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Moloch Tropical

 

 

 

Inspiriert von Alexander Sokurows „Moloch“ hat der umtriebige Raoul Peck 2009 das Obersalzberg-Szenario nach Haiti verlegt. Als „Moloch Tropical“ 2010 in Haiti gezeigt werden sollte, kam dann das verheerende Erdbeben dazwischen. Doch hat die Parabel, die 2010 im Programm der „Berlinale“ lief und auch bereits auf „arte“ ausgestrahlt wurde, nichts von ihrer Gültigkeit und Aktualität verloren, weshalb es zu begrüßen ist, wenn der vorzügliche Film jetzt gleichzeitig mit „Mord in Pacot“ noch einen Kinostart bekommt.

„Moloch Tropical“ erzählt vom letzten Tag des für fünf Jahre demokratisch gewählten Präsidenten Jean de Dieu, der sich mit seinen engsten Mitarbeitern in einer wolkenverhangenen Bergfestung auf einen Staatsakt mit internationalen Gästen vorbereitet, während die politische Situation im Lande eskaliert. In der Manier einer bösen Farce wird der komplette Realitätsverlust und verzweifelte Machtwille eines Machthabers gezeigt, der mit großer Geste pathetische Ansprachen ans Volk hält, die Freiheit und Aufbruch versprechen und auf die Solidarität aller setzen. Frankreich soll in Milliardenhöhe für die Folgen der Kolonialherrschaft zur Kasse gebeten werden, wofür das Volk nur Hohn und Spott übrig hat, weil Korruption und Selbstbereicherung mit Händen zu greifen sind.

Während in der luxuriös mit moderner Kunst ausgestatteten Bergfestung die Tagesgeschäfte und sexuellen Begehrlichkeiten anlaufen, dringen Nachrichten über wachsende Ausschreitungen über die Medien durch. Sollen die Schlägertrupps, die weder Vater noch Mutter kennen, von der Leine gelassen werden, weil die Polizei schon machtlos ist? Als die flammende Ansprache eines Regimegegners im Radio ausgestrahlt wird, wird der im Keller bereits gefoltert – und dann zu einem gespenstischen Dinner mit dem Präsidenten mühsam wieder hergerichtet. „Demokratie hat ihren Preis!“ und „Das Volk ist nicht reif für die Demokratie!“, erklärt der Präsident dem Geschundenen, um ihm dann vom einem Gemälde Francis Bacons vorzuschwärmen, das dem zerschlagenen Gesicht so ähnelt. Nein, zu einem Monster fehle dem einstigen Hoffnungsträger des Volkes die Größe und die Leidenschaft, erhält er zur Antwort. Kurz darauf wird der einstige „Freund und Bruder“ im Garten der Festung bei lebendigem Leib verbrannt.

Immer wieder erinnert „Moloch Tropical“ an „Lumumba“, Pecks zwei Filme über den einstigen Hoffnungsträger des Kongo. Nebenher werden vielfältige Bezüge zur internationalen Politik hergestellt: von Bin Laden ist ebenso die Rede wie Bilder der Verhaftung Saddams eingespeist werden und mit Quentin Tarantino telefoniert wird. Jean de Dieu ist eben eine Marionette der Amerikaner, eine kleine Figur in einem weit größeren geopolitischen Zusammenhang, die jetzt schmerzhaft bemerken muss, dass sie fallengelassen werden wird. Immer mehr Gäste sagen ihre Teilnahme am Staatsakt ab. Die Zeit läuft ab, Jean di Dieu verweigert die Pillen, hält wirre Reden („Ich bin Caesar und Cleopatra! Ich bin das Osterlamm!“ „I have a dream!“), steigt Personal und Gästen nach, opfert leichthin den wohl begabtesten Saxophonisten der Geschichte Haitis und rennt schließlich nackt in den Dschungel hinaus. Am nächsten Morgen geht es dann – nach Intervention des US-Botschafters – zu Wagner-Klängen direkt ins Exil. Und die größte Strafe scheint die nun folgende Ehe-Hölle zu sein.

Zum Schluss dann ein Blick über die schöne Landschaft Haitis zu einem Jazz-Standard, in dem er heißt: „I‘ll be fine when you‘re gone!“ So endet diese Schmierenkömödie, die der Protagonist selbst wohl gerne als Shakespeare-Drama oder große Oper gestaltet hätte. Doch Raoul Peck hat sich für die anspielungsreiche Dekonstruktion entschieden: das Schäbige ist großartig inszeniert, wunderbar gespielt und opulent ausgestattet. Nur über die desolaten post-kolonialen Strukturen und die Natur des Menschen macht sich der Filmemacher und Aktivist keinerlei Illusionen.

4 von 5 Sternen

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen im: filmdienst

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Moloch Tropical

Frankreich/Haiti 2009 - Regie: Raoul Peck - Produktionsfirma: Velvet Film / ARTE France - Drehbuch: Jean-René Lemoine, Raoul Peck - Kamera: Éric Guichard - Schnitt: Martine Barraque - Musik: Alexei Agui - Darsteller: Zinedine Soualem, Sonia Rolland, Mireille Metellus, Nicole Dogue, Gessica Geneus - Kinostart(D): 17.09.2015 - 106 Minuten - FSK: ab 16 Jahre - Verleih: EZEF

 

 

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