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Das Morgan Projekt

 


Hier läuft etwas aus dem Ruder. Als Dr. Kathy Grieff der jungen Morgan beim Mittagessen freundlich, aber bestimmt eröffnet, dass es zunächst vorbei ist mit den Ausflügen nach „Draußen“, greift Morgan sie wütend an und verletzt sie am Auge. Das junge Mädchen kann zwar überwältigt werden, doch das heißkalte Setting der Szene in seiner Mischung aus familiärer Atmosphäre, Labor und Hochsicherheitstrakt macht stutzig und bleibt mysteriös.

In der nächsten Sequenz reist Lee Weathers, eine kühl-professionelle Fachkraft in Sachen Risiko-Management, in die Wälder des pazifischen Nordwestens der USA, um in einem geheimen Forschungslabor für künstliche Intelligenz nach dem Rechten zu sehen. Sie soll dort gemeinsam mit dem Psychologen Dr. Shapiro die Umstände des Vorfalls recherchieren und insbesondere die Zukunftschancen des Forschungsprojektes evaluieren. Die Konzernzentrale hat gewarnt: das Team sei seit sieben Jahren an der Entwicklung des Projekts beteiligt, was zu unabsehbaren gruppendynamischen Prozessen führen könne.

Als Weathers die Gruppe kennenlernt, wird schnell klar, dass die beteiligten Wissenschaftler ihre Objektivität gegen Empathie eingetauscht haben. Für sie ist der künstlich gezeugte Prototyp „Morgan“ ganz selbstverständlich eine „Sie“, während Weathers rational und kühl darauf beharrt, es hier mit einem „Es“ zu tun zu haben. Eine Reihe von Rückblenden und Einzelgesprächen dient auch zur Exposition dessen, wie gewissermaßen unterhalb des Radars der Wissenschaft eine Art von „Familien-Raum“ entstehen konnte, der das Experiment extrem gefährdet, weil Morgan mit widersprüchlichen emotionalen Informationen gefüttert wird.

Dieser Mittelteil offenbart allerdings auch, dass Regisseur Luke Scott die vertraute Thematik der Künstlichen Intelligenz und der Wissenschaftsethik, die jüngst ein Film wie „Ex Machina“ (fd 43 033) verhandelte, eher oberflächlich angeht und den Stoff zugunsten von Sound-Design und Kameraarbeit nicht auszuloten gedenkt. Viele Konflikte und vor allem die Gespräche über Morgans Aufzucht und Ausbildung bleiben hölzern, wirken aufgesetzt, skizzenhaft oder widersprüchlich und müssen dies auch bleiben, um die dramaturgische Eskalation des dritten Aktes nicht zu beschädigen.

Fest steht jedoch, dass von Morgans rasanter Entwicklung ein eigentümlicher Zauber ausgeht. Die hochintelligente junge Frau ist tatsächlich gerade einmal fünf Jahre alt, wird aber fortwährend mit psychologischen und emotionalen Konflikten konfrontiert, die „Es“ (das Kind, die Künstliche Intelligenz) überfordern. Auch den suggestiven Provokationen Dr. Shapiros ist Morgan nur kurzzeitig gewachsen, bevor ihre Überforderung in Aggression „überspringt“.

Erst jetzt wird klar, dass es sich bei Morgan um den Prototyp einer Kampfmaschine handelt, die durch ein paar selbstreflexive ethische Reflexe geadelt werden soll, als Optimierung eines älteren Modells, das offenbar vor ein paar Jahren in einem Labor in Helsinki außer Kontrolle geraten war und ein Massaker unter den Wissenschaftlern angerichtet hatte. „Helsinki“ schwebt als Menetekel über dem „Morgan Projekt“, und Weathers hat die Order, das Projekt im wortwörtlichen Sinne zu liquidieren.

Desillusioniert von der Diskrepanz zwischen der Realität und „ihrer“ Vorstellung von einer Familie, richtet sich Morgan gegen die Wissenschaftler, schont aber ihre einzige Vertraute, die Verhaltensforscherin Amy. Was folgt, lässt den Science-Thriller schnell hinter sich und huldigt den einschlägigen Konventionen des Rape-and-Revenge-Genres, wobei die Inszenierung nun deutlich unter der Schwäche der Figurenentwicklung bzw. der haarsträubenden Unprofessionalität der Wissenschaftler leidet. Ein B-Movie-Mix einschlägiger Vorbilder, die letztlich allesamt auf „Frankenstein“ zurückzuführen sind, bis der Showdown schließlich genau in der freien Natur stattfindet, die Morgan bei ihren Ausflügen mit Amy lieben lernte. Einen letzten, bösen Twist spart sich der Film bis zum Schluss auf, doch auch der ist nur ein fader Abklatsch eines berühmten Vorläufers. Dabei ist vergleichende Werbung in Deutschland doch verboten! Was eigentlich auch für Prototypen in Sachen Künstlicher Intelligenz gilt.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 24/2016

 

 

  

Das Morgan Projekt
(Morgan) - USA 2016 - 92 Min. - FSK: ab 16 Jahre - Kinostart(D): 01.12.2016 - Regie: Luke Scott - Drehbuch: Seth W. Owen - Produktion: Mark Huffam, Michael Schaefer, Ridley Scott - Kamera: Mark Patten - Schnitt: Laura Jennings - Musik: Max Richter - Darsteller: Kate Mara, Rose Leslie, Jennifer Jason Leigh, Anya Taylor-Joy, Paul Giamatti, Toby Jones, Boyd Holbrook, Michelle Yeoh, Sam Spruell, Jonathan Aris, Chris Sullivan, Vinette Robinson, Charlotte Asprey, Michael Yare, Conor Mullen - Verleih: Fox Deutschland

 

 

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