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Morning Glory

 

 

Dass Becky Fullers Privatleben eine Katastrophe ist, hat die an der Grenze zur Hysterie balancierende Fernsehproduzentin bislang durch ihr erfülltes Berufsleben verdrängt. Wer beim lokalen Frühstücksfernsehen arbeitet, der hat halt wenig Zeit für romantische Anwandlungen, allein schon deshalb, weil Dates zur Mittagszeit stattfinden müssen. Prekär wird die Situation des 28-jährigen Nervenbündels, als sie ihren Job verliert und mit knapp 30 Jahren vor den Trümmern ihres Lebensentwurfs steht. Immerhin: Nach einigen Tagen erfolgloser Bewerbungen klingelt das Telefon, und Becky erhält das Angebot, als Produzentin der ebenso tristen wie erfolglosen Morgenshow „Daybreak“ tätig zu werden. Was Becky nicht ahnt: Eigentlich soll die Show abgewickelt werden. Was der Zuschauer bislang nicht ahnen konnte: Becky zeigt sich der Herausforderung gewachsen. Zunächst feuert sie den eitlen und sexistischen Anchorman Paul McVee. Auf diese Überraschung folgt die nächste, denn Becky hat auch schon eine Idee, wer McVees Nachfolger werden könnte: Mike Pomeroy, ein alter Haudegen der Branche, der sämtliche Fernsehpreise gewonnen hat, eine lebende Legende und nebenbei auch noch ein unausstehlicher, zutiefst arroganter Mensch. Ein Grund für Pomeroys schlechte Laune könnte die Art von Fernsehen sein, für die Becky steht: das zwangslustige, aufgekratzte Format des Frühstücksfernsehens, bei dem Nachrichten und Boulevard, Human Interest und Kochshow, Medizintipps und Wetteransagen aufs Unerträglichste verknüpft werden.

Um „Morning Glory“ zu verstehen, muss man sich Klaus Bednarz neben Cherno Jobatey vorstellen. Harrison Ford verkörpert die Rolle des von seiner Arbeit und seinen Kollegen angewiderten Medien-Dinosauriers mit hinreißender Verve und wird von Kollegen wie Diane Keaton, John Pankow und Jeff Goldblum nach Kräften unterstützt. Becky beißt sich an Pomeroy lange Zeit die Zähne aus, bis sie zu ahnen beginnt, dass man mit einigen unkonventionellen Experimenten die heruntergekommene Show „Daybreak“ zum Stadtgespräch machen könnte: Man muss sich nur ohne Rücksicht öffentlich zum Affen machen. Der Erfolg gibt ihr Recht, und weil „Morning Glory“ eher ein Märchen als eine Mediensatire ist, hat der Zufall all jene hilfreichen Geister um Becky versammelt, die dazu beitragen, dass sich zum beruflichen Erfolg auch die private Romanze mit dem attraktivsten jungen Mann des gesamten Medienhochhauses gesellt.


Als Zuschauer ist man permanent in der moralischen Zwickmühle, dass man sich hier wohl oder übel mit einer Figur identifizieren soll, deren kreativer Erfolg nur ein weiterer Nagel im Sarg der intellektuell seriösen Fernsehunterhaltung ist. Stattdessen drückt man unablässig die Daumen, dass Mike Pomeroy zu seinen Vorurteilen steht und sich nicht von Beckys Hilflosigkeit erweichen lässt, die gar keine Hilflosigkeit ist, sondern ein kaum kaschierter Impuls, niedrigen Instinkten nachzugeben. Ohne Aussicht auf Erfolg, versteht sich. Am Ende steht dann die alte Einsicht: „Fun“ ist ein Stahlbad. Aber Becky Fuller ist fein raus.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

Morning Glory
Regie: Roger Michell - Darsteller: Rachel McAdams, Harrison Ford, Diane Keaton, Jeff Goldblum, Patrick Wilson, 50 Cent, Liam Ferguson, Arden Myrin, Lloyd Banks, Vanessa Aspillaga, Reed Birney - FSK: ab 6 - Länge: 108 min. - Start: 13.1.2011

 

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