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Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit


Leben trotz allem

In Uberto Pasolinis "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" entgeht ein Angestellter nur knapp der Selbstsedierung durch Routine.

Man möchte das alles gründlich durchlüften: Dieses Leben, diese Welt, leider auch den Film selbst. Er erzählt die Geschichte des John May, eines Beamten, der damit beautragt ist, Angehörige von allein Verstorbenen ausfindig zu machen. Er begibt sich dazu von seinem funktionalen, nicht eben zeitgemäß ausgerüsteten Schreibtisch zu den kleinen, beengten Appartements der Toten (diese Wohnräume sind mir trotz allem, was mich sonst vom Film fern gehalten hat, sehr nahe gegangen; wie da einsame Leben selbstdiszipliniert durchorganisiert, wie bis zuletzt noch Unterwäsche zum Trocknen über die Heizung gespannt wurde ), und beginnt mit der Spurensuche. Nach Feierabend macht May sich auf nach Hause, in sein eigenes, ebenso beengtes, ebenso einsames Appartement und nimmt ein minimalistisches Abendbrot zu sich: Toastbrot und Tunfisch aus der Dose.

Der Regisseur des Films, Uberto Pasolini - der nicht nur einen cinephil sprechenden Nachnamen trägt, sondern zu allem Überfluss auch noch der Neffe Luchino Viscontis ist; freilich sollte man gar nicht erst auf die Idee kommen, Vergleiche in diese Richtung anzustellen - hat eine Vorliebe für ruhige, oft unbewegte Einstellungen, für gedeckte Farben und für symmetrische Bildkompositionen, die als (bild-)architektonische Entsprechung der Entfremdung in der Moderne gemeint sein dürften: Überall leblose Serialität, in fein säuberlich parzellierten Reihenhaussiedlungen sowieso, aber zum Beispiel auch am Meer, das hinter nebeneinander aufgereihten, farblich aufeinander abgestimmten Strandhäuschen kaum noch zu sehen ist.

Passend dazu der Protagonist, der auch im Schauspiel als eindimensionaler Trübling angelegt ist. Eddie Marsan mag anderswo, in kleineren Rollen, ein kompetenter Charakterdarsteller sein, als Hauptfigur, als John May bleibt er chancenlos gegen die Ton in Ton inszenierte Trostlosigkeit, in die Pasolini ihn wieder und wieder hineinstellt wie ein besonders trist-possierliches Requisit: Hat Marsan nicht wunderbar knautschig-formlose Gesichtszüge? Ist es nicht anrührend, wie er da vor dem Backsteingebäude steht, mit seinem altmodischen Anzug und der allzu korrekten Frisur?

Man merkt schnell, was Pasolini mit dieser Form, mit dieser Hauptfigur anstellen möchte. Innerhalb des gleichzeitig narrativ und piktoriell fest gefügten, erkalteten Rahmen - "Still Life" heißt der Film im Original - sollen kleine, widerständige Details sichtbar werden: Gefühlsreste, Erinnerungsspuren, Leben trotz allem. Noch am besten funktioniert das über Alltagsbeobachtungen: Ein Streitgespräch zwischen Nachbarn um Hundepisse, zwei Teenager, die sich am Bahnhof, über die Gleise hinweg, gegenseitig in Liebeserklärungen zu überbieten suchen.

Weitaus mehr Zeit und Energie verwendet der Film auf Wiederbelebungsversuche der abgeschmackteren Art (in denen der leider nicht komplett irreführende deutsche Titel "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" zu seinem Recht kommt). In einer an den Haaren herbeikonstruierten Handlungswendung wird Herr May einerseits entlassen und also seiner Selbstsedierung durch Routine entbunden. Und andererseits landet auf seinem Schreibtisch ein letzter Fall, der ihn praktischerweise ebenfalls mit einer ungerahmten Biografie konfrontiert - worauf bereits die zahlreichen leeren Bier- und Schnapsflaschen verweisen, die May in der Wohnung des Toten findet. Seine - erst ganz am Ende, dann aber in reichlich zynischer Manier ironisch gebrochene - Reise zurück ins Leben führt ihn unter anderem in ein Fish'n'Chips-Geschäft, zu einer blonden Hundepflegerin, und zum gemeinsamen Whiskeytrinken mit Obdachlosen. Zwischendurch zielen vergilbte Fotografien und verzärtelte Musik in manipulativer oder jedenfalls mechanischer Manier aufs Sentiment.

Das alles fügt sich zu einem Begriff von Freiheit, der sich als ebenso strikt vorformatiert erweist wie die Routine, vor der man doch eigentlich fliehen will. Ist "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" am Ende ein subversiver Film wider Willen?

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 


Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit
OT: Still Life - Großbritannien / Italien 2013 - 91 min. - Regie: Uberto Pasolini - Drehbuch: Uberto Pasolini - Produktion: Uberto Pasolini, Christopher Simon, Felix Vossen - Kamera: Stefano Falivene - Schnitt: Tracy Granger - Musik: Rachel Portman - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury, Andrew Buchan, Neil D'Souza, David Shaw Parker, Michael Elkin, Ciaran McIntyre, Tim Potter, Paul Anderson, Bronson Webb, Leon Silver, Lloyd McGuire, Wayne Foskett, Hebe Beardsall - Kinostart (D): 04.09.2014

 

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