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Mistress America

 


Adoleszenter Schöpferenthusiasmus

Ein Chaos, nach dem man die Uhr stellen kann, entwirft Noah Baumbach in seiner klug metafiktionalen Komödie "Mistress America".

Tracy Fishko (Lola Kirke) kommt fürs Literaturstudium nach New York, aus New Jersey. (Ich stelle mir vor: wie wenn man von Niederösterreich nach Wien kommt, oder aus Brandenburg nach Berlin.) Dass sie schreiben will, macht alles nur noch dringlicher, aber auch ohne dieses spezielle Begehren wäre die Sache ausgemacht: Tracy muss sich in der neuen Stadt, in der Rolle der frischgebackenen Studentin und angehenden Schriftstellerin erst noch erfinden. Das Material indes, das die ersten Collegeerfahrungen hergeben, ist dürftig. Tracy hat Ankomm- und Akklimatisierungsprobleme, im Proseminar zu Euripides' Antigone schläft sie ein. Unterwegs zu einer dorm party, zu der sie niemand eingeladen hat, macht sie auf dem Absatz kehrt, einen Schnitt später sitzt sie im Burgerladen und stochert einsam in Lebensmittelresten. (Solche beschleunigenden Schnitte gibt es auffallend viele in der ersten Dreiviertelstunde von "Mistress America", die sich oft wie eine einzige, von Suicides Bruce Springsteen-Cover "Dream Baby Dream" unterspülte Montagesequenz anfühlt.)

Dann die rettende Idee, sie ruft ihre Halbschwester in spe Brooke (Greta Gerwig) an, von der sie schon so viel gehört hat: eine eingefleischte New Yorkerin, die selbstbestimmt und - mit einem von vielen sprachlichen Manierismen, die Noah Baumbach sich bei Whit Stillman abgehört haben mag - voller "moxie" (lt. Merriam-Webster: Aktivität, Mut, Entschlossenheit) mitten im romantischen Großstadtleben steht. So jedenfalls schildert Tracy ihre ersten Eindrücke nach einer gemeinsam durchzechten Nacht (und dann noch einer). Schon nach der ersten ungelenken Begegnung mit Brooke ist klar, dass Tracys haltlose Begeisterung anteilig Wunschdenken ist. Dennoch wirkt die Zeit, die sie mit Brooke verbringt, aufregend anregend auf Tracys literarische Ambitionen: Brooke lebt ein Leben, über das zu schreiben sich lohnt.

Um Geld zu beschaffen für einen geplatzten Immobiliendeal, zieht es Brooke ins suburbane Luxusdomizil ihrer ehemaligen Freundin und nunmehrigen "Nemesis" Mamie-Claire, die Brookes "T-shirt idea", ihre zwei Katzen und ihren gestopften Ex Dylan "gestohlen" haben soll. Im Schlepptau nicht nur die Chronistin Tracy, sondern auch deren College-Freund Tony, der als einziger ein Auto besitzt und dessen eifersüchtige Freundin Nicolette - sie war im erwähnten Proseminar als diejenige Diskutantin aufgefallen, die am wenigsten Verständnis für Antigones widerrechtliches Handeln aufzubringen vermochte: "She thinks she's above the law but she's not! Like a celebrity in a car crash or something." In Mamie-Claires Residenz, einem modernistischen Bau, der über schier ununterbrochene Glasfassaden mit der winterlichen Waldlandschaft draußen kommuniziert, warten weitere Mitspieler: ein schlecht gelaunter Nachbar, von dem wir, außer dass er Kinderarzt ist und leicht zu hinken scheint, fast nichts erfahren, geleitet Brooke und Anhang zur Tür. Im Wohnzimmer ein offensichtlich eingeschliffener Lektürekreis bestehend ausschließlich aus Hochschwangeren, diese Woche zu lesen: William Faulkners "The Hamlet" und "a junky Derrida biography" ("Holy shit, these pregnant women are super smart!"), während im Bildhintergrund - absichtsvoll marginalisiert - die vermutlich hispanische Haushaltshilfe hin und her huscht.

In diesem Setting kommt "Mistress America" so richtig auf Touren, lässt Baumbach die Rohmer-Spontanismen hinter sich und entführt uns in Richtung der artifiziellen Bühnenwelten, in denen der späte Resnais sich eingerichtet hatte. Die sprachlichen Manierismen und Verhaltensauffälligkeiten, die eigentlich alle Figuren auszeichnen, emanzipieren sich von ihrer narrativen Indienstnahme, tendieren zum reinen Spiel, das Soziale löst sich auf in Bewegungen und Gesten, vielleicht dem Tanz näher als dem Theater; nahe auch dem klassischen Hollywoodkino, vor allem in der mise-en-scène: in der Präzision, mit der Baumbach bewegliche Körper auf begrenztem Raum erst in Stellung und dann planvoll aus dem Gleichgewicht bringt; im virtuosen, haargenau getakteten und geblockten Durcheinander dieser Zufallsgemeinschaft - ein Chaos, nach dem man die Uhr stellen kann.

