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Melancholia

 

 

Reine Kinowesen

Lars von Triers "Melancholia" zerstört ein weiteres Mal die Welt und das Kino. Immerhin stehen dem Dänen dafür diesmal hollywoodtaugliche Spezialeffekte zur Verfügung.

Kirsten Dunst schlägt die Augen auf, in der weichgezeichneten Großaufnahme sieht das aus wie eine Geburt. Hinter ihr stürzen Vögel vom Himmel. Dann eine Aufnahme des Parks vor der Villa, in der der gesamte Film spielt: eine kahle Wiese, gesäumt von zwei Reihen niedriger Bäume, im Vordergrund eine Sonnenuhr, das Bild scheint, wie viele andere in diesen ersten Minuten, rein digital berechnet zu sein und wirkt nicht nur deshalb sonderbar abstrakt, ohne Anker in der Welt. Uhr und Bäume werfen, das ist eine weitere Irritation, die sich dann aber schnell aufklärt, ihre Schatten in zwei unterschiedliche Richtungen. Kirsten Dunst schwebt im Hochzeitskleid in Zeitlupe über den Rasen. Und dann schieben sich Himmelskörper über-, schließlich ineinander, dazu die ganze Zeit auf der Tonspur die Ouvertüre von Wagners "Tristan und Isolde". - Wie der Vorgänger "Antichrist" beginnt "Melancholia" mit einem hoch artifiziellen, extrem stilisierten Prolog, der bereits den gesamten Film in sich zu enthalten scheint und in mancher Hinsicht alles, was nach ihm kommt, als bloßen Nachhall, vielleicht als Verkomplizierung, vielleicht auch nur als Beschmutzung dieser perfekten, allzu perfekten ersten Bilder kennzeichnet.

Angenehm low-key ist dann der hingekritzelte Titelschriftzug "Lars von Trier Melancholia" und auch die nächste Szene, in der Kirsten Dunst im Hochzeitskleid in einer endlosen weißen Limousine auf einem kurvigen, viel zu engen Feldweg stecken bleibt, scheint darauf angelegt, den Film zu "erden". Die erste Filmhälfte heißt nach Dunsts Rolle "Justine" und spielt auf deren Hochzeitsfeier. Die Braut ist depressiv und schließt sich in ihrem Zimmer ein, alles gute Zureden ist vergebens, Eklat folgt auf Eklat. Diese Sequenzen führen zurück zu den frühen Dogma-Filmen, insbesondere zu Thomas Vinterbergs "Festen": Eine großbürgerliche Familienzusammenkunft, gehässige Festreden, bösartige Verwandtschaft (insbesondere eine Mutter aus der Hölle), Nervenzusammenbrüche, der Abgrund hinter der Fassade. Alexander Skarsgard gibt den nichtssagenden, leicht ersetzbaren Bräutigam, Charlotte Gainsbourgh die besorgte Schwester Claire, Kiefer Sutherland deren vernunftsgesteuerten, moderierenden Ehemann, Udo Kier einen in seiner Ehre gekränkten Hochzeitsplaner.

Spätestens wenn eine Gruppe todernst dreinblickender alter Männer Claire darüber aufklärt, wie viele Bohnen sich in einer Vase befinden, die als Partyspaß im Eingangsbereich aufgestellt ist, dürfte man erkennen, dass von Trier mit dieser Hochzeitsfeier nicht in erster Linie ein soziales Milieu lächerlich machen möchte, sondern eher eine bestimmte Art, Filme zu machen. Eine, die noch daran glaubt, dass man individuelle und soziale Pathologien kommunikativ aufarbeiten und kurieren kann. Schon in der ersten Hälfte bricht der angestrengt anmutende psychologische Realismus wiederholt auf. Draußen, vor der Villa, im sonderbaren Park, lauert ein anderer Film; kaum tritt Justine vor die Tür, um auf den Rasen zu urinieren, schleichen sich die Wagner-Klänge an.

