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Meine
liebste Jahreszeit
Lebensläufe
André
Téchinés Film „Meine liebste Jahreszeit
Eine
Mutter (Marthe Villalonga) verlässt nach einem Sturz ihr Haus auf dem Land,
um bei der Familie ihrer Tochter zu leben. Im Winter wird sie wieder zurückkehren
und im Sommer erneut fallen. Schließlich verliert sie sich und ihr Leben
in der Anonymität eines Altersheims. Zu diesem Zeitpunkt ist die Familie
der Tochter zerbrochen: Emilie (Catherine Deneuve) wohnt jetzt im Hotel, obwohl
ihr alleinstehender Bruder Antoine (Daniel Auteuil), der Mobilität und
Veränderung gleichermaßen verkörpert und ausdrückt, sie
dazu zu überreden versucht hat, gemeinsam mit ihm ein Landhaus zu beziehen.
Emilies Tochter Anne (Chiara Mastroianni) lernt in dieser Zeit das Erwachsenwerden
als Verlust von Schutz und Geborgenheit kennen: Indem sie die Lebenslüge
ihrer Eltern entdeckt, verliert sie ihren gewohnten Halt; durch die scheinbar
festgefügte Ordnung geht ein Riss, der sie zur Selbständigkeit zwingt.
In
André Téchinés 1993 entstandenem Film „Meine liebste Jahreszeit“
(Ma
saison préférée)
führen die Bewegungen zwischen den Menschen in die Vereinzelung und Auflösung
der Beziehungen. Mobilität als Signum der modernen Lebenswelt verbindet
hier nicht, sondern trennt und stempelt so jeden Aufbruch zur zweifelhaften
Bewegung, die all das zurücklässt, was Orientierung verspricht: die
ländliche Heimat und die mit ihr assoziierte Kindheit, die Eltern und die
Sommer in der Natur. Dagegen werden das Leben in der Stadt, der soziale Aufstieg
und das Streben nach Unabhängigkeit zu Merkmalen der Unbehaustheit und
Entfremdung.
Téchinés
Film übersetzt diese ambivalenten Spannungen in seine Form. In vier Kapitel
eingeteilt, die mit Bezug auf den Titel jeweils den vier Jahreszeiten zugeordnet
sind, werden Dynamik und Beharrungsvermögen, der Kreislauf der Naturordnung
und die Fragmentierung der Lebensverhältnisse, Tradition und Moderne einander
kontrastiert, wobei die Kapitelüberschriften die scheinbare Linearität
des Voran- und Fortschreitens in ein komplexes Bezugssystem und Beziehungsgeflecht
zu den mehr organischen Begriffen von Werden und Vergehen setzen. So sind diese
Zwischentitel nicht nur doppeldeutig, sondern sowohl auf die Geschichten der
Protagonisten und ihre Konstellationen zueinander als auch auf den Verlauf der
Filmerzählung als Geschichte mit einer bestimmten Struktur mehrfach beziehbar.
Sie lauten: „Die Abreise“, „Der Fauxpas“, „Der nächste Schritt“ und „Die
Rückkehr“. Und zugeordnet ist ihnen Herbst, Winter, Sommer und Frühling.
Damit strukturieren die Jahreszeiten die Ironie der Bewegung und erzeugen so
jene Ordnung, in der sich die Figuren definieren und verlieren.
Nach
der Beerdigung der Großmutter fragt Anne die versammelten Trauergäste
nach ihrer liebsten Jahreszeit. Während Emilies Mann Bruno (Jean-Pierre
Bouvier) den Herbst als Zeit eines für sein Leben mehrfachen Aufbruchs
nennt und der etwas einseitig auf seinen Geschlechtstrieb reduzierte Lucien
(Anthony Prada), das Adoptivkind des Ehepaars, den Frühling wegen der spärlicher
werdenden, die Figur betonenden Kleidung der Frauen favorisiert, hängen
die Erinnerungen des Geschwisterpaars am Sommer. In einer Szene, die die Sehnsucht
und den Abschied von der Kindheit gleichermaßen beschwört, entblößt
sich Antoine vor den Augen seiner erstaunten Mutter und Schwester, um daraufhin
in den Fluss seiner Kinder- und Jugendjahre zu springen. Auf die Erfüllung
dieses Wunsches folgt die Einlieferung der Mutter in ein Altersheim. Dann sehen
wir die beiden Geschwister auf einer Autobahnraststätte: Der Hintergrund
aus Schnellstraßengeflecht und Motorengeräuschen, die Zeichen für
Transit und Übergang, kadrieren das Bild einer doppelten Heimatlosigkeit.
