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Men in Black 3

 

 

 

Schwarzer Zwirn, weiße Perücke, suspekte Haut

"MiB", wie die Logoökonomie - oder Logologik - ihn nennt, spielte 1997 als satirischer SciFi-Action-Blockbuster mit mehrschichtigen Übersteigerungen und Sinnwucherungen (bis zur Bedeutungsentleerung) des Konzepts illegal alien, wie sie in Migrationsgesellschaften sowie angesichts neuer Rassismen und der Normwerdung subkultureller Lifestyles zunehmend hervortraten. Der auffallend kurze "MiB2" spielte vor zehn Jahren mit Maßstäben (Zwergenstadt im Bahnhofsschließfach), bespielte die damals schon steigende Prominenz einer Nerdkultur, die damals noch mit Videokassetten bewaffnet und politisch unverteten war, und zwang uns einen singenden Hund auf. "MiB3" lässt dankenswerter Weise wortwitzige Vierbeiner weg und sich und uns mehr Zeit - so viel sogar, dass eine Zeitreise zwecks Rückkehr zur historischen Herkunft in der Gründerzeit des technobürokratischen Alienbeaufsichtigungswesens drin ist.

"Men in Black 3" ist ein Prequel. Der Schurke, ein etwas öder Zottelbold namens Boris, the Animal mit allerdings schön skurrilem Loch voller Partialwurmwesen in seiner Handfläche, fordert zu Beginn programmatisch "Let's change history!"; das soll nun per Aufrechterhaltung des Zeit-, zumal Biografiekontinuums verhindert werden. Also werden franchisetypische Slapstickentblätterungen von kosmischen Aliens, die in der Haut ethnischer Aliens stecken, hier eher pflichtübungshaft absolviert (etwa per Boxkampf mit Riesenspeisefisch im Chinarestaurant). Ist das erledigt, lassen sich alle Dimensionensprünge voll ausspielen: nicht nur vom flächigen Filmbild zum gestaffelt-geschichteten in 3D, das sich hier recht hübsch macht, sondern eben auch vom Handlungs- und Zonierungsraum (mit seinen Bereichen gesicherter Fremdheit) zur Zeit, deren Vergangenheitsschichten hier primär abgesucht sein wollen. Mit einem leap of faith springt der immer noch burschikose Will Smith vom Chrysler Building und damit aus einem irrwitzig verdichteten Doomsday-Invasions-Szenario heraus zurück zum Vortag des ersten Raketenstarts zum Mond, um seinem damals gewissermaßen noch jungen Kollegen beizustehen.

Es ist 1969, also setzt es Hippieklamauk, Action mit Bikes (die selbst ganz, nun ja: immersiver Zyklus sind), ein Outing von Andy Warhol (Bill Hader) als MiB-Agent, den das Flöten vielsinniger Floskeln als Teil seiner Tarnidentität so sehr nervt wie seine Weißhaarperücke und sein Hofstaat in der Factory. Hinzu kommt ein an den Nowhere Man aus "Yellow Submarine" erinnernder pummeliger Kauz, der fröhlich possible futures ausposaunt. (Die Möglichkeit, dass dunkelhäutige Menschen - nicht nur - in den USA auch in Zukunft ungefähr so schamlos sicherheitsrassistisch misshandelt werden, wie es Smith als Sixtiestourist einen Polizistensketch lang kopfschüttelnd erfahren muss, sieht er nicht. Dafür brilliert er in Baseballmeisterschaftsprognosen - sowas ist ja zumindest ein verlässlicher Epochenmarker.)

Ein drittes Mal melkt Barry Sonnenfelds Regie nun mit dem Charme der Routine die Konfrontationskomik zwischen Dauerredner und Lakoniker in schwarzem Zwirn und mit Sonnenbrille. (Letztere kommt merchandisetechnisch fast zu spät: Sämtliche Zielgruppen scheinen schon seit dem Vorjahr mit ähnlichen Ray-Bans ausgestattet zu sein.) Die ältere Hälfte des in der Zeit verdoppelten weißen Agenten gibt Tommy Lee Jones; Josh Brolin spielt sein 43 Jahre jüngeres und circa fünfzehn Jahre jünger aussehendes Selbst. Das comicbasierte Skript (u.a. von Etan Cohen und David Koepp) endet in ödipaler Selbsterkenntnissentimentalität mit einem Hauch von "La jetée"; naja, zumindest gibt es einen sozusagen immer schon undeutlich erinnerten gewaltsamen Tod am Rand eines Flughafenkomplexes. Am Rand spielen auch Frauen mit (Nicole Scherzinger, Alice Eve, Emma Thompson). Mehr sei nicht verraten, denn immerhin brauchen wir diesen Film so dringend wie das demnächst anstehende retrokulturelle Spätneunzigerrevival, also eh auch irgendwie.

Benotung des Films: 4/10

Drehli Robnik

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Men in Black 3
USA 2012 - 105 min.
Regie: Barry Sonnenfeld - Drehbuch: Etan Cohen, David Koepp, Jeff Nathanson, Michael Soccio - Produktion: Laurie MacDonald, Walter F. Parkes - Kamera: Bill Pope - Schnitt: Wayne Wahrman, Don Zimmerman - Musik: Danny Elfman - Verleih: Sony - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Will Smith, Tommy Lee Jones, Josh Brolin, Rip Torn, Emma Thompson, Alice Eve, Nicole Scherzinger, Jemaine Clement, Bill Hader, Keone Young
Kinostart (D): 24.05.2012

 

 

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