zur startseite

zum archiv

zu den essays

Mein Praktikum in Kanada

 

 


Vielleicht bezeichnet die Diskrepanz zwischen dem Originaltitel und dem deutschsprachigen Verleihtitel schon die Crux des neuen Films von Philippe Falardeau („
Monsieur Lazhar“, (fd 41 020)). Aus „Guibord s’en va-t-en guerre“ wurde ein prosaisches „Mein Praktikum in Kanada“, was allerdings auch eine erhebliche Verschiebung der Erzählperspektive impliziert. Dass das durchaus problemlos möglich ist, impliziert auch, dass der Film selbst nicht so recht gewusst zu haben scheint, was er eigentlich erzählen will.

Halten wir uns zunächst ans Original! In Kanada ist der ehemalige Eishockey-Profi Steve Guibord eine lebende Legende, ein Nationalheld, hat er doch einst ein entscheidendes Tor erzielt. Seine ausgeprägte Flugangst brachte ihn allerdings um die Karriere, die seinem Talent entsprochen hätte. Als Alternative wählte er die Politik und wurde unabhängiger Parlamentsabgeordneter für den riesigen, aber bedeutungslosen Bezirk Prescott-Makadewa-Rapides-aux Outardes, wo man in der Regel eine ruhige Kugel schieben kann. Hier mal eine feierliche Eröffnung, da mal ein Treffen mit Landfrauen, manchmal etwas Ärger mit politisch organisierten Indigenen oder Truckern. Routiniert mogelt sich Guibord so durch und vermeidet es nach Möglichkeit, irgendetwas zu tun, womit er anecken könnte: Das Abseits als sicherer Ort für einen Mann ohne jegliche politische Ambition.

Eigentlich Pech für Souverain Pascal, einen jungen Studenten der Politischen Wissenschaften aus Haiti, der sich um ein Praktikum in Kanada bemüht hat und nun ausgerechnet bei Steve Guibord landet. Souverain Pascal ist ehrgeizig, belesen und kennt die Klassiker der politischen Theorie wie Montesquieu und Rousseau aus dem Effeff. Im Gegensatz zu Guibord, dem derlei Reflexion herzlich egal ist. Schwung kommt in diese Konstellation, als ein Kriegseinsatz Kanadas auf die politische Agenda rückt. Wie es der Zufall will, fällt eine Abgeordnete der Regierungspartei aus pikanten Gründen aus, weshalb Guibord plötzlich das Zünglein an der Waage ist. Herrje, denn damit rückt der Hinterbänkler unvermittelt in eine größere Öffentlichkeit und ist gezwungen, Farbe zu bekennen. Dumm nur, dass in dieser Frage auch ein Riss durch die eigene Familie geht, denn die Tochter outet sich als Pazifistin.

Bevor Guibords wohl geordnete Welt nun vollends aus dem Gleichgewicht gerät, hilft ihm Souverain mit einem ganz alten Konzept aus der Patsche. Stichwort: direkte Demokratie. Wenn der Repräsentant schon keine Meinung hat, vielleicht dann ja sein Volk. Vielleicht erst einmal ein Meinungsaustausch? Während Souverain als ewig lächelnder Spin Doctor die Fäden zieht, wachsen die Begehrlichkeiten der diversen Interessensgruppen: der Friedensaktivisten, der indigenen Algonkin, der Truckdriver, der eigenen Familie und nicht zuletzt des Premierministers, der sogar mit einem Ministerposten winkt. Steve Guibord, der sich so lange und so gerne aus allem heraushielt, wird plötzlich zur Polit-Prominenz. Was theoretisch zu einer Lektion in Sachen Demokratie werden könnte, verläppert sich in der Folge allerdings in einer Gemengelage aus platten Witzchen, unübersichtlichen Nebenhandlungen und einer Art Road Movie ohne Auto.

Was der Film hier verschenkt, versucht er andererseits dadurch präsent zu halten, dass Souverain via Skype seine Landsleute in Haiti an den Erfahrungen, die er in seinem Praktikum sammelt, live teilhaben lässt. Die Schwundform eines demokratisch legitimierten Lobbyismus in der ersten Welt trifft auf ein demokratiehungriges und diktaturerfahrenes Publikum in der dritten Welt, dass das Geschehen im Norden als Chor kommentiert. Aber auch aus dieser sehr clever etablierten Feedback-Schleife schlägt der Film, der immer zu viel will und zu wenig einlöst, wenig Mehrwert. Letztlich wählt Falardeau, wo er die Wahl zwischen Verbindlichkeit und Witzchen hat, stets das Falsche. In der daraus resultierenden, immer etwas frustrierenden Konturlosigkeit ähnelt „Mein Praktikum in Kanada“ seinem Protagonisten. Leider.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: FILMDIENST 11/2016

 

 

 


Mein Praktikum in Kanada
GUIBORD S'EN VA-T-EN GUERRE - Kanada 2015 - Produktionsfirma: micro_scope - Regie: Philippe Falardeau - Produktion: Luc Déry, Kim McCraw - Buch - Philippe Falardeau - Kamera: Ronald Plante - Musik: Martin Léon - Schnitt: Richard Comeau - Darsteller: Patrick Huard (Steve Guibord), Suzanne Clément (Suzanne), Irdens Exantus (Souverain Pascal), Clémence Dufresne-Deslières (Lune), Sonia Cordeau (Stéphanie Caron-Lavallée), Paul Doucet (Premierminister), Jules Philip (Bürgermeister von Rapides-aux-Outardes), Robin Aubert (Rodrigue), Micheline Lanctôt (Bürgermeisterin von Chute-à-Philémon), Ellen David (Allison) - Start(D): 26.05.2016 - 108 Min. - Verleih: Arsenal

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays