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Monsieur Claude und seine Töchter



1)

Malaise der Marseillaise

Die Erfolgskomödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ versucht, tapfer gegen die Angst vor dem Verlust eines dumpfen Franzosentums anzulächeln

Seit elf Wochen läuft der Film in den französischen Kinos, und noch immer steht er auf Platz zwei der französischen Charts. Über zehn Millionen Menschen haben die Komödie "Monsieur Claude und seine Töchter" bereits gesehen (bei "Fack ju Göhte", dem deutschen Hit des vergangenen Jahres, waren es am Ende sieben). Damit ist der Film von Philippe de Chauveron der erste seit "Ziemlich beste Freunde", der eine achtstellige Zuschauerzahl vorweisen kann. Die große Frage ist, was das bedeutet.

Denn "Monsieur Claude und seine Töchter" hält unverschämt auf die Angriffsflächen, die Reibung erzeugen im Miteinander globalisierter westlicher Gesellschaften. Es geht um Identitätspolitiken unterschiedlicher Gruppen, und weil dem deutschen Diskurs das Problem zwar nicht fremd sein dürfte, der Begriff es aber ist, steht zu erwarten, dass die Begeisterung sich hierzulande in Grenzen halten wird.

Der titelgebende Claude Verneuil soll als Notar, Katholik und Gaullist im Städtchen Chinon den Musterfranzosen alter Prägung verkörpern. Wobei nicht ohne Ironie ist, dass der Patriarch von Christian Clavier gespielt wird (in Deutschland als Asterix aus der Realverfilmung des Comics bekannt), bei dem wie bei Gérard „Obelix“ Depardieu die Liebe zum Vaterland vor der Steuererklärung haltgemacht hat; Clavier lebt seit Hollande in London.

Drei der vier Töchter von Monsieur Claude und Gattin Marie (Chantal Lauby) sind zu Filmbeginn bereits verheiratet: die sensible Künstlerin Ségolène (Émilie Caen) mit einem chinesischen Banker (Frédéric Chau), die Zahnärztin Odile (Julia Piaton) mit einem erfolglosen jüdischen Geschäftsmann (Ary Abittan) und die Anwältin Isabelle (Frédérique Bel) mit einem muslimischen Anwalt (Medi Sadoun).

Es wäre für den Film allerdings passender, von einem Chinesen, einem Juden und einem Moslem zu sprechen, denn Monsieur Claude und seine Töchter denkt im Kollektivsingular. Wenn es um Klischees geht, schlägt die diskursive Autovervollständigung sofort „Spiel mit“ oder „lustvoll“ vor (vom vermaledeiten „herrlich inkorrekt“ zu schweigen). Tatsächlich ist Monsieur Claude und seine Töchter aber wunderbar geeignet zu studieren, dass die Gratis-Entschuldigung, es handle sich um Ironie, Satire oder Humor, nicht funktioniert. Was nicht nur an der holzklotzigen Inszenierung und dem für eine Komödie geringen Tempo liegt.

„Unreines Blut“

Der Film ist statisch bis zur Langeweile: Er nominiert die Klischees, bringt sie aber nie miteinander ins Spiel. Stattdessen geht er wieder und wieder seine Aufstellung durch, müssen „der Chinese“, „der Jude“ und „der Moslem“ als Pressesprecher ihrer jeweiligen Gruppen immerfort von „wir“ und „euch“ reden, wo es doch um ein Ich gehen könnte: Konkrete Personen handeln wie mediale Verallgemeinerungen.

Dieser Ansatz ist ermüdend, schon weil man nach zwei Dritteln der Zeit gern mal etwas anderes hören würde als die Verbindung von „Chinese“ und „Pünktlichkeit“. Und er ist konservativ, weil damit die Möglichkeit ausgeschlossen wird, dass Veränderung sich ergibt, wo Heterogenität herrscht und Bekanntschaft wächst. Das zeigt exemplarisch – und da wird es für das deutsche Publikum, das trotz uneinheitlichen Hymnesingens der Nationalmannschaft gerade erfolgreich die Weltmeisterschaft überstanden hat, doch wieder interessant – die Szene, in der die drei Erstschwiegersöhne zur Rührung von Monsieur Claude die Marseillaise anstimmen. Man hätte in diesem Moment nämlich auch verstehen können, warum es für Menschen, die nicht seit Jahrhunderten in französischen Anwesen ihre Gutsituiertheit tradieren, befremdlich sein kann, inbrünstig einen Martialismus zu pflegen („Unreines Blut/Tränke unsere Furchen“), der in der Mehrheitskultur als Folklore nicht hinterfragt wird.

