zur startseite

zum archiv

zu den essays

Mistaken for Strangers


 

Wer sagt denn, dass eine Musikdokumentation die Lieder und Töne mögen muss, die sie dokumentiert? In den letzten Jahren sind konventionelle Musik-Dokus häufig zu reinen PR-Instrumenten verkommen. Abenteuerliches wie „Searching for Sugar Man“ (fd 41 468) oder Unberechenbares wie „Noseland“ (fd 42 423) bilden eher die Ausnahme. Jetzt gesellt sich „Mistaken for Strangers“ hinzu, der aus mehr als einem Grund auf Distanz zu seinem Gegenstand geht. Das ist ungewöhnlich, aber ein weiterer Pluspunkt dieses in seiner Doppelbödigkeit nur schwer zu fixierenden Projektes.

Es waren einmal zwei Brüder, Tom und Matt Berninger. Tom ist ein recht talentloser, vom Biertrinken aber ziemlich füllig gewordener Nachwuchsfilmer aus Cincinnati, der noch bei seinen Eltern wohnt und es bislang nur auf einige absolut unterbudgetierte Trash-Horror-Movies gebracht hat. Sein neun Jahre älterer Bruder Matt ist so ziemlich das Gegenteil: attraktiv, seriös, erfolgreich. Ein Rotweintrinker, der es als Sänger und Frontmann der Indie-Rock-Band „The National“ zu Ruhm und Ansehen gebracht hat. Als freundlich gemeinte Geste schlägt er Tom vor, sich auf der nächsten Welt-Tournee von „The National“ als Roadie zu verdingen. Obwohl Tom deren Musik nicht sonderlich schätzt, willigt er ein, auch mit dem Hintergedanken, als Filmemacher die Tour „backstage“ zu dokumentieren.

Leider halten sich Toms Talente als Roadie und Dokumentarist in etwa die Waage, befeuert von vagen Vorstellungen eines wilden Rock’n’Roll-Lifestyles, der mit der extrem disziplinierten Band aber rein gar nichts zu tun hat. Enttäuschungen und kognitive Dissonanzen sind also vorprogrammiert, zumal Tom als Dokumentarist ohne Plan sich zunächst darauf beschränkt, möglichst viel Material aufzunehmen, dass sich später am Schneidetisch (hoffentlich) in eine stimmige Ordnung fügen lässt.

Doch die Aufnahmen geben nicht viel her. „Es war ein Kampf, eine Geschichte zu finden, die funktionierte. Die Band hatte sich weder aufgelöst, noch waren sie von ihrem Label fallen gelassen worden. Niemand war drogensüchtig oder hatte ein Spielproblem“, konstatiert Tom ernüchtert. Der Vollzeitjob des omnipräsenten Dokumentaristen kommt allerdings seiner Aufgabe als Roadie in die Quere, was dazu führt, dass Band und Entourage ihm nach ein paar Wochen genervt den Laufpass geben. Wieder zuhause, macht sich Tom frustriert an die Arbeit, die Unmengen an Material zu sichten und zu strukturieren; ansonsten leckt er seine Wunden. Schmerzhaft lange nagt an ihm das Gefühl, im Schatten des übermächtigen Bruders zu stehen; die Tour wäre die Möglichkeit gewesen, sich selbst ein wenig ins Bild zu rücken.

Hier kommt nun wieder Matt ins Spiel, der sich generös zeigt und den Loser-Bruder bei sich zu Hause einquartiert, um dem Filmprojekt gemeinsam mit seiner Frau, der Literaturkritikerin Carin Besser, auf die Beine zu helfen. So entsteht eine merkwürdige Dialektik, bei der der Erfolgreiche dem Erfolglosen dabei hilft, etwas zu produzieren, was den Erfolgreichen als ziemlichen Langeweiler zeigt, während der Erfolglose lernt, mit welchen Tugenden (Vertrauen, Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Geduld) man heutzutage in der Welt des Indie-Rock Erfolg zu haben scheint.

Dabei kann hier nicht ausgemacht werden, wer das Heft des Handelns in dieser verqueren Erzählung wirklich in der Hand hält. Vielleicht wollten „The National“ auch bloß einen sehr unkonventionellen Tour-Film haben, um ihr etwas mysteriöses Image zu befeuern? Schließlich kommen auch noch die Eltern der beiden ungleichen Brüder ins Bild, die ihrerseits auf eigenwillige Weise „kreativ“ sind. Man beginnt zu ahnen, dass „Mistaken for Strangers“ vielleicht auch ein Horrorfilm sein könnte, über ein bestimmtes Milieu und den dort herrschenden Zwang, kreativ sein zu müssen. Aber vielleicht ist Tom Berninger auch einfach nur gescheitert, und sein Bruder Matt im Besitz eines sehr großen Herzens, das nach Wegen sucht, darüber den Mantels des Schweigens zu breiten.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: filmdienst 14/2014

 

Mistaken for Strangers
USA 2013 - 75 min. - Regie: Tom Berninger - Produktion: Matt Berninger, Carin Besser, Craig Charland - Kamera: Tom Berninger - Schnitt: Tom Berninger, Carin Besser - Musik: Aaron Dessner, Bryce Dessner, The National - Verleih: Neue Visionen - Kinostart (D): 10.07.2014

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays