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Merida - Legende der Highlands

 

 

Ein dreifacher Wirbelwind

Im Animationsfilm "Merida - Legende der Highlands" von Brenda Chapman und Mark Andrews sieht nicht nur der rote Haarschopf der Hauptfigur atemberaubend gut aus.

Da hat (mindestens) ein CGI-Künstler sein Meisterwerk geschaffen: Der rote Haarschopf von Prinzessin Merida, der Hauptfigur des neuen Pixar-Animationsfilms "Merida - Legende der Highlands", ist eine wahre Augenweide. Hunderte knallrote, gelockte Stähnen, eine widerborstiger als die nächste, legen sich um das freche, jugendliche Gesicht und fügen sich zu einer voluminösen, kaum zu bändigenden Mähne, die in ständiger Transformation begriffen ist, von jeder Bewegung durchschüttelt, vom Wind durchwühlt wird.

Das rote Haarwunder ist nur eine unter zahllosen visuellen Attraktionen, die der Film bereit hält. "Merida" sieht selbst für Pixar-Verhältnisse atemberaubend gut aus, von den vielseitigen Naturpanoramen bis zu den kleinsten Details in der Einrichtung des mittelalterlichen Schlosses (angesiedelt ist der Film in Schottland, sieht man "Merida" in der Originalfassung, kann man auch den entsprechenden Akzent bewundern), in dem weite Teile des Films spielen; auch die Integration menschlicher Protagonisten in die animierte Umgebung funktioniert in diesem Fall problemlos, das Figurendesign trifft das richtige Maß an Verfremdung und stürzt nicht ab ins uncanny valley. Die schönsten Szenen sind wilde Erkundungsfahrten, die die Welt des Films jenseits aller narrativen Notwendigkeiten erschließen, meist entlang der Streiche, die Meridas drei kleine, gleichfalls rothaarige Brüder ihren Mitmenschen spielen: ein dreifacher Wirbelwind, dem auf die Dauer nichts standhält und der den digitalen Texturen ihren Hang zum Ornamentalen austreibt, ihnen eine sympathische Instabilität hinzufügt.

Hält man sich an die Handlung, dann sind Meridas wilde und doch exakt am Computer berechnete Haare eine Metapher für die Unbeugsamkeit Meridas, eine Metapher, die ihrerseits gelegentlich etwas zu exakt berechnet erscheint. Es geht um das Aufbegehren der Tochter gegen die Tradition, die eher von der liebenden, aber strengen Mutter, als vom tölpelhaften, überdimensionierten Vater verkörpert wird. Merida soll der Staatsräson gemäß verheiratet werden, doch die drei Kandidaten machen nicht gerade Werbung für das Konzept der vermittelten Ehe. Der Ausbruchsversuch Meridas geht allerdings gründlich daneben und mündet in ausführlichem Mutter-Tochter-bonding. Letzten Endes geht es um die Art von reformistischer Emanzipation, die nicht von der Familie weg, sondern wieder zu ihr zurück führt; die sich deshalb aber noch lange nicht selbst durchstreicht. Meridas Verlangen danach, Herrin übers eigene Schicksal zu werden, ist ein weitaus ehrenwerteres als das Verlangen nach Selbstunterwerfung unter einen kulturindustriell vermittelten Spieltrieb in den "Toy Story"-Filmen.

Merida ist, darauf wird seit der ersten Ankündigung des Films immer wieder hingewiesen, und das macht in der Tat einen nicht geringen Teil seines nicht geringen Reizes aus, die erste weibliche Hauptfigur einer abendfüllenden Pixar-Produktion. Und lange sah es so aus, als würde "Merida" gleichzeitig der erste von einer Frau inszenierte Pixar-Film werden. Im Lauf der Produktion kam es zum Streit zwischen der Regisseurin Brenda Chapman und den Studiobossen, Mark Andrews übernahm das Projekt, im fertigen Film teilen sich die beiden den director's credit. Vielleicht hat es mit derartigen Schwierigkeiten in der Produktion zu tun, dass sich "Merida" bei aller Schönheit im Detail im großen Ganzen nicht immer ganz rund anfühlt.

Genauer gesagt hat man manchmal das Gefühl, dass in diesem schönen Animationsfilm ein noch viel schönerer versteckt liegt, der keinen Platz bekommen hat, sich zu entfalten. Es gibt Andeutungen, in welche Richtungen sich die prinzipiell äußerst interessante Welt der mittelalterlichen schottischen Highlands entfalten könnte: in Richtung einer mythischen Vergangenheit zum Beispiel, in der das Menschliche und das Tierische noch wie selbstverständlich nebeneinander existierten (in der Gegenwart wird genau das zum Problem). Oder in Richtung anderer Fürstenhäuser; oder in die Natur hinein, in den Zauberwald, der das Schloss umschließt und Geheimnisse verbirgt, an die sich der Film nicht so recht heranzutrauen scheint. Statt dessen macht sich "Merida" am Ende doch wieder ein wenig zu sehr mit der tumben Weltsicht des Schlossherrn, des Vaters, gemein: mit zunehmender Laufzeit häufen sich die Verfolgungsjagden, und wenn das größte verfügbare Ungetüm besiegt ist, wird schon alles irgendwie seine Richtigkeit haben.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Merida - Legende der Highlands
USA 2012 - Originaltitel: Brave - Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman - Dt. Sprecher: Nora Tschirner, Monica Bielenstein, Bernd Rumpf, Tilo Schmitz, Marianne Groß - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 94 min. - Start: 2.8.20122

 

 

 

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