Was hat es nun mit Justines Depression auf sich? Der skandalträchtige Vorgänger "Antichrist" war, Lars von Triers eigener Aussage und auch einigen Kritiken zufolge, Ergebnis und vielleicht auch eine Art Überwindung einer depressiven Episode des Regisseurs. Den Nachfolger würde nun also die Krankheit in den filmischen Text verschieben. Ich glaube nicht so recht daran, dass man "Melancholia" (oder auch "Antichrist") auf dieser Ebene zu fassen bekommt. Nicht nur, weil es allgemein fragwürdig erscheint, Filme als Symptome oder auch nur als Repräsentationen pathologischer psychischer Zustände aufzufassen. Sondern auch, weil da versucht zu werden scheint, dem postmodernen europäischen Autorenfilm wieder das zu injizieren, was ihm in den letzten drei Jahrzehnten gründlich abhanden gekommen ist, dass Referenzialität, Weltbezug und ein Programm vermutet werden, wo Zitat, Selbstbezug und Stil längst gesiegt haben.

Natürlich kann man sich fragen, was Lars von Trier, dem Boss of it All des spätironischen Arthauskinos, überhaupt noch für Optionen bleiben, wenn selbst seine eigene (Mit-)Erfindung Dogma nur noch als schlechter Witz taugt. Schlimmstenfalls scheint daraus so etwas zu resultieren wie sein Flirt mit dem Antisemitismus auf der unsäglichen Cannes-Pressekonferenz nach der Weltpremiere. Und im besten Fall so etwas wie die zweite Hälfte von "Melancholia": nicht unbedingt wahnsinnig relevant anmutendes, aber immerhin wunderschönes Starkino der Attraktionen, keine Menschen mit Handlungsmacht mehr, sondern nur noch die Wucht des Himmlischen und ihr Abdruck im Irdischen; mit Spezialeffekten, die sich hinter Hollywood nicht zu verstecken brauchen.

"A Red Star Is Missing from Scorpio". So beginnt dieser zweite Abschnitt. "Claire" ist er betitelt, nach Justines Schwester. Der Stern, der aus dem Sternbild des Skorpion verschwunden ist, trägt den Namen des Films und schickt sich an, mit der Erde zu kollidieren. Schon aus dem Prolog weiß man, dass er am Ende ernst machen wird. In und noch öfter vor der absurden Villa, die aus der Geschichte, wenn nicht aus der Welt gefallen zu sein scheint - am ehesten noch ist sie Relikt einer feudalen Vergangenheit, zum nächsten Dorf gelangt man auf dem Pferderücken - warten dann vier mit sich einsame Gestalten, ein Kind und die drei internationalen Filmstars Dunst, Gainsborough und Sutherland auf das Ende der Welt. Die panische, hyperventilierende Claire, auf die der Film zunehmend fokussiert, die immer außerweltlicher anmutende Justine (ein Moment von supreme cheesiness: die nackte Kirsten Dunst räkelt sich im Licht der Melancholie), der hilflose John, dessen Schutzmechanismen einer nach dem anderen kollabieren, während er mit eigentümlich veraltetem wissenschaftlichen Gerät hantiert: Drei reine Kinowesen, ganz aufs Absolute bezogen und damit als Fetischkörper den genießenden Blicken freigestellt, die Welt, das Konkrete ist weit weg (irgendwo versteckt im Internet, vielleicht, gelegentlich wird ein bisschen gegooglet). Am Ende eine lange, laute Klimax, die Welt und das Kino sind ein weiteres Mal zerstört. Business as usual.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Melancholia
OT: Melancholia
Dänemark/Schweden/Frankreich/Deutschland 2011 - 136 min.
Regie: Lars von Trier - Drehbuch: Lars von Trier - Produktion: Meta Louise Foldager, Louise Vesth - Kamera: Manuel Alberto Claro - Schnitt: Manuel Alberto Claro - Verleih: Concorde - Besetzung: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, John Hurt, Charlotte Rampling, Alexander Skarsgård
Kinostart (D): 06.10.2011

 

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