Sarrazin würde liken

An solchen Differenzierungsleistungen hat Chauverons Film kein Interesse. Folglich verwundert es nicht, wenn die „Pointe“ der Komödie in der Wahl der vierten Tochter liegt: Laure (Élodie Fontan) will „einen Schwarzen“ heiraten. Was es heißt, solche Hierarchisierungen zu Ende zu denken, muss "Monsieur Claude und seine Töchter" ignorieren. Andernfalls wäre wohl aufgefallen, dass man schlecht Rassismus in einem Friede-Freude-Eierkuchen-Finale auflösen kann, wenn man ihn selbst gut gelaunt reproduziert. Der Film ist aus der Ängstlichkeit einer Mehrheit heraus gedacht, der alles, was sie selbst nicht ist, fremd und bedrohlich erscheint. Thilo Sarrazin würde liken.

"Monsieur Claude und seine Töchter" ist die schlichte Verteidigung dumpfen Franzosentums. Das bedeutet nicht, dass man über die Komplexitäten, Zurücksetzungen und Angespanntheiten multikultureller Gesellschaften keine Witze machen kann – als gelungene, weil charmante und rührende Komödie sei an Michel Leclercs "Der Name der Leute" (2011) erinnert. Der Erfolg von Chauverons Film bedeutet nur, dass ein großes Publikum nicht Toleranz üben will, sondern zufrieden ist, wenn es sich eines biederen Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen versichern kann.

Matthias Dell

Dieser 1. Text ist zuerst erschienen in: der freitag

 

 

2)
Ignoranz ist die beste Verdrängung

3,5 Millionen Zuschauer haben in diesem Jahr Philippe de Chauverons Komödie "Monsieur Claude und seine Töchter" gesehen und sich an der Reproduktion von Ressentiments erfreut

Der Verband der deutschen Filmkritik hat im Frühjahr ein "Flugblatt für eine aktivistische Filmkritik" veröffentlicht. Es beklagt den Verlust der traditionellen Programmkinos und wünscht sich Streit in der Sache. Wenn auch nicht klar ist, wie sich der Ort finden ließe, um wichtigen Debatten über Filme zur breiten Wahrnehmung zu verhelfen - als Gegenstand böte sich Philippe de Chauverons Komödie "Monsieur Claude und seine Töchter" schon einmal an. Denn man kann daran viel über den Stand von Kino, Kritik und Kultur ablesen.

Der Film, der im Original "Qu'est-ce qu'on fait au Bon Dieu?" heißt (etwa: "Was, um Himmels Willen, haben wir nur falsch gemacht?"), kann im laufenden Jahr auf die bislang meisten Besucher in deutschen Kinos verweisen. Über 3,5 Millionen Menschen haben die Komödie gesehen, die, vor 17 Wochen gestartet, noch immer zu den wöchentlichen Top Ten gehört. Ob "Monsieur Claude" auch am Jahresende Platz 1 der deutschen Charts belegt, bleibt zwar ungewiss - in der vergangenen Woche ist der dritte Teil der "Tribute von Panem" mit über einer Million Zuschauer gestartet, Anfang Dezember folgt ein neuer "Hobbit"-Film von Peter Jackson. Aber bemerkenswert ist doch, dass ein 13 Millionen Euro teurer Film, der seine Effekte der Boulevardkomödie verdankt, durchkalkulierte Unternehmungen wie "Guardians of the Galaxy" (Budget: 136 Millionen Euro) oder "Transformers 4: Ära des Untergangs" (168 Millionen Euro) übertrumpft.

