreinschauenden und Böses im Schilde führenden Mannsbilder in meist detailgetreuen Reproduktionen ihrer jeweiligen Wirkdekaden auf die Leinwand brachten. Auf den ersten Blick will sich Howard Marks (Rhys Ifans), dessen 1996 veröffentliche Autobiografie "Mr. Nice" jetzt unter demselben Titel als Film ins Kino kommt, als dauerbekifft dreinglotzender Post-Beatnik mit traditioneller Keith-Richards-Gedächtnisfrisur kaum in diese Reihe gesellen: Einen intellektuell hochbegabten Oxford-Absolvent mit leichtem Hang zu Trottelei und Hedonismus sowie einer ausgeprägten Abneigung gegen Gewalt kann man sich schwerlich als internationalen Supergangster vorstellen. Und doch stand er lange Zeit ganz weit oben auf den Fahndungslisten der Behörden dies- wie jenseits des Atlantiks: Wenn es stimmt, was die Wikipedia sagt - und angesichts der rauen Mengen an Dope, die hier in Flugzeugen zwischen Afghanistan, England und den USA hin und her gehen, glaubt man es sehr gern -, dann hatte Marks in den 70ern und 80ern bei rund 10 Prozent aller Haschischtransfers sein Händchen mit im Spiel.

Zum Dope kommt der Oxford-Student wie zuvor schon als Kind einer Arbeiterfamilie zu seinem Studienplatz: überraschend und treuherzig trottelig. Ein schönes Mädchen steigt eines Nachts über das Fenster in seine für solche Zwecke günstig gelegene Studentenbude ein - auf dem Campus herrscht sittliche Geschlechtertrennung - und marschiert von dort schnurstracks ein paar Türen weiter zur Bude der wirklich coolen Jungs, wo die lustigen Zigaretten die Runde machen. Als buchstäblicher Gatekeeper etabliert, ist der Schritt zu eigenen Klein-Dealereien nicht mehr weit. Bis eines Tages die richtigen großen Aufträge unter Einbezugnahme des Festlandkontinents locken.

Was folgt, ist eigentlich Irrsinn in Tüten: Bekiffte Touren im Auto aus einem 70er Nachkriegsdeutschland, das noch immer nicht ganz entnazifiert scheint, sind das eine. Verbindungen zu einer delirant pornophilen Provinz-Sektion der IRA mit attraktiven Schmuggelstrukturen sowie der lässige Kiff unter Afghanistans heißer Sonne sind das andere. Richtig wild wird es, wenn zur ohnehin schon latent paranophilen Netzwerk-Gemengelage über einen früheren, aber nun staatstragend bekehrten Kiffbruder noch der britische Geheimdienst dazu stößt, der ein reges Interesse an den Aktivitäten der IRA hat. Inmitten dieses Stoffs für Agentenstories und unglaubliche Pulp Fiction steht Howard Marks als armer Tropf und kann nicht anders, als mit dem Joint im Mundwinkel fröhlich international zu expandieren. So aber, steht's geschrieben, soll es passiert sein.

Zumindest wenn man Marks' Autobiografie - entstanden nach einer mehrjährigen Haftstrafe in den USA, die auch der Film nicht verschweigt - Glauben schenkt. Dass man dies nicht immer tun sollte, legt Bernard Rose' Film zumindest nahe: Vor allem in den Gerichtsszenen, aber auch gegenüber seiner Ehefrau (Chloe Sevigny), entpuppt sich Marks als notorischer Lügner. Als subjektiv-unzuverlässiger Erzähler aber ist er in "Mr. Nice" bewusst ausgestellt: Der Film beginnt mit dem Bild eines Vorhangs, der alsbald eine für Howard Marks bereitstehende Bühne preisgibt (in der Tat ist Marks heute nicht nur als Kolumnist in der britischen Tagespresse, sondern vor allem auch als Entertainer bekannt), von der aus der einstige Drogenlord aus seinem Leben erzählt. Die Bühne imaginiert ein gerahmtes Schwarzweißkino, das nur zögerlich zum leinwandfüllenden Bildinhalt wird - und überhaupt tritt erst Farbe ins aschgraue Großbritannien der 60er, als der Dampf des ersten Joints Howard Marks' unschuldige Lungen füllt.

Über solche Brüche und Rahmungen - auch Marks' erzählender Voiceover ist dauerpräsent - baut der Film eine Distanz zwischen sich und das Publikum, die gerade im von Grund auf heiklen Genre des Biopics mit seiner Insistenz auf Objektivität des Filmbildes und Übersetzbarkeit eines Lebenslaufs in eine Filmdramaturgie nur nützlich sein kann. Ständig - gerade auch in den zuweilen irreal anmutenden rückprojektionsartig anmutenden composite images, in denen Marks vor historischem Filmmaterial herumturnt - tritt man als Zuschauer einen Schritt zurück und befragt den Stoff nach seiner Akkuratesse. Auch wenn Bernard Rose seiner Figur mit Haut und Haaren verfällt: Anspruch auf etwas anderes als einen subjektiven Erfahrungsbericht erhebt "Mr. Nice" an keiner Stelle und ist sich dessen voll bewusst.

Berauschend ist das zwar dennoch alles nicht, aber über weite Strecken schon ziemlich lässig.

Thomas Groh

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

 

Mr. Nice
Großbritannien 2010 - Regie: Bernard Rose - Darsteller: Rhys Ifans, Chloë Sevigny, David Thewlis, Omid Djalili, Elsa Pataky, Luis Tosar, Crispin Glover, Christian McKay, Andrew Tiernan, Jack Huston, Ania Sowinski - FSK: ab 12 - Länge: 121 min. - Start: 23.6.2011

 

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