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Miss Bala

 

 

Gerardo Naranjos "Miss Bala" protokolliert den eskalierenden Passionsweg einer angehenden Schönheitskönigin.

Die Prämisse von "Miss Bala" riecht nach exploitation: Laura, eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen, hat es sich in den Kopf gesetzt, am regionalen Schönheitswettbewerb von Baja California teilzunehmen. Durch reinen Zufall wird Laura mit Haut und Haaren in den Drogenkrieg hineingezogen, der im mexikanischen Grenzland zwischen Kartell und Polizei wütet. Beides, der reine Zufall und die klare Trennlinie zwischen Verbrechen und Gesetz, entpuppen sich als falscher Schein, dem wir nur deshalb aufsitzen, weil uns "Miss Bala" konsequent auf Lauras Erleben der immer tumultuöseren Ereignisse verweist. Erst wenn es längst zu spät ist, begreift sie, wie ihr geschieht - und dass ausnahmslos alle, denen Laura auf ihrem eskalierenden Passionsweg begegnet, in den grenzübergreifenden Drogenhandel verwickelt sind.

Laura ist rank und schön, ob im Kugelhagel oder auf dem Laufsteg. Und sie ist oft nur leicht bekleidet, damit man das auch sehen kann. Trotzdem verweigert "Miss Bala" die Reize, die sich vom Stoff her unbedingt anbieten würden, mit einer Strenge, die nicht so sehr puritanisch als formalistisch begründet ist. Regisseur Gerardo Naranjo und Kameramann Mátyás Erdély haben eine hochartifizielle Form der Subjektivierung geschaffen. Verfahren aus dem Film noir (eine Einstellung setzt als Subjektive ein und wandelt sich, wenn der Träger des Blicks ins Bild tritt, übergangslos zu einer "objektiven" Einstellung) werden mit Perspektivführungen vermählt, die an den aus Computerspielen vertrauten Blick über die Schulter denken lassen - und an die so genannten cut scenes, die, um sich dem Filmischen anzunähern, die perspektivische Bindung zwischen Spieler und Spielfigur zeitweilig suspendieren. Ihrem Namen zum Trotz erzielen cut scenes diese vorübergehende Entbindung des Spielers vom Normalzustand der Interaktivität - sein Passivwerden - nicht anhand abrupter Schnitte, sondern in fließenden Übergängen, deren spezifischer Reiz im momentanen Verwischen der beiden Seinsweisen liegt.

"Miss Bala" ist ein Passionsfilm, ein Film über das Erleiden von Unrecht, der sich dabei aber nicht auf expressive Gesichter oder viszerale Gewaltdarstellungen verlässt. Beide kommen zwar, quasi als Backup, auch vor, werden aber auffällig oft an den Rand des Bildes oder über ihn hinaus gedrängt. Der klassische Melodramen-Topos der leidenden Frau wird wie im Dritten Kino der Sechziger und Siebziger Jahre (in Lino Brockas "Insiang", Ousmane Sembènes "La Noire de..." oder Prinz Chatrichalerm Yukols "Hotel Angel") zur Allegorie des leidenden Volks, mit dem Unterschied, dass Lauras Qualen weniger an unsere Empathie appellieren, als dass wir unmittelbar in den Strudel einer Subjektivität gerissen werden sollen, die unter dem großen Leidensdruck nachgibt und sich nicht mehr ganz selbst gehört.

Dieser Anspruch geht nicht immer auf, aber allein für die Momente, in denen er es doch tut, sollte man "Miss Bala" eine Chance geben. Immer wenn einem der Film auf die Nerven zu gehen droht, weil die Kamera etwas zu smart und kalkuliert ihre grenzüberschreitenden Bahnen zieht, wird man von Momenten großer Schönheit - ein auf keinen Symbolgehalt abhebender, sekundenlanger Schwenk von Lauras Marter auf eine leuchtende Landschaft - wieder versöhnt, zumindest vorübergehend. Im Sprint der letzten halben Stunde, der, alle Subtilitäten hinter sich lassend, geradewegs auf das hässliche Ende zusteuert, scheint der andere, von altbackener Ideologiekritik und Schlaumeierei geplagte Film, der "Miss Bala" leider auch ist, dann doch unabweisbar durch; obsiegt der schlechte Inhalt über die ... nun ja, zumindest ambitionierte Form. Man ahnt es schon am Anfang, wenn Laura beim Vorsprechen für den Schönheitswettbewerb den Satz sagen soll: "Es ist mein größter Wunsch, die Schönheit unseres Landes zu repräsentieren." Wer davon abzusehen vermag (oder sich die Ohren zuhält), wird es dennoch nicht bereuen.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de


Miss Bala
Mexiko 2011 - Regie: Gerardo Naranjo - Darsteller: Stephanie Sigman, Noe Hernandez, James Russo, José Yenque, Irene Azuela, Jose Yenque, Miguel Couturier - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 113 min. - Start: 18.10.2012

 

 

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