"Brooke Cardinas", "Mamie-Claire", "Dylan" gehören schon ihren wohlerzogenen Namen nach zu einer anderen Welt als "Tracy Fishko"; sie sind handelnde Akteure ihres eigenen Lebens - oder kommen Tracy zunächst so vor. Nicht weil Tracy, jung und unerfahren, blind wäre für die tatsächlich komplexeren Wirklichkeiten, die zu diesen Namen gehören - die Abgründe sind von Anbeginn offensichtlich, müssen nicht erst im Rahmen einer Bildungs- bzw. Desillusionierungsgeschichte entdeckt werden - sondern aus übereifriger Liebe zur Fiktion(alisierung). Deren Eigenlogik, einmal angestoßen, muss Tracy folgen, um sich an die andere große Fiktion heranzuschreiben, die ihr Leben bestimmt: Schriftstellerin zu werden. Hier streift "Mistress America" ans literarische Genre des confessional, an zeitgenössische romans à clef, die ihre realweltlichen Referenten (Lena Dunhams kleine Schwester, Karl Ove Knausgårds Ehefrauen) nicht oder nur eingeschränkt verschlüsseln, und die in dieser programmatischen Rücksichtslosigkeit umso deutlicher auf die ethischen Verbindlichkeiten zurückverweisen, die mit allem Schreiben einhergehen.

Schön auf alle Fälle, dass Baumbach keine Antwort weiß auf die Frage, wieviel Wirklichkeit man unter welchen Bedingungen belehnen darf oder soll. Gemeinsam mit Tracy ereifert sich der Film erst für eine idealisierende und dann, in logischer Entwicklung, für eine enttäuschte Sicht auf Greta Gerwigs große Möchtegernschwester. Der Umschwung vom einen Modus zum anderen erfolgt völlig unvermittelt, bleibt unvollständig und anfällig für Rückfälle. Das liegt daran, dass er seinen Grund nicht in irgendeiner realen Erkenntnis oder Erfahrung hat, sondern allein aus der Art Geschichte erforderlich wird, an der Tracy schreibt - an der sie schreibt, um zur Schreibenden zu werden, aber auch um sich mit dem fertigen Text für die prestigeträchtige Mobius Literature Society zu empfehlen. Tracys Fabulierwut und jene des Films verstellen nicht den Blick, sondern schärfen ihn; dass hier jemand zugreift auf - eingreift in - die Wirklichkeit in bestimmter, eben formender Absicht, davon hat "Mistress America" ein geschärftes Bewusstsein, das all seinen adoleszenten Schöpferenthusiasmus begleitet.

Dass Brooke am Ende weg muss aus New York, wird dort kaum jemand auffallen. Für angehende Schriftsteller wie Tracy Fishko (und vielleicht für arrivierte Filmemacher wie Noah Baumbach, wobei: ihm bleibt ja Greta Gerwig), deren Arbeit von ihren und ihresgleichen Energien zehrt, ist es allerdings ein wirkliches Problem. Tracy: "It's going to be hard for me not to look at New York and think of you somewhere in it." Die soziologischen Untertöne, die am Ende des Films doch noch einmal lauter werden, weisen in Richtung einer Kritik am gegenwärtigen New York, der stetig schrumpfenden Möglichkeiten, die es Menschen wie Brooke noch bietet. Andererseits: Sollen wir verplanten, nicht erwachsen werden wollenden Mittdreißiger uns wirklich wiedererkennen im romantischen Schlussakkord von Tracys Kurzgeschichte, der Brooke stellvertretend für ihre Generation als "last cowboy" besingt, "all romance and failure"? In noch einer Hinsicht erneuert Baumbauch sein zuletzt ein bisschen im Leerlauf drehendes Werk: die Greenbergs und Frances Has, die den früheren Filmen ihren Stempel aufdrückten, treten nicht mehr als sie selbst auf, sondern als Projektionsfiguren für eine nachfolgende Generation, mitsamt der Missverständnisse und Verfehlungen, die bei diesem Vorgang notwendig sich einstellen.

Im Metanarrativ wirft Baumbach die Frage auf, in welchen erzählerischen Formen und Formaten sich Lebensläufe wie Brookes überhaupt sinnfällig binden lassen - ohne ihnen Unrecht oder Gewalt anzutun. Tracys Kurzgeschichte, die denselben Titel trägt wie der Film - ein Titel, den sie Brooke gestohlen hat (wie zuvor Mamie-Claire Brookes Katzen und Boyfriend) - wird ihr den sehnlich gehegten Wunsch, in die studentische Literature Society aufgenommen zu werden, endlich erfüllen. Aber sie will schon gar nicht mehr dazugehören.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 
Mistress America
USA 2015 - 86 min. - Regie: Noah Baumbach - Drehbuch: Noah Baumbach, Greta Gerwig - Produktion: Noah Baumbach, Rodrigo Teixeira, Lila Yacoub - Kamera: Sam Levy - Schnitt: Jennifer Lame - Musik: Britta Phillips, Dean Wareham - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Seth Barrish, Juliet Brett, Michael Chernus, Cindy Cheung, Shana Dowdeswell, Joel Marsh Garland, Greta Gerwig, Charlie Gillette, Rebecca Henderson, Jasmine Cephas Jones, Lola Kirke, Heather Lind, Shoba Narayanan, Matthew Shear, Dean Wareham - Kinostart (D): 10.12.2015

 

 

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