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Mein halbes Leben

 

 

 

Der Country des BWLers

 

Alles andere als souverän ist Marko Doringer, der im Dokumentarfilm "Mein halbes Leben" nüchtern und nicht ohne Ironie Bilanz des Erreichten zieht, bei sich und bei Freunden.

 

Und noch so ein Melancholiker. Marko Doringer heißt er, aus Österreich kommt er, in Berlin lebt er, Filmemacher ist er - oder will er jedenfalls sein - und nun wird er dreißig. Er zieht Bilanz, dafür sind solche Schwellen wohl da, und die Bilanz fällt schlicht und ergreifend vernichtend aus. Aus dem Off spricht er zu uns. Ich habe, sagt er, in meinem Leben nichts erreicht. Studium abgebrochen, sich durchgeschlagen, als Regisseur nicht reüssiert. Das halbe Leben vorbei, nichts vorzuzeigen, der erste Backenzahn eben gezogen, der Freund des Vaters rät ihm wohlmeinend zur Umschulung in Richtung Pflegeberuf. Voila, die Melancholie des weißen Mannes, mitten unter uns, wenn auch nicht ohne Selbstironie. "Mein halbes Leben" ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2008.

 

Zwischenbilanz mit Folgen. Doringer schnallt sich die Kamera auf den Kopf und trägt sie und damit unseren Blick mit sich rum. Es beginnt eine Expedition in den Alltag, den eigenen auch, vor allem den aber der anderen. Er sucht nämlich Freunde auf, solche, zu denen er Kontakt gehalten hat, andere, zu denen er sich irgendwann verlor. Da ist Martin, Redakteur einer Sportzeitschrift, recht erfolgreich eigentlich, aber auch er unzufrieden mit seinem Leben. Der Sport interessiert ihn nicht mehr, Schriftsteller will er werden, drum steigt er erst einmal aus. Auch nach Südafrika folgt ihm Doringer, unser Mann mit der Kamera auf dem Kopf.

 

Da ist Thomas, der BWL studiert hat. Er hat einen Job bei einer bulgarischen Firma, ist selten zuhause bei Frau und Kind, und in Sofia verhandelt er nur und geht mit den Kollegen was trinken, für anderes bleibt unter der Woche keine Zeit. Glücklich ist er nicht, die Heavy-Metal-Band "Shapeless", deren Sänger er war, hat er aufgegeben. Der Sinn des Lebens, behauptet er, fast eher trotzig als voll und ganz überzeugt, ist die Familie. Dafür tut er das, arbeitet hart, schimpft über den bulgarischen Hang zur Bürokratie. An den alten Rollenzuschreibungen - Mann arbeitet, Frau bleibt mit Kind zu Haus - hält er fest, durchaus freundlich. Schließlich ist er alles andre als ein Macho, denn, come on, wer nennt denn eine Heavy-Metal-Band "Shapeless". Ein nicht mehr ganz Junger, nie wirklich Wilder, ein etwas läppischer Konservativer mit schlechtem Gewissen. Vielleicht ist Heavy Metal der Country des BWLers.

 

Da ist Katha, sie will ein Kind, auch von Ingo, der schläfrig ist, wo sie wach ist, aber doch noch nicht jetzt. Sie hat erste Erfolge als Mode-Designerin, sie fertigt in kleiner Stückzahl, Unikate, die Sachen, die man so sieht, sehen ziemlich klasse aus. Kann man sich auch auf ihrer Website km/a (http://www.kmamode.com/) ansehen. Das Schöne - und Unheimliche - an Dokumentarfilmen ist: Man kann die Leute googeln, kann vielleicht sogar sehen, wie es weiterging mit ihrem Leben. Oder mindestens: Man findet sie wieder, man staunt auch ein wenig, dass es sie wirklich gibt. Irgendwie geht ein Riss durch diese Person, die an einer anderen Schwelle zu stehen scheint, der zum Erfolg. Der Riss ist: Auch sie zweifelt, kämpft mit Impulsen, die sie mal hier-, mal dorthin zu drängen scheinen. Man wundert sich nicht, dass sie dann schwanger ist, gegen ihren Willen. Aber natürlich sind das so Ferndiagnosen, die die doch auch falsche Nähe hervorbringt, die ein Film wie "Mein halbes Leben" erzeugt. Ein bisschen "Big Brother" ist das durchaus. (Aber als tolles, spannendes Format.)

 

Eine Ex-Freundin gibt es noch und die Eltern. Letztere sind der Horror, der Vater überprotektiv und überfordernd und absicherungsfanatisch und dabei zugleich brutal das Selbstbewusstsein des Sohnes zersetzend. So stellt sich das dar. Es ist kein freundliches Porträt, aber man denkt, das hat der Vater nicht anders verdient. Dagegen, solche Urteile zu fällen, kann man sich kaum wehren. Dafür geht der Film einfach zu nah ran. Dafür fragt er zu direkt und zu persönlich die Porträtierten nach intimen Dingen. "Mein halbes Leben" macht da keine halben Sachen. Es geht sehr grundsätzlich darum, was einer und eine vom Leben erwartet. Darum, was einer, was eine tut, um das Erwartete auch zu erreichen. Darum, was gelingt und ob man zufrieden ist mit dem, was gelingt. Und eigentlich weichen Martin und Katha und Thomas und als der, der sich in ihnen spiegelt, auch Marko den Fragen nicht aus. Es sind Fragen, die sich alle Beteiligten - und oft, scheint's - selbst stellen. Sie gleichen sehr nüchtern das Erreichte mit dem Erhofften ab. Manche ändern ihr Leben, andere zögern und Thomas rechnet sich das Ergebnis vielleicht schön.

 

Einerseits ist natürlich klar, dass einer wie Marko Doringer eher offene, brüchige Menschen wie diese zu Freunden hatte und hat. Andererseits will einem das dennoch als Porträt eines Lebensgefühls vorkommen, dessen Zeit und dessen Ort spürbar unsere Gegenwart ist. Es scheint mir nicht falsch, zu sagen, dass diese Personen bei aller - und gerade angesichts ihrer fast schon übersteigerten - Individualität auch typisch sind für einen gar nicht so geringen Teil der Generation, der sie angehören. Und weil die Fragen, die sich stellen, so grundsätzlich sind; weil der Film so nüchtern, fast ein wenig schonungslos ist, bleiben die Momente natürlich nicht aus, in denen man auf die Leinwand blickt und der da hadert und zweifelt und Bilanz zieht, ist, als wäre sie ein Spiegel, man selbst.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 7.10.2009 in: www.perlentaucher.de

Mein halbes Leben

Österreich / Deutschland 2008 - Regie: Marko Doringer Mitwirkende: Marko Doringer, Katha Harrer, Martin Obermayr, Thomas Berger - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 93 min. - Start: 8.10.2009

 

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