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Mondo Lux

 

 

 

Kino als Schönheit wider die Barbarei

 

Die Dokumentarfilmerin Elfi Mikesch hat eine sehr anrührende Erinnerung an den Filmemacher Werner Schroeter und seine Bilderwelten gedreht

Werner Schroeter steht allein auf den abgewetzten Brettern der Berliner Volksbühne, als die Premiere seines letzten Films, "Diese Nacht", vorbereitet wird. Ein Lichtkegel streift den Wartenden, impulsiv beantwortet er ihn mit einer gleichermaßen introvertierten wie shakespearisch ausgreifenden Gebärde. Der schmale, hoch gewachsene Mann mit dem schwarzen Bohemièn-Hut zieht einen imaginären Kreis um sich, verwandelt den kargen Ort mit seiner nonchalanten, aus der Zeit fallenden Zeremonie in einen Schauplatz der Fantasie.

Der Auftakt zu Mondo Lux, Elfi Mikeschs Portrait des Film-, Theater- und Opernregisseurs Werner Schroeter, ist so etwas wie das elementare Einatmen vor dem Singen. Ihr Film kreist um den berührenden Elan vital, mit dem ihr Freund die Einsamkeit und Verlorenheit des schwer Erkrankten mit dem Spiel, der Suche nach Geste, Form und Leuchtkraft, kurz: der Schönheit des emphatischen Ausdrucks bekämpfte.

Die Dokumentarfilmregisseurin begleitete Werner Schroeter vier Jahre, bis zu seinem Tod im April 2010, bei seiner rastlosen Einlassung auf neue Projekte. In diese Chronologie montiert sie Rückblicke auf das filmische Lebenswerk des prägenden Stilisten des neuen deutschen Films. Weggefährten wie Ingrid Caven, Rosa von Praunheim, Isabelle Huppert, Wolf Wondratschek, Peter Kern, Wim Wenders, Monika Keppler und andere differenzieren mit ihren Erzählungen das lange gängige Stereotyp vom extravaganten Künstler.

Die assoziativen Bildsprünge der Hommage machen die radikale Veränderung von Werner Schroeters Erscheinung bewusst, seinen Wandel vom glamourösen Bonvivant zum würdevoll hageren Don Quichotte wider das Krebsschicksal. Sie konfrontieren auch mit der zunehmenden Anstrengung, die ihm die ironische offensive Akzeptanz der Krankheit offensichtlich abverlangte. Dennoch steht das Sterben nicht im Vordergrund. Gelassener als bei Christoph Schlingensief erscheint es als existentielle Fatalität, der mit der Kraft des künstlerischen Ausdrucks beizukommen ist.

Der Film stellt weder Panik noch Abwehr aus. Er beschreibt "mitten im hitzigen Gefecht ein Lächeln wider das Desaster", wie Schroeter selbst sagte. Was zählt, ist die Intensität und Genauigkeit kreativer Arbeit. So folgt die Kamera dem Regisseur ins Synchronstudio, wo er die deutsche Fassung des 2008 entstandenen Untergangsdramas einer Revolution, "Diese Nacht", inszeniert. Sie beobachtet seine präzise Schauspielführung bei den Proben zu dem Vier-Frauen-Antikenprojekt Antigone/Elektra 2009 und sie fängt die Poesie seiner fotografischen Freundesportraits ein, die kurz vor seinem Tod für die Ausstellung Autrefois et toujours in einer Berliner Galerie arrangiert wurden.

Als der 1945 geborene Autodidakt Werner Schroeter 1968 in Westberlin in der Szene um seinen damaligen Liebhaber Rosa von Praunheim mit dem Filmen begann, freundete er sich mit der österreichischen Fotografin, Kamerafrau und Regisseurin Elfi Mikesch an. Beide arbeiteten mit Werner Schroeters Muse Magdalena Montezuma. Schroeters experimentelles Underground-Kino, mit dem er 1971 in "Der Tod der Maria Malibran" das durch Goebbels kontaminierte Melodramen-Genre parodierte und ihm mit dem dramatischen Pathos italienischer Belcanto-Diven wie Maria Callas widersprach, inspirierte damals auch Elfi Mikesch zu poetischen Erzählformen. In "Der Rosenkönig" und "Deux", vor allem in der preisgekrönten Ingeborg-Bachmann-Adaption "Malina" und der Diven-Hommage "Abfallprodukte der Liebe" fanden der Regisseur und die Kamerafrau schließlich zu kongenialen Kooperationen zusammen.

Mondo Lux lebt von dieser wechselseitigen Intuition, das Portrait ist eine gegenseitige Liebeserklärung, ein anrührender Freundschaftsgruß und spirituelles Memento. Kunst, darin sind sich diese beiden Großen des deutschen Kinos einig, ist nicht Widerspiegelung der Konsumwelt sondern "Schönheit wider die Barbarei".

Claudia Lenssen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: DIE ZEIT

 

Mondo Lux - Die Bilderwelten des Werner Schroeter
rDeutschland 2011 - Regie: Elfi Mikesch - Mitwirkende: Werner Schroeter, Almut Zilcher, Pascale Schiller, Dörte Lyssewski, Anne Ratte-Polle, Isabelle Huppert, Rosa von Praunheim, Monika Keppler, Wim Wenders - Länge: 97 min. - Start: 7.4.2011

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