Eine Erklärung für den Erfolg ist sicherlich, dass "Monsieur Claude" an ein älteres Publikum adressiert ist: Protagonist ist ein im Wohlstand ergrauter Notar (gespielt von Asterix-Darsteller Christian Clavier) mit vier erwachsenen Töchtern. In der Branche heißt das recht junge Segment nach seinem Publikum "Silberlockenkino" oder "Kino für die beige Generation". Der größte Vorteil dieser Zielgruppe ist, dass sie zum Filmegucken noch auf das Programm von Filmtheatern setzt und sich nicht im Netz die Streams raussucht. So können Stars wie Michael Douglas ("Last Vegas"), Robert de Niro und Sylvester Stallone ("Zwei vom alten Schlag", beide 2013) mit ihrem Publikum alt werden, während man in Deutschland wieder auf Namen wie Heiner Lauterbach stößt. Der erfreute sich an der Seite von Gisela Schneeberger und Michael Wittenborn dieses Jahr in Ralf Westhoffs Zwei-Generationen-WG-Film "Wir sind die Neuen" einiger Beliebtheit (860.000 Besucher). Ein anderes Beispiel wäre Didi Hallervorden, der nach dem Comeback in "Sein letztes Rennen" (2013) ab Weihnachten im neuen Til-Schweiger-Film "Honig im Kopf" mit von der Partie sein wird.

Arthouse ist immer besser

Anschaulich macht der "Monsieur Claude"-Erfolg (zum Verdruss vom Filmkritikerverband), wie prekär eine Kategorie wie Arthouse ist. Es käme merkwürdig daher, eine wenig raffinierte Inszenierung, deren natürliches Umfeld auf der Bühne eben der Boulevard wäre (auf dem "Monsieur Claude" als Adaption bestimmt bald auftauchen wird), im Kino als Filmkunst zu feiern. Für das, was Autorenkino einmal war, sieht Chauverons Handschrift zu sehr nach gedruckten Buchstaben aus.

Besonders schön illustrierte dieses Zuordnungsproblem die samstägliche Filmsendung von Deutschlandradio Kultur. In "Vollbild" werden im wöchentlichen Wechsel nämlich die Arthouse- und die Mainstream-Charts vorgestellt, mit dem Resultat, dass "Monsieur Claude" schließlich in beiden auftauchte. Von größerem Interesse ist diese Bestimmung, insofern im E-und-U-Deutschland das Label Arthouse gratis Distinktionsgewinne verschafft: Das Programm des kleinen, sympathischen Kinos um die Ecke gilt hier automatisch als gehalt- und kulturvoller im Vergleich zu den (US-amerikanischen) Großproduktionen, die in den nach Popcorn und Käse-Dip riechenden Multiplexsälen gezeigt werden.

Dabei, und da stimmen die 3,5 Millionen Zuschauer dann nachdenklich, ist "Monsieur Claude" keineswegs die kluge, sympathische Komödie von nebenan, sondern, was sein Menschenbild betrifft, ein ziemliches Ekelpaket, das mit plumpem Ho-ho-ho-Humor die eigenen Vorurteile feiert: Claviers Musterfranzose leidet darunter, dass seine Töchter - ethnisch, kulturell oder religiös betrachtet - Nichtmusterfranzosen heiraten: einen Muslim, einen Juden, einen Chinesen und - das ist, ganz humorvoll versteht sich, der Gipfel - einen Schwarzen.

Worauf tiefenpsychologisch eine Anlage schließen lässt, in der vier gutaussehend-unschuldige Nationalfrauenkörper von "unreinem Blut" gefreit werden, das in der "Marseillaise" (die in einer Szene zum Schwiegervater-Besänftigen abgesungen wird) die eigenen "Furchen" tränken soll, muss man nicht einmal fragen. Auch um nicht den Eindruck zu erwecken, man interpretiere in einen "harmlosen" Film "zu viel" hinein: Sich Gedanken zu machen, das mögen die Verteidiger des Films nämlich gar nicht. Es reicht schon zu sehen, dass "Monsieur Claude" nie über Klischees und Kollektivsingular hinaus will (obwohl jeder Fan sagen wird, der Film spiele mit den Klischees). Alle Schwiegersöhne agieren immerfort nur als Repräsentanten der Gruppen, die dem verunsicherten Herkunftsfranzosen heute Angst einjagen.

