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Mommy is coming

 

 

Pistolenhochzeit

Bereits seit letzter Woche läuft Cheryl Dunyes "Mommy is Coming" in den deutschen Kinos; zumindest in denen, die sich trauen, einen lesbischen Hardcoreporno mit Inzestpointe in ihr Programm aufzunehmen.

Mit einer Pistole verschafft sich Claudia, eine dunkelhäutige Frau in Männerkleidung, mit Glatze und später auch mit angeklebtem Schnurrbart, Zugang in ein Taxi. Während der anschließenden Fahrt durch Berlin Mitte kommt die Pistole gleich noch einmal zum Einsatz: Claudia hat mit dem regulären Fahrgast, der Blondine Dylan, angebandelt und masturbiert sie mit der (kondomgeschützten) Waffe auf dem Rücksitz. Die Pistolenhochzeit mündet in einer kurzen, heftigen Beziehung, die dann aber in die Brüche geht, weil Dylan mehr Sex will und Claudia mehr als Sex. Vielleicht will sie auch, ohne es zu wissen, einfach nur anderen Sex, nämlich den, den sie bald darauf in einem Berliner Undergroundclub kennen lernt. Ziemlich rau geht es da zu, besonders in einer Szene, in der eine Peitschendame sich über Dylan hermacht, während ihr im Mundwinkel eine Zigarette klebt; aus dieser Szene wieder in den Modus der romantischen Komödie zu finden, ist kein kleines Kunststück - Cheryl Dunyes "Mommy is Coming" gelingt es.

Bald taucht noch eine dritte Frau auf: Helen, Dylans Mutter, hat genug von ihrem verklemmten Ehemann (Wieland Speck, der Chef der Panorama-Sektion der Berlinale, in einem reichlich unnötigen Gastauftritt), sucht in Berlin das Abenteuer, landet im selben Taxi, in dem ihre Tochter die Pistole zu spüren bekommen hatte und später folgerichtigerweise ebenfalls in Claudias Bett - die letzte Pointe kann man sich dann fast schon denken.

Cheryl Dunye ist eine afroamerikanische Regisseurin, die seit ihrem Debüt "The Watermelon Woman" mit bewundernswerter Hartnäckigkeit feministisches, schwarzes, lesbisches Kino in einem Markt unterzubringen versucht, auf dem eigentlich jedes der drei Attribute alleine schon ein potentieller Karrierekiller ist. Ihren neuen Film hat sie in Berlin verwirklichen können, gemeinsam mit dem Produzenten Jürgen Brüning, der unter anderem auch mit Bruce LaBruce zusammenarbeitet.

"Mommy is Coming" verfährt mit der Romkom [romantic comedy - die fz-Redaktion] auf ähnliche Weise wie LaBruces "Otto; or, Up with Dead People" und "L.A. Zombie" mit dem Horrorfilm verfahren. Dunyes erster Porno kommt dabei allerdings deutlich leichtfüßiger daher; vielleicht verträgt sich Pornografie tatsächlich besser mit komödiantischen Formen - die im Lachen eine temporäre Distanzierung ermöglichen und damit vielleicht erst die Voraussetzungen schaffen, dass ein Film wie dieser auch im Kino funktioniert -  als mit dem "Körpergenre" Horror und dessen konkurrierenden Erregungsmustern. "Mommy is Coming" zumindest ist ein lustiger, kleiner Film, der expliziten und auch weitgehend pornoindustriell ausgeleuchteten Sex zusammenbringt mit einer verspielt-hahnebüchenen Story und dokumentarischen Passagen, in denen die Darstellerinnen aus ihren Rollen treten (in denen sie ohnehin nie zu fest verankert waren, auch da gehorcht Dunyes Film den eigenen Regeln des Pornofilms, der sich mit allzu aufwändiger Fiktionalisierung nie so recht vertragen hat) und vom freien, aufregenden Leben in der queeren Szene Berlins schwärmen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Mommy is coming
USA / Deutschland 2012 - Regie: Cheryl Dunye - Darsteller: Papí Coxxx, Lil Harlow, Maggie Tapert, Wieland Speck, Cheryl Dunye, Stefan Kuschner, Jiz Lee, Judy Minx, Océan LeRoy, Sadie Lune, Kay Garnellen, Mad Kate - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 68 min. - Start: 8.3.2012

  

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