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Monsieur Claude und seine Töchter


Vive la France!

Die spinnen, die Franzosen. Christian Clavier, bekannt als Asterix, ist jetzt ein wohlhabender, konservativer und katholischer Bürger namens Claude Verneuil in einem Provinzschlösschen, wo er zusammen mit seiner Frau Marie (Chantal Lauby) vier ansehnliche Töchter großgezogen hat. Nur mit den Schwiegersöhnen, oh là là, da hat man nicht so ganz das große Los gezogen.

Ségolène hat den Chinesen Chao geheiratet, Isabelle den Muslim Rachid und Odile den Juden David. Das gibt dann schon einmal bei einer Familienzusammenkunft gehörigen Zoff. Wer ist hier der Rassist? Jeder zu jedem, und Asterix, pardon Monsieur Claude, ist natürlich der Schlimmste, obwohl er das nie zugeben würde. Dafür ist er aber doch sehr gerührt, als seine drei un-katholischen Schwiegersöhne ihre Hände ans Herz legen und die Marseillaise anstimmen, das volle Programm. Wie gesagt, die spinnen, die Franzosen. Da muss man sich nur das letzte Wahlergebnis ansehen.

Egal. Die vierte Tochter Laure jedenfalls verspricht endlich, einen guten Katholiken aus noch katholischerer Familie zu heiraten. Welch ein Glück! Nein, welch ein Unglück, denn dieser gute Katholik Charles ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Afrikaner. Jetzt droht die Familie endgültig die Contenance zu verlieren. Die drei Schwiegersöhne versuchen als Agenten in eigener Sache diese letzte Mésalliance zu verhindern, der Vater von Charles ist ein mindestens so bornierter Spießbürger wie Monsieur Claude, die Mutter bewegt sich knapp über den Rande des Nervenzusammenbruchs hinaus, und dann ist da auch noch die Sache mit dem Hecht und dem Blut und eine Nacht im Gefängnis. Am Ende aber gibt es doch eine großartige Hochzeit, gerührte Ansprachen, gutes Essen und tolle Musik. Ach ja.

Philippe de Chauverons Komödie wurde zu einem Kassenhit in Frankreich und dürfte wohl auch hierzulande das eine oder andere Herz erwärmen, zumal das Ganze flott inszeniert und gut gespielt ist, wie man so sagt, und auch ein paar wirklich treffende Gags bietet (den unappetitlichen Vorhaut-Gag hat aber Ben Stiller schon in »Meet the Parents« getoppt), während es im Großen und Ganzen natürlich genau so kommt, wie es kommen soll. Das alles ist überdies von einer riesigen, beschwingten und auch wieder irgendwie provinziellen Französischkeit, die noch die größten Widersprüche religiöser, ethnischer und auch politischer Codes glättet. Am Ende nämlich ist nicht die konservative französische Familie plötzlich tolerant, säkular und politisch bewusst geworden, sondern das Chinesische, das Arabische, das Jüdische und das Afrikanische sind wundersam aufgelöst im Biedersinn französischer Bürgerlichkeit, in der Georges Simenon so treffend seine Leichen zu platzieren wusste. Sogar gemeinsame Geschäfte werden die Schwiegersöhne der Familie Verneuil machen, wie es sich für eine ›grande famille‹ gehört.

Mit der Wirklichkeit im Lande von Marine Le Pen hat dieser Film ganz gewiss nichts zu tun, er beweist vielmehr, dass selbst das Genre der Multikulti-Komödie in der Lage ist, erzkonservative Bedürfnisse zu befriedigen. Trotzdem macht es durchaus Spaß, dem märchenhaften Spiel zuzusehen, was vielleicht mit dem Vermögen französischer Filme zusammenhängt, noch die sentimentalsten Feelgood-Zutaten mit einer gewissen Eleganz und einem Schuss Selbstironie zu versehen. Es ist eben wie in einem Asterix-Comic. Da weiß man auch nie, ob sich die Autoren über die bornierten Provinzler in einem gewissen gallischen Dorf lustig machen oder ob sie sie nicht doch nostalgisch verklären. Auch diese Geschichte endet mit einem großen Fest, wie jedes Asterix-Abenteuer, und wenn man genau hinsieht, dann erkennt man auch hier einen Barden, der gefesselt und geknebelt im Baum hängt. Es handelt sich wohl um einen Filmkritiker.

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in www.strandgut.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 


Monsieur Claude und seine Töchter
OT: Qu'est-ce qu'on a fait au Bon Dieu? - Frankreich 2014 - 97 min. - Regie: Philippe de Chauveron - Drehbuch: Philippe de Chauveron, Guy Laurent - Produktion: Romain Rojtman - Kamera: Vincent Mathias - Schnitt: Sandro Lavezzi - Musik: Marc Chouarain - Verleih: Neue Visionen - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Christian Clavier, Frédérique Bel, Emilie Caen, Medi Sadoun, Elodie Fontan, Elie Semoun, Yvonne Gradelet, Chantal Lauby, Frédéric Chau, Pascal N'Zonzi, Ary Abittan, Julia Piaton
Kinostart (D): 24.07.2014

 

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