Wenn der Film also etwas befriedet, dann ist es der Brass von Front-National-Wählern, nicht aber das gesellschaftliche Miteinander. Bewegung ins Denken des Protagonisten kommt in den knapp 100 Minuten, die der Film sich zieht, auch durch die neue Verwandtschaft nicht. Die Pointe von "Monsieur Claude" besteht darin, dass der Titelheld seine Ressentiments behalten darf, weil die anderen - wie der ivorische Vater von Schwiegersohn Nr. 4 - auch welche haben. Und das ist dann das Ätsch-Bätsch-Niveau, auf dem Bestsellerautoren wie Harald Martenstein sich in ihren Spitzfindigkeiten als "Hausschwein" gefallen, das ist der Toleranzbegriff, mit dem die ARD in Themenwochen ihrer Vorstellung von Nächstenliebe und Humanismus Ausdruck zu verleihen versucht.

Immerhin zerstören die 3,5 Millionen Besucher von "Monsieur Claude" die Vorstellung, dass es sich bei den von lauter fremder Kultur und divergierender Praxis überforderten Autochthonen um eine verfolgte Minderheit handelt. Im Gegenteil: 3,5 Millionen Menschen sind, vor allem in ihrer ökonomischen Potenz, eine ziemlich große Mehrheit in dem Raum, der Öffentlichkeit als Schnittpunkt von Mediennutzern, Kinogängern und Theaterzuschauern meint. Und deshalb kann einen das kalte Grausen packen, dass sich das soigniert-wohlanständige, (west-) deutsche Bürgertum, das Goethe im Regal und guten Wein im Keller hat, bei "Monsieur Claude" auf die Schenkel klopft. Leute, die sich um die Folgen des Internetzugangs ihrer Enkel sorgen, pfeifen sich selbst unreflektiert-amüsiert die hemdsärmelige Reproduktion von Rassismen rein.

Rassismus, was ist das?

Was damit zu tun hat, dass es in Deutschland, Ignoranz ist die beste Form der Verdrängung, recht spärliches Wissen darüber gibt, was das eigentlich ist: Rassismus. So hat die SZ den Film unlängst als "Rassismus-Komödie" bezeichnet. Während eine "Antisemitismus-Komödie" nur als bewusste Verbalentgleisung von Nazis denkbar wäre, kann "Rassismus-Komödie" hierzulande wie ein Genre klingen. Unfreiwillig stimmt es ja sogar: "Monsieur Claude und seine Töchter" versucht, aus rassistischem Denken und Sprechen Komik zu produzieren. Dass dem Film das glanzvoll gelänge, behaupten selbst die Kritiken nicht, die ihn für seine politischen Überzeugungen schätzen.

Insofern bleibt der Trost idealistischer Ästhetik: Kunst gelingt nur, wenn sie nach dem Guten, Wahren, Schönen strebt. Anders gesagt: Eine Gesellschaft, deren angeblich tragende Schicht einen solchen Lieblingsfilm hat, ist keine angenehme Gesellschaft.

Matthias Dell

Dieser 2. Text ist zuerst erschienen in der taz

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 


Monsieur Claude und seine Töchter
OT: Qu'est-ce qu'on a fait au Bon Dieu? - Frankreich 2014 - 97 min. - Regie: Philippe de Chauveron - Drehbuch: Philippe de Chauveron, Guy Laurent - Produktion: Romain Rojtman - Kamera: Vincent Mathias - Schnitt: Sandro Lavezzi - Musik: Marc Chouarain - Verleih: Neue Visionen - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Christian Clavier, Frédérique Bel, Emilie Caen, Medi Sadoun, Elodie Fontan, Elie Semoun, Yvonne Gradelet, Chantal Lauby, Frédéric Chau, Pascal N'Zonzi, Ary Abittan, Julia Piaton
Kinostart (D): 24.07.2014

 

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