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Mittwoch 04:45

 

 

Direkt durchs Auge

Alexis Alexious faszinierender Neo-Noir "Mittwoch 04:45" suhlt sich in einem artifiziellen Lichterbad.

In einer der beeindruckendsten Szenen des Films glaubt Stelios (Stelios Manias), direkt ins grelle Licht des Todes zu blicken. Der Besitzer eines Jazzclubs hat sich im Zuge der griechischen Wirtschaftskrise verschuldet und mit rumänischen Gangstern eingelassen. Jetzt sitzt er, nachdem er eine besonders schlechte Entscheidung getroffen hat, neben seinen zwei letzten verbliebenen Kumpanen in einem kleinen, schäbigen Restaurant. In das plötzlich gleißend helles Licht einbricht, weil draußen ein Auto vorfährt, dessen Insassen Stelios an die Gurgel wollen. Die plötzliche Klarsicht, die seine Umgebung in ihrer und auch ihn selbst in seiner ganzen tristen Profanität sichtbar werden lässt, lähmt den mittelalten Familienvater mit schütterem Haar für einen Moment komplett.

Stelios kommt noch einmal davon, erhält noch einmal einen Aufschub. Er darf sich noch einmal in ein düster-leuchtendes, konsequent brutalisiertes Neo-Noir-Athen stürzen; kann noch ein wenig länger durch zwar immer schlechter besuchte, aber doch noch immer nicht ganz glanzlose Strip-Clubs driften und in fahl illuminierten, von gewaltbereiten frustrierten Jugendlichen bevölkerten Unterführungen Drogen erstehen, muss an Verkehrsampeln die allgegenwärtigen Obdachlosen abwimmeln.

Vor allem darf er sich noch ein wenig länger in dem Lichterbad suhlen, das "Mittwoch 04:45" vielleicht in erster Linie ist. Auch in den wenigen Szenen, die tagsüber und draußen spielen, legt der Regisseur Alexis Alexiou schon einmal mitten durchs Cinemascope-Bild horizontal einen lens-flare-Effekt; oder lässt die Sonne raffiniert irrlichternd durch ein Autofenster flackern. Lange halten es sowieso weder der Regisseur noch seine Hauptfigur im hellen, natürlichen Licht des Tages aus. Beide zieht es zu anderen, artifiziellen Lichtern, zu den menschengemachten Lichtern der urbanen Nacht. Zu den Neonreklamen der Stripclubs. Oder besser: zu den Spiegelungen der Neonreklamen der Strib-Clubs im nassen Asphalt. Oder noch besser: zum verwaschenen Abglanz der Spiegelungen der Neonreklame der Strip-Clubs im nassen Asphalt, die sich auf einer Fensterscheibe abzeichnen und die sich mit anderen Lichtimpulsen mischen, die stroboskopartig von der Seite ins Bild strahlen. (Die zugehörige Filmmusik, die sich mal sphärisch-flächig ausbreitet, mal zu ohrwurmtauglichen Schlagern gerinnt, ist ebenfalls toll und wäre eine eigene Eloge wert.)

Das Licht, das den Film interessiert, dient nicht der Be- und Ausleuchtung von Objekten, Menschen, Raum, sondern ist ein Formelement eigenen Rechts. Mal verdichten sich rot leuchtende Farbkreise im Straßenverkehr per Schärfeverlagerung zu Rücklichtern, mal bricht sich gelbes Licht in einem zersplitterten Fenster in muschelförmigen Mustern, mal legen sich Reflektionen von Neonreklamen fächerartig übers ganze Bild (und ein Strahl schießt der Hauptfigur dabei direkt durchs Auge). Fast in jeder Einstellung findet sich mindestens ein gestalteter Lichteffekt - und wenn es nur der batteriebetriebene Schuh eines kleinen Jungen ist, der bei jedem Schritt kurz aufleuchtet.

Hier und da wird dem Film gerade aufgrund solcher Stilisierung Epigonentum vorgeworfen: Das sieht doch aus wie im Hongkong-Kino, oder wie bei Michael Mann, oder wie bei David Fincher, oder wie bei Tarantino, wie in "Sin City", wie in "Drive". Schon, dass sich die Kritiker nicht einig darin sind, bei wem sich der Film genau bedient, spricht dafür, dass Alexiou mehr gelungen ist als nur technisch gelacktes Pastiche. Jeden einzelnen der optischen Effekte hat man irgendwo so ähnlich einmal gesehen, das stimmt schon; aber wie der Film seine Lichtsensationen modelliert, wie er sie in der (oft auf eindringliche Art affektiv aufgeladene Großaufnahmen in Totalen nachhallen lassenden) Montage rhythmisiert, wie er sie im Finale in einer opernartig ausufernden, bleihaltigen Zeitlupenorgie bündelt: Das verweist zumindest auf ein außergewöhnliches, hochgradig originelles Stilbewusstsein.

Das sich in "Mittwoch 04:45" vielleicht noch nicht vollumfänglich entfaltet hat. Gelegentlich bremst sich die Regie selbst aus, insbesondere in Szenen, die sich Stelios' Familienleben und seinem von Anfang an deutlich erkennbar morschen Machismo widmen; da erinnert der Film plötzlich an jene im europäischen (Festival-)Kino allgegenwärtigen privatistisch-bemühten Sozialdramen, die Alexiou ansonsten souverän hinter sich lässt. Auch die Verweise auf die Finanzkrise wirken gelegentlich bemüht, fast pflichtschuldig. Aber immer wenn er sich auf die Kraft seiner Bilder verlässt, wenn er seine kinematografische Lichtmaschine direkt, ohne psychologische oder soziologische Vermittlung mit dem Körper seines Hauptdarstellers und dem Stadtkörper Athen kurzschließt, entwickelt der Film einen fast hypnotischen Sog. Und erschließt dem griechischen Autorenkino, das zuletzt mit Vorliebe auf ebenfalls faszinierenden, aber ganz anders artifiziellen, verrätselt-allegorischen Pfaden wandelte, aufregendes neues Territorium.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 
Mittwoch 04:45

(Tetarti 04:45) - Griechenland, Deutschland, Israel 2015 - 116 Min. - Kinostart(D): 04.02.2016 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Alexis Alexiou - Drehbuch: Alexis Alexiou - Produktion: Thanassis Karathanos - Kamera: Christos Karamanis - Schnitt: Lambis Haralambidis - Musik: Yannis Veslemes - Darsteller: Adam Bousdoukos, Mimi Branescu, Christina Dendrinou, Nikol Drizi, Yiorgos Gallos, Kostas Laskos, Stelios Mainas, Maria Nafpliotou, Vagelis Rokos, Spyros Sidiras, Giorgos Symeonidis, Dimitris Tzoumakis - Verleih: Neue Visionen

 

 

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