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Midnight in Paris

 

 

 

Auch Paris ist vor Ort

 

Nach Paris, zwanziger Jahre, Nostalgie und Boheme geht das Begehren von Woody Allens wie stets starbestückter Fantasie "Midnight in Paris".

Paris, Gegenwart. Ein kalifornisches Paar mit divergierenden Interessen. Der Mann hadert mit seinem Job als Drehbuchautor in Hollywood und schreibt an einem Roman, die Frau geht shoppen. Auch ihre Eltern sind da, der Vater ist ein Tea-Party-Fan. Auch Paris ist vor Ort. Gleich zu Beginn eine Serie von Postkartenbildern, mit denen Woody Allen ausdrücklich sagt, dass es ins Klischee geht und nirgend anderswohin.

Klischee, Gegenwart. Das ganze Allensche Middlebrow-Arsenal ist versammelt. Der Möchtegern-Künstler in einer Welt des Unverstands, die verkörpert wird durch die aus keinen sichtbar werdenden Gründen anverlobte Blondine. Der besserwissende andere Mann, satirisch gezeichnet. Hier heißt er Paul, kennt sich mit allen Dingen der Kunst von Rodin bis Versailles und Picasso hervorragend aus, lässt es die Welt wissen und bekommt vom Drehbuchverfasser jedes Mal einen Stich in den Rücken, der seine belehrende Rede mit lächerlichen Unsicherheitsfloskeln aufs Enervierendste schmückt. Das Antiintellektuelle ist ein bei Allen ja gern mal übersehener Zug.

Owen Wilson ist Gil und gibt den üblichen Allen-Standin auf deutlich unübliche Art. Was daran liegt, dass Wilson, wie so ganz anders auch Allen, kein Schauspieler ist, sondern in jeder Rolle so ziemlich derselbe. Immer ein wenig in Verzug im Verstehen der Welt. Verletzlich. Sprechend in gaumig-herauskauendem Singsang. (Er gehört zu den Schauspielern, die man gar nicht synchronisieren kann. Wie er spricht, ist so zentral für das, was er darstellt.) Ein Westküsten-Timelag. Dieser Amerikaner nun also in Paris. Sein unfertiger Roman handelt von einem Nostalgie-Shop. Paris selbst wiederum sieht er mit den sehr nostalgischen Augen dann doch eher eines Ostküsten-Amerikaners. Das Goldene Zeitalter, die zwanziger Jahre, Pablo Picasso und Man Ray und Gertrude Stein und Ernest Hemingway und so fort.

Schlag zwölf geht dann unversehens die Tür auf. Ein Wagen rauscht heran und bringt den Westküstenmann ins Land seiner Träume. Das Goldene Zeitalter, die zwanziger Jahre, Pablo Picasso und Man Ray und Gertrude Stein und Ernest Hemingway und so fort. Ohne viel Drumrum öffnet Woody Allen dieses Portal in Richtung Kostümfilm und führt in den Kostümfilm seinen, naja, Gegenwartsmenschen hinein. Der staunt den einen oder anderen Bauklotz und wir staunen, wenn's nach der Regie geht, Bauklötze mit. Interessantes passiert eigentlich nicht. Ein bisschen Liebe mit Marion Cotillard. Die Goldenes-Zeitalter-Amerikaner sind rundheraus so, wie man sich das ungefähr vorstellt. Immerzu werden sie dem geneigten Betrachter auf Silbertabletten serviert und Gil mischt bald munter mit. Seine nicht enden wollende, aber nach einer Extratour durch die Belle Epoque doch endend müssende kindliche Freude ist eine Weile ganz reizend, dann ermüdet sie doch. Zum Glück hat das Drehbuch rechtzeitig eine passende Happyendsperson (Nostalgieshopverkäuferin und Cole-Porter-Liebhaberin) als Alternative zur epochenmäßig nicht passenden Adriana und zur shoppingverrückten Inez eingebaut.

Der Film als Ganzes ist, wohin man auch blickt, bei aller Sanftheit reaktionär. Übrigens auch nicht sonderlich komisch, Allen spielt das mit nur gelegentlich eingerückten Pointen in aller Langweiligkeit ziemlich straight. Wolf Lepenies, der "Midnight in Paris" aus schwer erfindlichen Gründen für beinahe ein Meisterwerk hält, vergleicht ihn mit der Kugelmass-Geschichte des viel jüngeren Woody Allen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Beim frühen Allen hat jeder einzelne Satz eine absurde Pointe. Hier trabt nur sehr gelegentlich ein Rhinozeros von Salvadore Dali vorbei. Das bisschen Nostalgie-Metadiskurs, das Allen gelegentlich draufschraubt, sieht draufgeschraubt aus. In Wahrheit ist "Midnight in Paris" ein reines Nostalgiestück, ein recht lahmes dazu. Ein Regisseur, der sich schon lang nicht mehr für die Gegenwart interessiert - und ja sowieso immer nur an sehr speziellen Ausschnitten aus ihr interessiert war -, gibt hier den Restverstand dran und träumt sich in eine Vergangenheit, an der auch nichts stimmt, auf und davon.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Midnight in Paris
OT: Midnight in Paris
USA/Spanien 2011 - 94 min.
Regie: Woody Allen - Drehbuch: Woody Allen - Produktion: Letty Aronson, Jaume Roures, Stephen Tenenbaum - Kamera: Darius Khondji - Schnitt: Alisa Lepselter - Verleih: Concorde - Besetzung: Owen Wilson, Rachel McAdams, Kathy Bates, Adrien Brody, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Michael Sheen, Nina Arianda, Kurt Fuller, Carla Bruni
Kinostart (D): 18.08.2011

 

 

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