Der Aufbruch in die eigene Mündigkeit, der immer wieder neu und notwendigerweise
vollzogen werden muss, führt in die Rückhaltlosigkeit, die hier als
Selbstentmündigung des modernen Menschen lesbar wird. Jeder Schritt in
die vermeintliche Unabhängigkeit wird so zu einem Rückschritt, einem
Stolpern, einem Stürzen; jeder Fortschritt geht einher mit einer Entwurzelung.
In
einer Mischung aus Spiel und Verzweiflung übt Antoine den Selbstmord. Doch
beim Sturz aus dem Fenster seiner in einem sechsten Stock gelegenen Wohnung
auf die Straße bricht er sich wie durch ein Wunder „nur“ ein Bein. Zu
dieser Zeit wird er als Spezialist der Hirnchirurgie zum behandelnden Arzt seiner
Mutter, bei der wohl als Folge eines ihrer Stürze eine Gehirnverletzung
diagnostiziert wird. Jetzt muss Antoine, dessen Ruhe- und Rastlosigkeit nicht
zuletzt Ausdruck seiner Angst vor dem Tod ist, hilflos mit ansehen, wie seine
Mutter, deren Feindbild sich in dem Wort „modern“ konzentriert, stirbt. Aber
gerade im Zustand der vermeintlich geistigen Umnachtung zeigt diese noch einmal
ihre hellseherische, fast übersinnliche Begabung, aus der die Sensibilität
einer Distanz zu den Errungenschaften der modernen Lebenswelt spricht. So prophezeit
sie sowohl den „Unfall“ ihres Sohnes als auch den Blitzschlag ins elterliche
Haus auf dem Land.
Anziehen
und Abstoßen, Festhalten und Loslassen, Sich-Finden und Sich-Verlieren:
Kennzeichen eines Lebens im Zwischenreich, das Téchinés Film nicht
nur thematisiert, sondern auch abbildet. Wie die Verschiedenheit der Figuren,
deren psychische Differenziertheit ihnen Handlungs- und dem Zuschauer Interpretationsspielraum
lässt, und wie der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, spürbar
im Verhältnis zwischen natürlichen beziehungsweise festgesetzten Ordnungen
und ihren individuellen Ausgestaltungen, so präsentiert sich auch der Film
in formaler Hinsicht in seinen Wechselwirkungen. Dramatische Spannung resultiert
hier nicht aus der Entwicklung eines linearen Erzählverlaufs, der als Geschichte
bedeutsame Wegmarkierungen setzt, sondern aus der Gleichzeitigkeit der aufeinander
bezogenen Teile, die das Erzählte verräumlichen und die Aufmerksamkeit
des Zuschauers sowohl auf dessen Ränder als auch auf dessen Verknüpfungsmöglichkeiten
lenkt. Entsprechend seinen Figuren sucht auch Téchinés Film die
Freiheit in jenen Lücken, die entstehen, wenn das Geschlossene aufgebrochen,
die Begrenzungen überschritten werden. Als Suche nach der unmöglichen
Liebe und als Sehnsucht nach dem wahren Freund erscheint diese auf Vermittlung
setzende Entzweiung in dem Gedicht, das, von Emilie gesprochen, „Meine schönste
Jahreszeit“ beschließt.
Wolfgang
Nierlin
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: metamorphosen Nr. 23, April bis Juni 1998
Meine
liebste Jahreszeit
(Ma
saison préférée)
Frankreich
1993
122
Minuten
Regie:
André Téchiné
Drehbuch:
Pascal Bonitzer und André Téchiné
Produktion:
Alain Sarde
Musik:
Philippe Sarde
Kamera:
Thierry Arbogast
Schnitt:
Martine Giordano
Besetzung:
Catherine
Deneuve: Emilie
Daniel
Auteuil: Antoine
Marthe
Villalonga: Berthe
Jean-Pierre
Bouvier: Bruno
Chiara
Mastroianni: Anne
Carmen
Chaplin: Khadija
Anthony
Prada: Lucien
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